TK: Könnten Sie einführend die Rolle der Rechtsmedizin bei Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung beschreiben?

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Prof. Tanja Germerott: Im Falle des Verdachts auf eine Kindesmisshandlung ist eine sorgfältige Begutachtung des jeweiligen Einzelfalls erforderlich. Dieses einerseits um bei einer Erhärtung des Verdachts entsprechende Maßnahmen zum Schutz des Kindes einzuleiten, andererseits gibt es auch Fälle, in denen sich der Verdacht glücklicherweise nicht bestätigt.

Die Rechtsmedizin hat in der Begutachtung bei Verdacht auf Misshandlungs- und Missbrauchsfälle eine zentrale Rolle, da die Verletzungsbegutachtung und –interpretation bzw. die Rekonstruktion von möglichen Geschehensabläufen eine zentrales Aufgabenfeld des Faches ist. In jedem einzelnen Fall werden durch die Rechtsmedizin alle vorhandenen Befunde wie äußerliche und innerliche Verletzungen, aber  auch klinische Befunde wie Röntgenaufnahmen und Laboruntersuchungen zusammengeführt und ein Gutachten erstellt.

TK: Was versteht man unter einem Schütteltrauma und wie wird es verursacht?

Prof. Tanja Germerott: Ein Schütteltrauma wird durch ein massives Schütteln eines Säuglings hervorgerufen, wobei auch für einen medizinischen Laien erkennbar ist, dass diese Handlung schwerste Schädigungen hervorrufen kann. Bei einem massiven Schütteln pendelt der Kopf des Säuglings unkontrolliert hin und her, da die Nackenmuskulatur noch nicht den Kopf ausreichend stützen kann. Auch das Gehirn ist noch nicht ausgereift, so dass es durch unterschiedliche Beschleunigung von Schädel und Gehirn diffuse Hirnschädigungen resultieren.

TK: Welche Symptome können auf ein Schütteltrauma hinweisen?

Prof. Tanja Germerott: Die Symptome, die auf ein Schütteltrauma hinweisen können auch in Abhängigkeit von der Intensität des Schüttelns variieren. Hinweise sind zum Beispiel Schläfrigkeit bis hin zu komatösen Zuständen, Erbrechen, Krampfanfälle sowie Trinkschwäche. Üblicherweise finden sich äußerlich keine oder nur diskrete Verletzungen, wohingegen die neurologische Symptomatik sehr ausgeprägt ist.

TK: Welche  Untersuchungen führen Sie durch, um Sicherheit bei der Befunderhebung zu erlangen?

Prof. Tanja Germerott: Seitens der Rechtsmedizin erfolgt eine körperliche Untersuchung im Hinblick auf äußerlich sichtbare Verletzungen. In der Klinik werden, ggf. nach Absprache mit der Rechtsmedizin, zahlreiche Untersuchungen wie Bildgebung des Kopfes, Röntgen- und Laboruntersuchungen durchgeführt. Sämtliche Befunde werden dann von der Rechtsmedizin zusammengeführt und münden in einer abschließenden Beurteilung.

Typische Befunde sind u.a. Hirnschädigungen bzw. Hirnblutungen und Einblutungen in die Netzhaut. In jedem Fall muss jedoch eine sorgfältige Abklärung erfolgen, um alternative Entstehungsursachen wie z.B. seltene Erkrankungen auszuschließen. 

TK: Was folgt, wenn die Diagnose "kindliches Schütteltrauma" als gesichert gilt?

Prof. Tanja Germerott: Da es sich bei einem Schütteltrauma um eine sehr schwere Form der Kindesmisshandlung mit oftmals gravierenden Folgeschäden für das Kind handelt, schließt sich regelhaft ein Ermittlungsverfahren an.  

TK: Wo liegen Ihres Erachtens nach die Herausforderungen hinsichtlich der Prävention?

Prof. Tanja Germerott: Ein ganz zentraler Aspekt ist die Aufklärung junger Eltern, dass Säuglinge niemals geschüttelt werden dürfen, da schwerste bis tödliche Verletzungen resultieren können. Oftmals findet ein Schütteln in Überlastungssituationen statt, z.B. wenn das Baby nicht aufhört zu schreien. Im Zuge der Prävention sollten Eltern unbedingt auch darüber aufgeklärt werden, dass es zu sehr schwierigen und belastenden Situationen mit dem Baby kommen kann und welche Maßnahmen sie ergreifen bzw. welche Hilfen sie in Anspruch nehmen können.

Zur Person

Professorin Tanja Germerott studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und machte eine Weiterbildung zur Fachärztin für Rechtsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Bern, Schweiz.
Germerott erlangte die Habilitation zur Thematik der postmortalen Bildgebung.
Sie übernahm den Aufbau und die Leitung des Projektes Netzwerk ProBeweis in Niedersachsen (Niederschwellige Gewaltopferversorgung).
Seit 2017 ist sie Direktorin des Institutes für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz.