Burnout, Stress im Beruf, Antistressgesetz - es vergeht kaum ein Tag, an dem wir keine neuen Meldungen dazu lesen können. Die Fehlbeanspruchung unserer psychischen Ressourcen ist immer öfter Thema in unserem Alltag. Die Auswirkungen sind eine relevante volkswirtschaftliche Größe. Leider sind aber nicht alle Beiträge, Kommentare und Vorschläge zum Thema fundiert. Hin und wieder neigen Diskussionen zu Populismus, vielleicht, um das schwierige Thema greifbarer zu machen.

In Thüringen haben wir mit Prof. Dr. Rüdiger Trimpop einen Experten, der sich schon seit Jahren mit den Themen Gesundheitsförderung und Gesunderhaltung im Berufsleben beschäftigt, gesprochen. 

TK: Stress im Berufsleben und negative gesundheitliche Folgen sind seit einigen Jahren verstärkt Thema in der öffentlichen Diskussion. Welche Rolle spielen Stress und Erschöpfung in der heutigen Arbeitswelt?

Prof. Trimpop: Stress und Erschöpfung sowie psychische Fehlbeanspruchungen bedingen inzwischen nahezu 40 Prozent der Fehlzeiten mit, die die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen in ihren jährlichen Statistiken ausweisen. Sie sind somit ein sehr bedeutsamer Gesundheits- und Kostenfaktor geworden.

TK: Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?

Prof. Trimpop: Durch die ständige Erreichbarkeit gibt es kaum noch Ruhepausen. Fahrten zwischen Arbeitsorten oder in Einsätzen werden mit Mobilgeräten zu Arbeitszeit. Arbeitsplatzsicherheit ist in vielen Berufen nicht mehr gegeben, im Gegenteil: Die Arbeitgeber machen Employability [Anm. d. Red.: Beschäftigungsfähigkeit] zum Unternehmensansatz in der Beschäftigungspolitik, ohne jedoch den Förderungsteil umzusetzen.

Zudem nimmt der Anteil an Berufswechseln deutlich zu, die Beschäftigungsdauer deutlich ab. Nicht zu unterschätzen ist auch der immer höhere Mobilitätsgrad. Das heißt die Entfernungen, die man zum Arbeitsplatz oder dazwischen zurücklegen muss, werden immer größer.

Relativ gesehen sind die anderen Ausfallzeiten durch Unfälle etc. zurückgegangen.

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Prof. Dr. Rüdiger Trimpop

TK: Wie wirkt sich die erhöhte Aufmerksamkeit auf Ihre Arbeit aus? Wird mehr Expertise zum Thema angefragt?

Prof. Trimpop: Es werden mehrmals wöchentlich Anfragen aus Unternehmen zu psychischen Belastungsanalysen, Gefährdungsbeurteilungen, Beratungen zur Gesundheitsförderung etc. gestellt. Wir haben auch zunehmend mehr Abschlussarbeiten in Betrieben, die sich mit diesen Themen befassen. Außerdem gibt es keine betrieblichen Akteure, die dafür gut ausgebildet sind.

Unsere Daten zu 2000 Sicherheitsfachkräften und Betriebsärzten zeigen, dass sich beide Gruppen deutlich zu schlecht ausgebildet fühlen, um diese Aufgaben zu erfüllen. Wir entwickeln daher auch ständig Weiterbildungscurricula, und die Firmen fordern immer mehr arbeitspsychologische Sachkompetenz ein.

TK: Eine bundesweite Befragung im Auftrag der TK im vergangenen Jahr ergab, dass in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich viele Berufstätige ihre Arbeit als größten Stressfaktor sehen. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Prof. Trimpop: In den neuen Bundesländern besteht nach wie vor ein großer struktureller Nachteil dahin gehend, dass viele Beschäftigte in Zeitarbeitsstrukturen, im Niedriglohnsektor, in kurzfristigen Beschäftigungen und nicht in ihren Wunschberufen arbeiten. Das ist in vielen anderen Bundesländern anders. Auch die Thüringer, die in ihrem Wunschberuf tätig sind, dürften ihre Arbeit als Stressfaktor einstufen.

Darüber hinaus ist Stress als Über- oder Unterforderung definiert, und das geschieht natürlich in der Arbeit häufiger als daheim, außer vielleicht in der Kindererziehung.

Das Interessante bei dem sogenannten Burnout-Syndrom ist, dass viele der Bedingungen für gute Arbeit ab einem bestimmten Niveau ins Gegenteil umschlagen.
Prof. Dr. Rüdiger Trimpop

TK: Was sind Warnsignale für eine zu hohe Beanspruchung?

Prof. Trimpop: Das Interessante bei dem sogenannten Burnout-Syndrom ist, dass viele der Bedingungen für gute Arbeit ab einem bestimmten Niveau ins Gegenteil umschlagen, also beispielsweise hohe Einsatzbereitschaft, Wichtigkeit, Verantwortung oder viele verschiedene Aufgaben.

Psychische Belastungen sind bis zu einem persönlich optimalen Niveau wichtig und gut, danach werden sie gesundheitsschädigend. Dieses Niveau ist aber individuell unterschiedlich.

Erste Warnsignale sind: Man empfindet auch positive Ereignisse bei der Arbeit nur noch als Last, zum Beispiel neue Aufgaben. Man sieht seine Kunden oder Klienten nur noch als unpersönlichen Fall -  "Die heute auf Zimmer 7" - oder wird sehr zynisch. Und man fühlt sich selbst nicht mehr leistungsstark.

