TK spezial: Was sind Humane Papillomviren?

Prof. Dr. Michael Pietsch, Leiter der Abteilung für Hygiene und Infektionsprävention der Universitätsmedizin Mainz Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Prof. Dr. Michael Pietsch

Pietsch: Es handelt sich dabei um eine große Virusfamilie. Man kennt sie erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts. In den 1980er Jahren konnte der deutsche Virologe Harald zur Hausen nachweisen, dass einzelne dieser Viren den Gebärmutterhalskrebs verursachen. Dafür hat er den Medizin-Nobelpreis erhalten. Insgesamt gibt es 170 Humane Papillomviren (HPV). Sie haben die gemeinsame Eigenschaft, Haut und Schleimhäute des Menschen zu besiedeln und sich darin zu vermehren. Die Viren gelangen häufig über kleinste Verletzungen dorthin.

TK spezial: Sind alle Viren gefährlich?

Pietsch: Man unterscheidet zwischen Erregern, die zu einer Erkrankung führen können, und solchen, die dazu nicht in der Lage sind. Aber selbst durch die pathogenen Viren muss es nicht unbedingt zu einem schweren Krankheitsverlauf kommen. In der Mehrzahl heilt eine Infektion nach 1-2 Jahren aus. Allerdings kommt es auch zu drastischen Verlaufsformen. Dabei differenziert man zwischen Hochrisiko- und Niedrigrisiko-Virustypen. Zu den ersten gehören derzeit zwölf Typen. Sie können den erwähnten Gebärmutterhalskrebs verursachen, das sogenannte Zervixkarzinom, Tumore von Vulva und Vagina, das Peniskarzinom, Analkarzinome sowie bösartige Erkrankungen in Mundhöhle und Rachen. Niedrigrisikotypen sind unter anderem für die Entstehung  von Genitalwarzen verantwortlich, den sogenannten Condylomata acuminata.

TK spezial: Warum ist eine Impfung medizinisch sinnvoll?

Pietsch: Impfungen haben das Ziel, vor einer Infektion zu schützen. Bei Virusimpfungen kommt hinzu, dass nicht nur der Geimpfte einen Schutz hat, sondern dass er das Virus auch nicht mehr auf eine andere Person übertragen kann, die eventuell nicht immunisiert wurde und deshalb ungeschützt ist. Da das Zervixkarzinom zu fast 100% mit HPV in Verbindung gebracht wird, wurde die Impfung zunächst für Mädchen und junge Frauen eingeführt. Immerhin erkranken in Deutschland jedes Jahr etwa 4.500 Frauen daran, jede Dritte davon verstirbt. Die komplette Impfung – je nach Alter zwei oder drei Injektionen – verhindert fast vollständig die Entstehung von Vorformen des Karzinoms in der weiblichen Genitalschleimhaut, sodass davon ausgegangen werden kann, dass dadurch auch die Entstehung des Tumors selbst verhindert wird. Der HPV-Anteil an der Entwicklung von Penis-, Anal-, Mundhöhlen- und Rachen-Karzinomen variiert in der Höhe und liegt darunter.

TK spezial: Ist es dann auch sinnvoll, Jungen zu impfen?

Pietsch: Auch Jungen und junge Männer profitieren von einer Impfung. So können bei etwa jedem zweiten Geimpften Penisinfektionen und bei bis zu Dreiviertel Vorformen des Analkarzinoms verhindert werden. In einer Studie der Universität Bielefeld konnte berechnet werden, dass bei einer Impfquote von etwa der Hälfte der Mädchen und etwa einem Viertel der Jungen in den kommenden 100 Jahren nur durch die zusätzliche Impfung auch der Jungen etwa 47.000 Karzinome bei beiden Geschlechtern verhindert werden können, darunter zusätzliche über 22.000 Erkrankungen an Gebärmutterhalskrebs bei Frauen. Das liegt daran, dass die geimpften Männer die Viren nicht mehr auf die Frauen übertragen können. Die Impfung der Jungen ist auch ein Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit! 

TK spezial: Wer sollte eine Impfung erhalten?

Pietsch: In erster Linie müssen Mädchen und Jungen vor Beginn ihrer sexuellen Aktivität, möglichst im Alter von 9-14 Jahren, spätestens jedoch vor dem 18. Geburtstag, geimpft werden. Es ist sehr zu begrüßen, dass die Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut  jetzt auch die Immunisierung von Jungen empfiehlt. Glücklicherweise haben Krankenkassen wie die TK sich sofort bereit erklärt, die Kosten dafür zu übernehmen und auf diese Weise einen Anreiz für Eltern zu bieten, ihre Jungen auch impfen zu lassen. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass über die STIKO-Empfehlung hinaus auch Frauen und Männer ab dem 18. Lebensjahr von der Impfung profitieren können. Selbst wenn schon eine Infektion mit einem Virustyp stattgefunden hat, schützt die Impfung trotzdem gegen die anderen im Impfstoff enthaltenen Virustypen.

TK spezial: Wie lange hält der Impfschutz an?

Pietsch: Das ist bislang noch nicht endgültig geklärt. In Deutschland wird immerhin erst seit 2007 gegen HPV geimpft. In Studien konnte jedoch gezeigt werden, dass der Impfschutz bei Mädchen bzw. Frauen über 12 Jahre hinweg unverändert hoch blieb. Man kann also davon ausgehen, dass die HPV-Impfung eine lang anhaltende Wirkung hat.

TK spezial: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Prof. Dr. med. Michael Pietsch ist Leiter der Abteilung für Hygiene und Infektionsprävention und Leitender Krankenhaushygieniker der Universitätsmedizin Mainz. Nach dem Medizinstudium in Mainz und Innsbruck absolvierte er eine Weiterbildung zum Hygieniker und Umweltmediziner und erwarb am Tropeninstitut in Hamburg das Diplom in Tropenmedizin und Medizinischer Parasitologie. Es folgten die Leitung der Abteilung für Mikrobiologie im Landeshygieneinstitut Schwerin und die Habilitation an der Universität Greifswald. Anschließend wurde er Oberarzt in der Hygiene-Abteilung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Er ist Mitglied von Normungsgremien sowie von Leitlinienkommissionen medizinischer Fachgesellschaften und gehört den Wissenschaftlichen Beiräten von Fachzeitschriften an. Die Medizinische Universität in Woronesch/Russland hat ihm den Ehrendoktortitel verliehen. Dort ist er auch Gastprofessor. Michael Pietsch ist verheiratet und hat drei Kinder.