TK: Frau Prof. Dr. Schott, das Projekt PROCARE wendet sich sowohl an die Pflegekräfte als auch an die Bewohner von Pflegeheimen. Welche Aktivitäten werden für welche Gruppe angeboten? Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Nadja Schott: Auf der Ebene der Mitarbeiter*Innen stehen Ergonomie-Schulungen, Rückenfitnesskurse oder Entspannung sowie Maßnahmen zur Stressbewältigung ganz oben auf der Wunschliste. Das Angebot findet für alle Interessierten über 22 Wochen hinweg einmal pro Woche für ca. 30-45 Minuten statt.

Die Ergonomie-Schulungen gehen beispielsweise auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers bei der Durchführung der arbeitsplatzspezifischen Tätigkeit ein. Es werden außerdem Möglichkeiten zur Optimierung der eigenen Bewegungen aufgezeigt sowie individuell angepasste Übungen zur Kompensation von muskulären und skelettalen Defiziten in der Haltung angeleitet.

Für die Bewohner*Innen wurde auf Basis eines partizipativen Ansatzes eine Intervention entwickelt, die Bewegung, Kognition und psychosoziales Wohlbefinden adressiert. Das Programm findet 16 Wochen lang zweimal die Woche für ca. 45 Minuten statt.

Dabei wird in Kleingruppen sowohl mit gehfähigen als auch nicht-gehfähigen Bewohner*Innen beispielsweise auf die Förderung von Kraft und Gleichgewicht mit und ohne kognitive Zusatzaufgaben eingegangen: Eine Übung wäre etwa das Gehen mit gleichzeitigem Aufzählen von Objekten mit dem Anfangsbuchstaben F. Diese Spiel- und Übungsformen sind wichtig im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung der Mobilität wie auch zur Sturzprävention.

TK: Gibt es schon erste Erfahrungen und Rückmeldungen der Beteiligten?

Nadja Schott: Grundsätzlich wird der PROCARE-Prozess von allen Pflegeeinrichtungen als positiv wahrgenommen und viele möchten die neu aufgebauten Strukturen zur Präventionsarbeit ausbauen und/oder verstetigen. Die erhofften positiven Effekte auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter*Innen und Bewohner*Innen konnten bislang erzielt werden und es herrscht eine breite Akzeptanz auch seitens der Führungskräfte. Die Datenerhebung und -auswertung läuft noch. Insofern können noch keine Angaben zu tatsächlichen Veränderungsraten gemacht werden.

TK: Sind Sie bei der Gewinnung von Pflegeheimen auf Schwierigkeiten gestoßen und wenn ja, welche?

Nadja Schott: Die Akquise der Einrichtungen verlief weitgehend problemlos. Es gab einige Einrichtungen, die aus unterschiedlichen Gründen kein Interesse hatten, das Projekt in ihrem Haus durchzuführen. Die Einrichtungen, die uns nach einem telefonischen Erstkontakt zu einem persönlichen Gespräch eingeladen hatten, haben im Nachhinein ihre Zusagen erteilt. 

TK: Was ist das Ziel des bundesweiten Projekts und wie sieht die Evaluation aus?

Nadja Schott: Neben der Akzeptanz des Vorgehens werden die Effekte auf körperliche und psychische Parameter bei den Mitarbeiter*Innen und Bewohner*Innen erfasst. Hinzu kommen Teilnehmerzahlen und die nachhaltige Implementierung. Die Evaluation umfasst sowohl Befragungen als auch körperliche Messungen.

Insgesamt hat jeder universitäre Standort am Ende sechs Pflegeeinrichtungen betreut, was zu einer Summe von 48 Einrichtungen deutschlandweit führt. Die Analysen umfassen dann regionale Unterschiede, die Größe der Einrichtungen, sozioökonomische Unterschiede der Bewohner*Innen und vieles mehr.

Am Ende soll ein Modell stehen, wie Präventionsarbeit in Pflegeeinrichtungen mit verschiedensten Grundvoraussetzungen gelingen kann und welche Erfolge mit dem strukturierten Vorgehen von PROCARE für stationäre Pflegeeinrichtungen zu erwarten sind.