Große Warnzeichen sind, wenn man sich selbst nur noch als Arbeitsfunktion wahrnimmt, also zwischen Arbeit und Freizeit nicht mehr trennen kann oder gar will. In diesen Verleugnungen von Warnungen sind unterstützende Führungskräfte, Kollegen und Freunde sehr hilfreich, oft ist aber auch professionelle Unterstützung nötig.

TK: Was kann im Unternehmen getan werden, um Über- und Fehlbeanspruchung entgegenzuwirken bzw. vorzubeugen?

Prof. Trimpop: Oftmals ist die Arbeit ungerecht verteilt, einige haben zu viel, andere zu wenig. Da helfen Arbeitsanalysen. Weiterhin helfen sehr gute Personalentwicklungskonzepte, um den Mitarbeitern die Kompetenzen zu vermitteln, die Arbeit auch dann erledigen zu können, wenn sie etwas vom Standard abweicht oder sich verändert. Und schließlich sind Work-Life-Balance und Gesundheitsförderungsprogramme sehr wichtig, um Schäden zu vermeiden, aber auch um präventiv die notwendigen Denk-, Erholungs- und Regenerationspausen zu integrieren.

Will man die Arbeit gesundheitsförderlich machen, muss sie so gestaltet sein, dass sie interessant ist und einen Sinn hat.
Prof. Dr. Rüdiger Trimpop

TK: Wie sollte ein Arbeitsplatz gestaltet sein, um gesundheitsschädlichem Stress entgegenzuwirken?

Prof. Trimpop: Dazu gibt es seit vielen Jahren zwei Kernmodelle: die Zwei-Faktoren-Theorie und das Job-Characteristics-Modell, auf denen zum Beispiel das Prinzip "Fertigungsinsel statt Fließband" beruht.

Die Arbeit selbst sollte verschiedene Faktoren vermeiden, wie schlechtes Kollegen- und Vorgesetztenklima, schlechte Arbeitsbedingungen und ein so niedriges Gehalt, dass es zum durchschnittlichen Leben nicht reicht.

Will man die Arbeit gesundheitsförderlich oder motivierend und befriedigend machen, muss sie so gestaltet sein, dass sie interessant ist und einen Sinn hat. Man muss eine wichtige Arbeit oder Funktion darin haben, man braucht Entscheidungs- und Handlungsfreiräume. Und man sollte aus der Arbeit heraus etwas lernen können, also Rückmeldungen bekommen. Wenn dann noch eine Wertschätzung dazu kommt, reden wir von einer Salutogenese, also den Bestandteilen einer Arbeit, die gesund halten oder machen.

TK: Was halten Sie von den Diskussionen um ein Anti-Stress-Gesetz?

Prof. Trimpop: Das Problem ist, die meisten nutzen den Begriff falsch! In der Arbeitspsychologie und den Unfallversicherungen ist Stress als Fehlbeanspruchung definiert, also wenn man einen Motor dauerhaft in den roten Drehzahlbereich treibt oder gar nicht fährt (Monotonie). Das zu vermeiden ist sehr wichtig, und dazu gibt es ja auch eine gemeinsame Erklärung der Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Politik. Die Unfallverhütungsvorschriften sehen das ebenfalls vor.

Viele Menschen verstehen aber unter Stress die alltäglichen Anforderungen, die Mühe machen und müde machen. Das ist aber kein Stress, sondern eine notwendige Beanspruchung, um persönlichkeits- und gesundheitsförderliche Arbeit zu leisten. Dagegen sollte Stress als dauerhafte Fehlbeanspruchung vermieden werden.

TK: Was kann jeder Einzelne tun, damit sich Fehlbeanspruchung bei der Arbeit nicht negativ auswirkt?

Prof. Trimpop: Wir unterscheiden zwischen der Verhältnisprävention, wo also die Bedingungen so gestaltet werden, dass Stress gar nicht auftaucht, und der Verhaltensprävention, wo man lernt, den Stress zu bewältigen und besser auszuhalten.

Man kann als Person beides tun. Die Ursachen des Stresses genau erkennen und Vorschläge zur Veränderung der Bedingungen machen oder sie selbst ändern. Mögliche Maßnahmen sind besseres Zeitmanagement oder weniger hohe Ansprüche an sich selbst, jede noch so kleine Störung auch noch zu beseitigen.

Und man kann durch körperliches Training, Ernährung, Fitness, geistige Entspannung, Umdenken und Lernen von Bewältigungsfähigkeit dafür sorgen, dass man resilienter, also widerstandsfähiger, wird. Auf Dauer hilft jedoch nur die Beseitigung der Stressursachen.

Zur Person

Prof. Dr. Rüdiger Trimpop ist Lehrstuhlinhaber für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie am Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Bis heute hat er etwa 150 Fachbeiträge und sechs Bücher geschrieben und rund 300 Vorträge gehalten. Derzeit betreut Trimpop elf Forschungsprojekte der Wirtschaft und öffentlichen Hand. Deren Schwerpunkte sind Arbeits- und Verkehrssicherheit, Gesundheitsförderung sowie Risikoverhalten. Zusätzlich zu dieser Arbeit ist er Vorsitzender verschiedener Fachgesellschaften, Gutachter für Gütesiegelkommissionen, Zeitschriften und Forschungsorganisationen.

Trimpop ist verheiratet und hat zwei Kinder. Zu seinen Hobbys zählen Motorradfahren, Fallschirmspringen, Schmieden und historischer Schwertkampf.