TK: Frau Janz, Sie beschäftigen sich mit dem Thema Prävention bereits seit vielen Jahren - früher auf kommunaler Ebene als Gesundheitsdezernentin der Stadt Kassel sowie als Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Deutschen Städtetags. Wie hat sich Ihr Blick auf das Thema durch Ihre Funktion als Staatsekretärin verändert? 

Anne Janz: Mein Blick auf das Thema hat sich gar nicht verändert, lediglich die Ebene ist eine andere. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Prävention praktische und schlagkräftige Strukturen braucht und dass wir ein einheitliches Verständnis des Präventionsbegriffs brauchen. Als Staatssekretärin kümmere ich mich jetzt einfach mehr um die Struktur als um die konkrete Arbeit vor Ort.

Anne Janz

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Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration

Wir können Rahmenbedingungen schaffen, indem wir beispielsweise Anreize mit Förderprogrammen für Prävention setzen. Hier können vor allem auch wissenschaftliche Erkenntnisse gut einbezogen und mit den Förderprogrammen innovative Ansätze gestärkt werden. Das können und müssen wir als Land unterstützen und stärken, damit Prävention von und in den Kommunen gelebt werden kann. Besonderes Augenmerk müssen wir gerade jetzt, bedingt durch die Pandemie, auf die psychosoziale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen legen. 

Besonderes Augenmerk müssen wir gerade jetzt, bedingt durch die Pandemie, auf die psychosoziale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen legen.
Anne Janz

Eine gute und enge Zusammenarbeit, insbesondere zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen und der Jugendhilfe sowohl auf Landes- wie auch auf kommunaler Ebene, ist mir hier sehr wichtig.

TK: Prävention wird in den Kommunen sehr verschieden gelebt, was in vielen Fällen mit unterschiedlicher personeller Ausstattung oder fehlendem Know-how zu tun hat. Welche Erwartungshaltung haben Sie an die zuständigen Akteurinnen und Akteure vor Ort?

Janz: Zielrichtung von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung ist es, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ein gesundheitsförderliches Leben für alle Menschen nicht nur ermöglicht, sondern auch ganz explizit gefördert wird. Das bedeutet, dass überall dort, wo Menschen leben, aufwachsen, lernen, arbeiten und älter werden, ihre Lebenswelten so gestaltet sind, dass sie lange und gesund leben können. 
 
Damit dies gelingen kann, sind aus meiner Sicht nicht nur unmittelbar Akteure vor Ort gefragt, sondern die gesamte Gesellschaft. Es braucht viele verschiedene Akteure, die Hand in Hand zusammenwirken. Die Grundlage für diese Zusammenarbeit in Hessen bildet die "Landesrahmenvereinbarung Prävention". Ich freue mich sehr, dass wir es in Hessen trotz der Pandemie geschafft haben, sie zu novellieren und verbindliche Strukturen für diese gemeinsame Arbeit zu schaffen.

Jetzt wird es in diesem Jahr darum gehen, die neuen Strukturen mit Leben zu füllen. Ich wünsche mir daher von allen Partnern ein starkes Engagement in den neuen Fachforen. Es sollte in einer Vielzahl an guten Vorhaben vor Ort münden, in denen bereits bestehende Angebote der Sozialversicherungsträger, Kommunen und des Landes sinnvoll miteinander verknüpft und um neue, bedarfsgerechte Angebote ergänzt werden.

TK: Das Land plant die Einrichtung eines Landesamts für Gesundheit. Welche Rolle soll diese neue Behörde künftig im Bereich Prävention spielen?

Janz: Der Öffentliche Gesundheitsdienst kann als Steuerungszentrale für Prävention dienen. An ihn könnten Präventionsketten angegliedert sein, beispielsweise könnten aus den Bereichen gesundes Aufwachsen, gesund älter werden oder aus den Kindervorsorgeuntersuchungen Daten zusammenlaufen, die eine Zustandsbeschreibung ermöglichen, wie Prävention umgesetzt wird und wie erfolgreich sie ist. Das Landesamt für Gesundheit müsste hier dann eine koordinierende Rolle einnehmen.

Prävention ist immer dann am wirksamsten, wenn sich die zuständigen Akteurinnen und Akteure abstimmen.
Anne Janz

TK: An welchen Stellen muss der Bund die Weichen stellen, damit Prävention auf Landesebene und kommunaler Ebene noch zielgerichteter ansetzen kann und welche Wünsche haben Sie an die neue Bundesregierung in diesem Bereich?

