Dr. Sabine Voermans leitet das Team Gesundheitsmanagement der TK. Wir wollten von ihr wissen, was Gesundheitsförderung in Pandemiezeiten bedeutet.

TK: Frau Dr. Voermans, ist in Zeiten der Pandemie, in der viele Menschen versuchen, sich und andere vor dem Coronavirus zu schützen, überhaupt noch Platz für andere Präventionsbemühungen?

Dr. Sabine Voermans: Natürlich ist der Schutz vor dem Coronavirus gerade das Gesundheitsthema Nummer eins, und es gibt Bereiche, in denen ein Gesundheitsmanagement im Moment wenig Raum hat. Betriebe mit wirtschaftlichen Problemen haben keinen Kopf für ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). In Kitas und Schulen ist es erst einmal vorrangig, den Alltag zu organisieren, und besonders Vor-Ort-Termine mussten sowohl im Frühjahr als auch jetzt wieder verschoben werden. Derzeit haben wir allerdings den Vorteil, dass es im digitalen Bereich eine steile Lernkurve gab. Vieles ist mittlerweile auch aus der Ferne möglich.

Ein Großteil der schon gestarteten Gesundheitsförderungsprojekte läuft weiter. Da ist es die Kunst der Berater, einfach da zu sein und auf neue Fragestellungen reagieren zu können. Das ist zum Glück eine Stärke von uns.

Dr. Sabine Voer­mans

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Teamleiterin im Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse

Gleichzeitig gibt es die Tendenz, dass Gesundheit auch abgesehen vom Schutz vor Corona einen höheren Stellenwert bekommt. Unter anderem in Pflegeeinrichtungen und in Krankenhäusern ist die Nachfrage nach betrieblicher Gesundheitsförderung gestiegen. In Weimar haben wir zum Beispiel im November die Kooperation mit dem Sophien- und Hufeland-Klinikum begonnen.

Unter anderem in Pflegeeinrichtungen und in Krankenhäusern ist die Nachfrage nach betrieblicher Gesundheitsförderung gestiegen.
Dr. Sabine Voermans

Wenn wir uns unsere Studie "#whatsnext2020"  von diesem Jahr anschauen, sagen Unternehmen, dass gerade in Krisenzeiten wie der jetzigen ein Betriebliches Gesundheitsmanagement wichtiger denn je sei.

TK: Was sind in der Arbeitswelt gerade besonders wichtige Präventionsaufgaben?

Voermans: Mit der gegenwärtigen Ausnahmesituation geht einher, dass Menschen, so es die Arbeit zulässt, im Homeoffice sind. Deshalb verlagern sich die Prioritäten im BGM. Unternehmen stellen sich derzeit solche Fragen wie: Nun habe ich meine Mitarbeiter mit Geräten für die Heimarbeit ausgestattet - ist es das? Oder muss ich da nicht noch mehr tun? Der eine oder andere Arbeitnehmer merkt andersherum, dass einfach nur zu Hause zu sein und von dort zu arbeiten, auch nicht das Nonplusultra ist.

Es geht jetzt um Fragen wie: Wie führe ich aus der Entfernung heraus? Wie bleibe ich auch im Homeoffice gesund? Das klassische Ernähren - Bewegen - Entspannen spielt natürlich auch im Homeoffice eine Rolle. Ergonomie am Arbeitsplatz ist ebenfalls ganz wichtig. Wer nicht mehr von Besprechung zu Besprechung läuft, sondern nur noch am heimischen Küchentisch den Finger bewegen muss, um zur nächsten Videokonferenz zu kommen, merkt das am Ende des Arbeitstages eventuell im Rücken. Wenn wir bei Videokonferenzen sind, spielt auch Arbeitsverdichtung eine Rolle. Statt der Flurgespräche nach einem Meeting klicke ich mich jetzt vielleichtdirekt in die nächste fachliche Besprechung.

Menschelnde Themen in Videokonferenzen zu platzieren, ist nicht für jeden einfach. Wichtig wird damit auch die Frage, wie man ein Teamgefühl aufrechterhält.

Eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur bewährt sich gegenwärtig ganz besonders. Für Führungskräfte stellt sich im besonderen Maße die Frage nach Vertrauen. Fängt jetzt Kontrolle an? Bei Mitarbeitern geht es viel um Motivation und Selbstverantwortung. Lehne ich mich als Mitarbeiter zurück, weil es inzwischen keinen mehr interessiert? Für einige Unternehmen oder Abteilungen sind das ganz neue Themen, die nun auf einmal in den Vordergrund treten.

Eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur bewährt sich in Ausnahmesituationen wie der aktuellen ganz besonders.
Dr. Sabine Voermans

TK: Was ist gegenwärtig hilfreich für die Menschen, die selbst etwas für ihre Gesundheit tun wollen?

Voermans: Viele Präventionskurse, zum Beispiel an Volkshochschulen, konnten sowohl im Frühjahr als auch jetzt nicht mehr vor Ort angeboten werden. Es ist bemerkenswert, wie flexibel einige Anbieter reagiert haben und auf digitale Alternativen umgeschwenkt sind. Für die Teilnehmer ist es wichtig, dass auch die digitalen Angebote weiterhin bezahlt werden, was wir zuerst über Kulanzregelungen abgefangen haben.

Im Sommer haben wir unsere Satzung entsprechend angepasst. Wir erstatten auch digitale Angebote unter der Voraussetzung, dass sie entsprechend theoriebasiert, evaluiert und schlussendlich zertifiziert sind. Gleichzeitig freuen wir uns, dass im "Leitfaden Prävention" Mitte kommenden Jahres ein neuer Abschnitt in Kraft tritt, der explizit digitale Angebote regelt. Das war längst fällig, auch ohne Pandemie.

Interaktives Coaching ist in der jetzigen Zeit doppelt hilfreich. In der Vergangenheit waren Orts- und Zeitunabhängigkeit die meistzitierten Vorteile. Jetzt, da Offline-Alternativen zum Großteil wegfallen, können E-Coaches die fehlende Unterstützung ersetzen. Die Nutzerzahlen des TK-GesundheitsCoaches sind im Frühjahrslockdown deutlich gestiegen und auch jetzt noch höher als in den Vorjahren.

Zertifizierte Onlinekurse sind natürlich immer zu empfehlen. Letztendlich muss allerdings jeder selbst herausfinden, was für ihn passt. Manchmal sind das auch nur kleine YouTube-Videos oder Tipps, die man einfach liest. Wichtig ist, überhaupt etwas für Gesundheit und Wohlbefinden zu tun.

TK: Weil es unser letztes TK spezial vor Weihnachten ist: Was raten Sie den Thüringern für die Weihnachtszeit?

Voermans: Grundsätzlich sind die alten Empfehlungen dieselben geblieben: eine ausgewogene Ernährung mit viel frischem Gemüse und Obst, moderate Bewegung, am besten im Freien und - das ist zurzeit vielleicht besonders wichtig - immer mal wieder die eigenen Ansprüche überprüfen. Die Pandemie verlangt den meisten psychisch eine ganze Menge ab. Vielleicht darf gerade in diesem Jahr das Weihnachtsfest den einen oder anderen Schönheitsfehler haben, weil niemand noch mehr Stress braucht. Es sollte darum gehen, dass es uns gut geht.

Für die Vorweihnachtszeit im Büro empfehle ich, vielleicht mal einen Kaffeeklatsch mit den Kollegen per Videokonferenz auszuprobieren. Das fühlt sich im ersten Moment für den einen oder anderen komisch an, ist aber mit etwas Gewöhnung genauso möglich wie die digitale Arbeitsbesprechung. Gerade weil bei vielen die gewohnten Weihnachtsfeiern nicht stattfinden können, sollten wir für Alternativen aufgeschlossen sein. Die menschlichen Kontakte sind jetzt besonders wichtig.

Zur Person

Dr. Sabine Voermans, Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin, leitet das Gesundheitsmanagement (GM) der TK. Sie verantwortet die Strategie und Umsetzung des GM mit den Handlungsfeldern der Individualprävention, des Betrieblichen Gesundheitsmanagements, der Gesundheitsförderung in Lebenswelten und Pflege. Dazu gehören Angebote wie Gesundheitskurse und E-Coaching, die Beratung für Unternehmen, Hochschulen, Schulen, Kitas und Kommunen und die Gesundheitsberichterstattung der TK.