Die Mitarbeiter in den Pflegeheimen leiden unter dem Fachkräftemangel und belastenden Arbeitsbedingungen. Im Ernstfall wirkt sich dies auch auf die Pflegebedürftigen aus.

Unter der Leitung von Vertretungsprofessorin Dr. Bettina Wollesen von der Universität Hamburg entwickeln Wissenschaftler aus ganz Deutschland in dem Modellprojekt "PROCARE" ein Präventionsprogramm für Pflegeeinrichtungen, das sich sowohl an die Pflegekräfte als auch an die Pflegebedürftigen richtet.

Im aktuellen "Zur Sache" stellt Dr. Bettina Wollesen erste Erkenntnisse des Projekts "PROCARE" vor.

TK: Frau Wollesen, das Projekt "PROCARE" richtet sich sowohl an die Pflegekräfte als auch an die Bewohner von Pflegeheimen. Wie gehen Sie im ersten Schritt in den Pflegeeinrichtungen vor?

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Dr. Bettina Wollesen

Wollesen: Wir kontaktieren die Einrichtungen und erfragen die aktuelle Situation und den Bedarf für gezielte Präventionsmaßnahmen. Hierbei ist es wichtig, eine gemeinsame Idee über den gesamten Prozess zu haben und dass dieser nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann.

Die Einführung und Umsetzung der Präventionsarbeit erfordert das Einvernehmen, die notwendige Zeit und eventuell auch strukturelle Veränderungen in Kauf zu nehmen (zum Beispiel Dienstplanänderungen, um an Maßnahmen teilzunehmen, oder den Raum für das gemeinsame Essen mit den BewohnerInnen zum Bewegungsraum umzuräumen).

Wenn die Bereitschaft für diese Maßnahmen besteht, erfolgen Befragungen und Interviews mit allen Beteiligten (MitarbeiterInnen, Leitungskräfte, BewohnerInnen, Angehörige), um Beschwerden, Belastungen und Wünsche zu erfassen. Dann erfolgt das Mitarbeiten in der Einrichtung, um ein Gefühl für die Besonderheiten der Einrichtung zu bekommen.

TK: Wenn Sie die Bedarfe der Pflegekräfte und Bewohner ermittelt haben, welche Maßnahmen werden dann üblicherweise ergriffen?

Wollesen: Auf der Ebene der MitarbeiterInnen stehen Ergonomie-Schulungen, Rückenfitnesskurse, Yoga oder Entspannung sowie Maßnahmen zur Stressbewältigung ganz oben auf der Wunschliste. Für die BewohnerInnen wurde auf Basis eines partizipativen Ansatzes eine Intervention entwickelt, die Bewegung, Kognition und psycho-soziales Wohlbefinden adressiert.

TK: Im Großraum Hamburg läuft das Projekt ja schon seit etwa einem Jahr mit sechs Pflegeeinrichtungen. Von welchen ersten Ergebnissen können Sie berichten?

Wollesen: Grundsätzlich wird der "PROCARE"-Prozess von allen Pflegeeinrichtungen als positiv wahrgenommen und viele möchten die neu aufgebauten Strukturen zur Präventionsarbeit ausbauen und/oder verstetigen. Die erhofften positiven Effekte auf das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen und Bewohner konnten erzielt werden und es herrscht eine breite Akzeptanz auch seitens der Führungskräfte. Die Datenerhebung und -auswertung ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Die erhofften positiven Effekte auf das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen und Bewohner konnten erzielt werden.

TK: Wird das Projekt am Ende evaluiert, und wie sieht die Evaluation aus?

Wollesen: Neben der Akzeptanz des Vorgehens werden die Effekte auf körperliche und psychische Parameter bei den MitarbeiterInnen und BewohnerInnen prä-post und nach drei bis sechs Monaten erfasst. Hinzu kommen Teilnehmerzahlen und die nachhaltige Implementierung. Die Evaluation umfasst sowohl Befragungen als auch Interviews und körperliche Messungen.

Insgesamt hat jeder universitäre Standort am Ende sechs Pflegeeinrichtungen betreut, was dann zu einer Summe von 48 Einrichtungen deutschlandweit führt. Die Analysen umfassen dann auch regionale Unterschiede, die Größe der Einrichtungen, sozioökonomische Unterschiede der BewohnerInnen und vieles mehr.

Am Ende soll ein Modell stehen, wie Präventionsarbeit in Pflegeeinrichtungen mit verschiedensten Grundvoraussetzungen gelingen kann und welche Erfolge mit dem strukturierten Vorgehen (Umsetzung des Präventionsleitfadens) von "PROCARE" für stationäre Pflegeeinrichtungen zu erwarten sind.