Janz: Prävention ist immer dann am wirksamsten, wenn sich die zuständigen Akteurinnen und Akteure abstimmen. Wenn sich ihre jeweiligen Maßnahmen ergänzen und damit ihre Wirkung optimieren. Das Präventionsgesetz hat hierzu einen ersten gesetzgeberischen Rahmen geschaffen. Ich bin allerdings froh, dass vorhandene Schwachstellen im Gesetz überarbeitet werden sollen. Aber auch für Präventionsaktivitäten, die nicht unter das Präventionsgesetz fallen, ist ein abgestimmtes Vorgehen sinnvoll. Die neue Bundesregierung hat zum Beispiel auch die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken vereinbart und begleitende Präventionsmaßnahmen hierbei als grundlegend bezeichnet.
 
Bis das Gesetz verabschiedet ist, wird es noch dauern, allerdings können Präventionsmaßnahmen solange nicht warten. Und auch die Fachstellen vor Ort können nicht auf den notwendigen Mittelzuwachs warten, bis die potenziellen Steuereinnahmen aus dem Cannabisverkauf realisiert sind, um daraus die Maßnahmen zu finanzieren. Ich wünsche mir deshalb seitens des Bundes Mittel, die den Suchtpräventionsfachkräften im Vorfeld zur Verfügung gestellt werden. Nur so können Präventionskonzepte vor dem Hintergrund der neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen erarbeitet sowie entsprechende Maßnahmen geplant und umgesetzt werden.

Um hierbei ein abgestimmtes Vorgehen zu gewährleisten, wäre es hilfreich, in einem Fachgremium mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundesebene, der Länder und der Suchthilfe ein solches zu erarbeiten.

TK: Sie sind seit 2019 Vorsitzende des Vorstands der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e. V. (HAGE). Welche Schwerpunkte setzen Sie dort in Ihrer Arbeit?  

Janz: Die HAGE ist in meinen Augen etwas ganz Besonderes. Sie ist quasi eine Agentur für Gesundheitsförderung, denn Sie vereint niedrigschwellig über 60 Mitgliedsorganisationen, die sich im Sozial- und Gesundheitswesen engagieren. Sie vernetzt diese untereinander und gibt wichtige fachliche Impulse. Als Vorstandsvorsitzende ist mir diese multidisziplinäre und sektorenübergreifende Zusammenarbeit der HAGE ein wichtiges Anliegen. Denn viele der Faktoren, die den Gesundheitszustand der Bevölkerung beeinflussen, liegen nicht allein im, sondern vielmehr außerhalb des Gesundheitswesens. Um hier etwas zu bewegen, braucht es vor allem auch Maßnahmen in anderen Bereichen, etwa im Verkehr und in der Stadtplanung - ganz im Sinne des Schlagwortes "Health in All Policies". Mit Freude beobachte ich daher die wachsende Zahl an Akteurinnen und Akteuren, die sich für mehr Prävention und Gesundheitsförderung engagieren, und die vielen neuen Vorhaben, die auf den Weg gebracht und auch durch die HAGE unterstützt und zum Teil umgesetzt werden.

Für die Zukunft sehe ich die Notwendigkeit, dass wir uns dem Thema Klimawandel verstärkt widmen. Die Veränderungen im Klima sind von erheblichem Einfluss auf unsere Gesundheit. Um weiter gesund leben zu können, werden wir sowohl unser Verhalten ändern als auch unsere Lebenswelten dem Klima anpassen müssen. Viele Akteurinnen und Akteure im Sozial- und Gesundheitswesen haben dies erkannt. Die HAGE sehe ich hier als eine wichtige Ansprechstelle zur Vernetzung und für den Wissenstransfer.

TK: Eine vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Studie kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass insbesondere Menschen aus vulnerablen Gruppen ihre Gesundheitskompetenz als unzureichend empfinden. Welche Lösungsansätze gibt es hierfür in Hessen?

Janz: Die Chancen auf ein gesundes Leben sind leider nicht für alle Menschen in Deutschland gleich, die Ursachen hierfür sind vielfältig und komplex. Menschen in besonderen Lebenslagen, etwa Alleinerziehende, Arbeitslose oder Menschen mit Migrationshintergrund, sind häufiger von Armut betroffen. Sie haben geringere Chancen auf ein gesundes Leben, einen guten Zugang zum Gesundheitswesen und den Umgang mit Gesundheitsinformationen. 

