4,3 Prozent der Kinder der Analysegruppe kamen aus Hamburg. Die Ergebnisse dieser Analyse sind im Kindergesundheitsreport zusammengefasst. 

Der Report zeigt, dass Kinder, die als Frühgeburt oder per Kaiserschnitt entbunden wurden, mehr Gesundheitsprobleme haben als Kinder, die reif geboren oder auf natürlichem Weg zur Welt gekommen sind. Christine Vietor, Projektverantwortliche bei der TK, stellt die wichtigsten Ergebnisse des TK-Kindergesundheitsreports vor.

Frau Vietor, welche Auswirkungen hat eine Frühgeburt auf die Gesundheit der Kinder?

Vietor: Insgesamt sind Kinder in Deutschland bei guter Gesundheit. Die Analyse der Abrechnungsdaten zeigt aber, dass Kinder, die zu früh auf die Welt kommen, in den ersten acht Lebensjahren im Vergleich zu reifgeborenen Kindern ein deutliches erhöhtes Krankheitsrisiko haben. Das betrifft insbesondere Atemwegserkrankungen, Störungen bei der Entwicklung und des Verhaltens, aber auch Gesundheitsprobleme rund um Ernährung und Gedeihen sowie bei Augen und Ohren. Insgesamt zeigt sich bei 22 von 67 genau untersuchten Krankheitsgruppen ein höheres Erkrankungsrisiko für frühgeborene Kinder. 

Unsere Daten zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen einer Frühgeburt und der gesundheitlichen Entwicklung des Kindes. Sie ergänzen damit vorliegende wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Die Nachvollziehbarkeit bekannter Zusammenhänge mit unseren Daten ist für uns eine wichtige Grundlage, um mögliche Erfolge von besonderen Versorgungsangeboten bei unseren Versicherten messen zu können. 

Chris­tine Vietor

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Techniker Krankenkasse, Versorgungsmanagement

Welche Rückschlüsse ziehen sie aus den Ergebnissen für zu früh geborene Kinder?

Vietor: Seit einigen Jahren stagniert die Zahl der Frühgeburten in Deutschland und liegt nun bei rund acht Prozent. Damit liegt sie über dem europäischen Schnitt. Neben Rauchen, Stress und Infektionen, die im Rahmen der Schwangerenvorsorge erkannt und behandelt werden können, gelten als weitere Risikofaktoren späte Schwangerschaften, sozialer Status, Migrationshintergrund und assistierte Reproduktion. Auch die verbesserten Überlebenschancen sehr kleiner Frühchen führen zu mehr Kindern mit Förderbedarf. Familien und Mütter müssen deshalb sowohl in der Schwangerschaft, sowie nach der Geburt frühzeitig unterstützt werden, um das Risiko einer Frühgeburt zu mindern und die spätere Versorgung optimal zu gestalten.

Dazu zählt zum Beispiel das Angebot der Frühen Hilfen. Hier finden Eltern eine passgenaue Begleitung und Förderung für die Entwicklung des Kindes. Diese Maßnahmen dürfen nicht erst mit dem Schulbeginn in den Blick genommen werden. Wir möchten, dass die Ergebnisse auch zum Anlass genommen werden, die Zusammenarbeit von Kinderärzten, Therapeuten, Eltern und Bildungseinrichtungen zu stärken. 

Der Kindergesundheitsreport nimmt ja auch jene Kinder in den Blick, die per Kaiserschnitt entbunden wurden. Welche Ergebnisse liegen hier vor? 

Vietor: Auch Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, haben mehr Gesundheitsprobleme als Kinder, die natürlich entbunden wurden. Beispielsweise ist für Kaiserschnitt-Kinder das Risiko für eine chronische Bronchitis in den ersten acht Lebensjahren um fast zehn Prozent erhöht. Das Risiko für leichte und mittlere Entwicklungsstörungen ist um 9 Prozent erhöht, das Risiko für ADHS um 16 Prozent.

Man darf aber nie vergessen, dass in medizinisch notwendigen Fällen ein Kaiserschnitt ein Segen für Mutter und Kind ist. Wir denken aber, dass es sinnvoll wäre, dass Kinderärzte das gelbe Kinder-Vorsorgeheft auch auf Hinweise eines Kaiserschnitts prüfen. So könnten sie dann auf spezifische Probleme aufmerksam werden. 

Und wie geht es jetzt weiter?

Vietor: Der Kindergesundheitsreport ist die erste Langzeitstudie mit deutschen Routinedaten, die den Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt und Frühgeburt auf die Gesundheit von Kindern darstellt. Jetzt gibt es die Chance, an konkreten Fragestellungen weitere Forschungsprojekte anzustoßen oder individuelle Therapiekonzepte zu entwickeln. Als TK möchten wir die Erkenntnisse des Kindergesundheitsreports nutzen, um passgenaue Versorgungsangebote für betroffene Kinder zu entwickeln. Wir stellen uns zum Beispiel in diesem Zusammenhang digital unterstütztes, spielebasiertes Lernen bei der Therapie von Lernentwicklungsstörungen vor. 

Hintergrund

Für den TK-Kindergesundheitsreport hat die TK die Abrechnungsdaten von 38.853 TK-versicherten Kindern, die im Jahr 2008 geboren wurden, ausgewertet. Die Analyse umfasste die ersten acht Lebensjahre der Kinder, also den Zeitraum von 2008 bis 2016. Untersucht wurden 461 Krankheitsgruppen mit insgesamt 16.200 Diagnosen. Bei 19 Krankheitsgruppen, die Kinder häufig betreffen, zeigte sich ein höheres Erkrankungsrisiko nach Kaiserschnittgeburt. Allein sechs dieser Krankheitsgruppen betreffen Entwicklungs- und Verhaltensprobleme. Bei der Frühgeburt besteht noch ein größerer Zusammenhang: Bei 22 Krankheitsgruppen zeigte sich ein höheres Erkrankungsrisiko für früh geborene Kinder, verglichen mit reif geborenen Kindern. 

Der Kindergesundheitsreport ist eine Fortführung des Geburtenreports aus dem Jahr 2017.