Die Geschlechts- und Altersstruktur wird üblicherweise rechnerisch standardisiert, sodass entsprechende Strukturdifferenzen der Bundesländer keinen Einfluss auf die Werte haben dürften. Was ist es dann? Sind Thüringer wirklich so viel kränker als andere?

Erkältungskrankheiten häufigste AU-Ursache

Eine bei der Techniker versicherte Erwerbsperson war 2017 in Thüringen durchschnittlich 18 Tage krankgeschrieben, so der aktuelle Gesundheitsreport. 

Mit rund 44 Fällen je 100 Versicherungsjahren (VJ) war eine Arbeitsunfähigkeit (AU) am häufigsten mit "Krankheiten des Atmungssystems" begründet. Zu diesem ICD-10-Diagnosekapitel X zählen insbesondere Erkältungskrankheiten, aber auch die klassische Grippe. Häufigste Diagnose einer Arbeitsunfähigkeit war 2017 - wie in den Vorjahren - die ICD-10-Diagnose J06 „Akute Infektion der oberen Atemwege“ mit 23 AU-Fällen je 100 VJ.

Bei den AU-Tagen - also der Krankheitsdauer, nicht der Ursache - machten Muskel- und Skeletterkrankungen den größten Anteil aus, gefolgt von Atemwegserkrankungen, psychischen und Verhaltensstörungen sowie Verletzungen und Vergiftungen. Die Zahlen und Tendenzen der großen Krankenkassen in Thüringen weichen nicht wesentlich voneinander ab.

Die Fehlzeiten liegen bei Atemwegserkrankungen rund 32 Prozent und bei Verletzungen 21 Prozent über den bundesweiten Ergebnissen. Bei Erkrankungen des Bewegungsapparats werden bundesweite Werte um 17 Prozent und bei psychischen Störungen um 3 Prozent überschritten.

(Nicht) Ohne Krankschein zu Hause

Dieser statistische Unterschied zwischen Thüringen, wie auch den meisten anderen neuen Bundesländern, und dem Bundesdurchschnitt lässt sich zu einem Großteil auf strukturelle Unterschiede der Wirtschaft in den Ländern zurückführen. Ein Sonderfall ist Sachsen, wo die Wirtschaftsstruktur im ostdeutschen Vergleich eher großgewerblich ist.

Zum einen gibt es hierzulande mehr Berufspendler und Handwerker, die in kleinen Betrieben arbeiten. Die Zahlen von Arbeitsunfällen, Vergiftungen und Ähnlichem ist in solchen Strukturen traditionell höher.

Um dem Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement einen angemessenen Stellenwert zuteilwerden zu lassen, fehlen in kleineren Unternehmen oft noch das Bewusstsein oder die Strukturen. "Noch" ist hier eine wichtige Einschränkung, da gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen immer mehr zum Wirtschaftsfaktor werden. Damit können Beschäftigte länger im Beruf gehalten und die händeringend gesuchten, gut ausgebildeten Fachkräfte für das eigene Unternehmen begeistert werden.

In den alten Bundesländern ist es aber auch deutlich häufiger als in der Thüringer Wirtschaft üblich, dass Beschäftigte auch ohne Krankenschein ein paar Tage zu Hause bleiben, weil sie sich nicht gut fühlen. Gängig sind in Branchen- oder Firmentarifverträgen bis zu drei Tagen Krankheit mit Lohnfortzahlung ohne Attest. Diese Tage erscheinen dann nicht in der Krankenstatistik; bei "Krankenscheinpflicht" ab dem ersten Tag jedoch schon.

Beispiel Husten, Schnupfen, Heiserkeit

Erkältungskrankheiten sind dafür ein typisches Beispiel. Viel mehr als Ruhe zu verordnen, macht ein Arzt dann häufig auch nicht. Der Patient aber hat die Zeit des ohnehin schon überdurchschnittlich gut ausgelasteten Thüringer Arztes benötigt und sich im schlechtesten Fall im Wartezimmer einen zusätzlichen Virus eingefangen. Nicht zufällig liegen die Werte in diesem Bereich deutlich über jenen in Westdeutschland. Gleiches gilt für den klassischen Magen-Darm-Infekt.

Mit dem verschriftlichten oder eben nicht verschriftlichten Recht für Arbeitnehmer geht in einigen Fällen leider auch eine unterschiedliche Haltung einher, bei Arbeitnehmern wie Arbeitgebern.

Präsentismus, also zur Arbeit zu gehen, obwohl man eigentlich krank ist, und die Erwartung, dass bis zum Umfallen gearbeitet werden muss, sind in Ostdeutschland deutlich weiter verbreitet. Beides schadet aber nicht nur der Produktivität, sondern allen voran den Menschen. Ein Kulturwandel hin zu mehr Vertrauen wäre gesundheitsförderlich - sowohl für die Kranken als auch für die Kollegen im Büro, die nicht angesteckt werden. Zudem dürfte mehr Vertrauen gerade in Zeiten von Fachkräftemangel schon bald zum hilfreichen Standortfaktor werden.

Warum Berufstätigkeit unterbrochen wird

Der Gesundheitsreport der Techniker befasste sich 2017 im Schwerpunkt mit Erwerbsbiografien von Berufstätigen in Deutschland. Mit rund 67 Prozent waren in Thüringen genauso viele Berufstätige von 2013 bis 2017 durchgängig sozialversicherungspflichtig beschäftigt wie im Bundesdurchschnitt. Auch bei Unterbrechungen wegen Arbeitslosigkeit von mindestens 365 Tagen liegt der Freistaat im bundesdeutschen Mittel.

Kürzere Zeit ohne Arbeit, mindestens einen Tag, waren im untersuchten Zeitraum 16 Prozent der 20- bis 65-jährigen TK-versicherten Thüringer, etwa 0,7 Prozent mehr als im Bundesschnitt. Auch Elternzeit oder Elterngeldpausen waren knapp ein Prozent häufiger als im gesamten Bundesgebiet.

Gleichzeitig waren in Thüringen, wie in allen ostdeutschen Bundesländern, weniger Berufstätige zumindest zwischenzeitlich familienversichert und verfügten demnach in dieser Zeit über kein beitragsrelevantes eigenes Einkommen. Im Süden Deutschlands, besonders in Baden-Württemberg, war der Anteil dagegen deutlich überdurchschnittlich. Ist der Partner beziehungsweise bei jüngeren Menschen die Eltern gesetzlich versichert, können sich die Betroffenen beitragsfrei mitversichern lassen. Diese Mitversicherung wird als "Familienversicherung" bezeichnet. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Dazu gehören die Aufnahme eines Studiums ohne relevantes eigenes Einkommen, die Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen oder der Wegfall von Arbeitslosengeldzahlungen.

Die vergleichsweise geringe Familienversicherungsrate in Thüringen und den anderen neuen Bundesländern dürfte durch die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen mitbedingt sein. Ergänzend durchgeführte Analysen bestätigen, dass die Unterschiede vor allem bei den Frauen zu finden sind.