Hessen setzt sich daher für mehr gesundheitliche Chancengerechtigkeit ein. Das Land fördert die Koordinierungsstelle für Gesundheitliche Chancengleichheit gemeinsam mit den Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Ich schätze diese engagierte Arbeit sehr. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts ist allerdings die Abwicklung der GKV-Finanzierung für verfassungswidrig erklärt worden. Diese lief bislang über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Das muss sich künftig ändern. Ich hoffe, dass sich schnellstmöglich ein neuer Weg der Weiterfinanzierung findet. 

Das Land Hessen fördert zudem im Rahmen einer Förderrichtlinie den Aufbau von Ansprechpersonen in den Kommunen, die passgenaue Strategien vor Ort entwickeln, Netzwerke knüpfen und viele Angebote besser miteinander verzahnen. Wir wollen den Fokus besonders auf junge Familien und Kinder richten. Damit sie gut aufwachsen können, fördern wir in Kooperation mit der Auridis Stiftung in den kommenden Jahren den Aufbau von kommunalen Präventionsketten unter Einbeziehung der Kinderrechte, die vor Ort insbesondere Angebote der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens verknüpfen.

TK: Das Gesundheitswesen wird immer digitaler. Welches Potenzial sehen Sie in den neuen digitalen Möglichkeiten für die Prävention und für die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung und wie können wir diese Entwicklung beschleunigen?

Die Digitalisierung bietet auch große Chancen für niedrigschwellige Angebote.
Anne Janz

Janz: Die vielen digitalen Möglichkeiten halten Einzug in alle unsere Lebensbereiche. Sie haben ein großes Potential, das Gesundheitswesen zu verbessern und unser Leben gesundheitsförderlicher zu gestalten. Dabei ist es meines Erachtens aber auch wichtig, dass nicht nur technische Lösungen geschaffen werden, sondern auch, dass Menschen befähigt werden, diese kompetent zu nutzen. Ob man von den digitalen Lösungen profitieren kann und wie gut man sie nutzen kann, sollte allerdings nicht vom sozialen Status abhängen. 

Die Digitalisierung bietet auch große Chancen für niedrigschwellige Angebote, damit alle Menschen Gesundheitsinformationen verstehen und nutzen können. Damit wir alle Menschen mitnehmen können, sollten bei der Entwicklung der Lösungen sowohl die Gesamtbevölkerung mitgedacht als auch Konzepte zur Verbesserung der Kompetenzen, insbesondere für Menschen in besonderen Lebenslagen, entwickelt werden. Das verstärkte Engagement aller Akteurinnen und Akteure ist hier gefragt, zum Teil haben sie ja auch einen gesetzlichen Auftrag, sich darum zu kümmern. Aus meiner Sicht bieten die neuen Fachforen der Landesrahmenvereinbarung eine gute Plattform, gemeinsam aktiv zu werden und einen sinnvollen Beitrag zu mehr gesundheitlicher Chancengleichheit zu leisten.

TK: Welche Gesundheits-Apps benutzen Sie und welche würden Sie sich wünschen?

Janz: Ich benutze gerne meine Fitness-Apps, speziell für meine Gymnastik, mein Yoga und Pilates. Ich finde es gut, mit den Apps hin und wieder den eigenen Fitnesszustand zu überprüfen. Ich fände eine App gut, in der man jegliches Gesundheitswissen abfragen kann. Ratgeberwissen, das zuverlässig, seriös, interessant, wissenschaftlich fundiert und unterhaltsam aufbereitet ist. Vor allem aber sollten die Informationen ohne erhobenen Zeigefinger präsentiert sein.

Zur Person

Anne Janz wurde 1958 in Braunschweig geboren. 1985 schloss sie ihr Studium an der Uni Kassel als Diplomsozialarbeiterin und Sozialpädagogin ab. 2002 beendete sie ein weiteres Studium an der Evangelischen Fachhochschule Hannover als Diplom-Sozialwirtin. In den 90er Jahren bis 2004 war Janz Geschäftsführerin der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Rathaus in Kassel. Direkt im Anschluss daran wurde sie Dezernentin für Jugend, Frauen, Gesundheit und Bildung in Kassel. Dieses Amt hatte sie inne bis zu ihrer Berufung als Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration im Jahr 2019. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden sowie in Kassel und hat zwei erwachsene Kinder.