Zusammen mit dem Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) aus Konstanz und der Haufe Gruppe hat die TK für die Studie "#whatsnext - Gesund arbeiten in der digitalen Arbeitswelt" über 800 Geschäftsführende, Personaler und Verantwortliche für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) nach den größten Herausforderungen heute und in Zukunft gefragt.

TK: Herr Dr. Krapf, was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse der Trendstudie #whatsnext, gab es Überraschungen?

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Dr. Fabian Krapf

Dr. Krapf: Unsere Studie führt mit einer beeindruckenden Deutlichkeit vor Augen, welche große Rolle das Engagement der Führungskräfte für das Gelingen des BGM spielt. Neun von zehn Befragten sehen es als wichtigsten Faktor für die Förderung der Beschäftigtengesundheit an. Es ist damit sogar deutlich bedeutsamer als ein höheres BGM-Budget oder größere personelle Ressourcen. Auch an anderen Stellen der Befragung wird der hohe Wert der Führung für die Gesundheit deutlich. So wird beispielsweise dem „Gesunden Führen“ bei den erfassten Themen für die Führungskultur in fünf Jahren die größte Bedeutung beigemessen.

Positiv überrascht war ich von dem Ergebnis, dass die „üblichen Verdächtigen“ im BGF-Kontext - also Themen wie Burn-Out oder permanente Erreichbarkeit - von den befragten Organisationen als weniger dringlich angesehen werden als häufig vermutet. Erfreulicherweise scheint sich hier allmählich eine ressourcenstärkende Sichtweise durchzusetzen. Dafür spricht unter anderem die Tatsache, dass vor allem Maßnahmen wie etwa lebenslanges Lernen oder Schlaf und Erholung an Bedeutung gewinnen.

TK: Wie kann es gelingen die Führungskräfte auch von kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) für BGM zu begeistern? Bedarf es mehr politischer Einflussnahme?

Dr. Krapf: Ein Mehr an politischer Einflussnahme würde ich nicht an oberster Stelle der Bedürfnishierarchie sehen. Anstatt auf solche externen Kräfte zu setzen, sollten Unternehmen und Behörden eher der Schlüsselrolle der Führungskräfte eine größere Bedeutung beimessen.

Diese sollten zunächst hinsichtlich ihrer herausragenden Rolle für die Beschäftigtengesundheit sensibilisiert werden. Neben diesem Verständnis brauchen Führungskräfte auch gewisse Gesundheitskompetenzen. Nur zu wissen, dass es wichtig ist, etwas zu tun, bringt zunächst wenig. Man sollte auch wissen, wie man es tut. Hier können Vorträge, Schulungen und Workshops von großem Wert sein.

Auf struktureller Ebene sollte ebenfalls angesetzt werden: Den KMU wäre bspw. eine Verankerung von Gesundheit als zentrales Element der Organisationsentwicklung zu empfehlen. Auch in die Zielvereinbarungen von Führungskräften kann das Thema Gesundheit aufgenommen werden. Auf diese Weise erreicht man eine größere Verbindlichkeit. Politische Einflussnahme kann diese organisationsinternen Anstrengungen zwar komplementieren, nicht jedoch ersetzen.

TK: 20 Prozent der an der Befragung teilnehmenden Organisationen stammen aus Baden-Württemberg. Können Sie etwas zum Stand des BGM hier im Land im Vergleich zu Gesamtdeutschland sagen?

Dr. Krapf: Bei den regionalen Auswertungen haben wir lediglich die Unternehmen und Einrichtungen des Öffentlichen Dienstes berücksichtigt, die nur einen Standort haben, um eine klare Zuordnung gewährleisten zu können. Sonst wäre es nicht trennscharf gewesen. Insgesamt schneidet Baden-Württemberg, was den Status Quo des BGM angeht, gut ab. Bei nur 4,3 Prozent der befragten Organisationen im „Ländle“ werden keinerlei BGF-Maßnahmen umgesetzt. Verglichen mit dem Rest der Republik sind das erfreulich wenige. Hier liegt der Anteil bei 8,6 Prozent.

Bei der Umsetzung von BGF-Maßnahmen und dem Aufbau eines BGM sind die baden-württembergischen Organisationen etwas weiter als der Bundesdurchschnitt, wohingegen es bei der Verbreitung eines bereits etablierten, ganzheitlichen BGM keine Unterschiede gibt. Insgesamt kann man konstatieren: Baden-Württemberg ist vielen Bundesländern bei der BGF einen kleinen Schritt voraus.

TK: Wie muss die TK aufgrund der gewonnen Erkenntnisse ihre BGM-Angebote künftig modifizieren, insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung?

Dr. Krapf: Aufgrund der voranschreitenden Digitalisierung werden die Beschäftigten zukünftig mit immer komplexeren und umfassenderen Aufgaben umgehen müssen. Ein zielgerichteter Kompetenzerwerb ist hier besonders wichtig. Zudem können Angebote zur Erholung und Regeneration ebenso hilfreich sein wie eine Stärkung der Resilienz, also der psychischen Widerstandsfähigkeit.

Auch kleinere Maßnahmen wie Checklisten zur virtuellen Kommunikation, die Einrichtung von „stillen Büros“ oder Sensibilisierungsaktionen wie „Reden statt Mailen“ können dazu beitragen, die Herausforderungen der Digitalisierung besser bewältigen zu können. Hier kann die TK ihr bestehendes Angebot sicherlich noch weiter ausbauen. Den Themen Gesundheitskommunikation und digitale BGF sollte sich die TK auch weiterhin öffnen.

TK: Sie bieten als IFBG selbst Unterstützung für Firmen an. Sehen Sie die neu geschaffene BGF-Koordinierungsstelle der gesetzlichen Krankenkassen dabei als Konkurrenz?

Dr. Krapf: Nein, das sehe ich nicht so - ganz im Gegenteil. Ich verstehe unsere Angebotsspektren als gute Ergänzung. Die BGF-Koordinierungsstelle ist ja in erster Linie eine Beratungs- beziehungsweise Informationsinstanz und somit eine erste Anlaufstelle für jene Organisationen, die in Sachen BGF aktiv werden wollen oder Unterstützung benötigen.

Wir verstehen uns indes als wissenschaftlicher Begleiter, der Organisationen von der psychischen Gefährdungsbeurteilung bis hin zum ganzheitlichen Kennzahlenmanagement unterstützt. Im Zuge dieser Zusammenarbeit setzen wir dann immer wieder innovative Impulse beispielsweise mit Maßnahmen aus den Bereichen aufsuchende BGF, E-Health oder Schlaf und Erholung. Unser Ziel ist es, Unternehmen und Behörden wissenschaftlich fundiert und dennoch praxisnah zu unterstützen.

Zur Person

Der Sport- und Gesundheitswissenschaftler Dr. Fabian Krapf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung und leitete die Studie #whatsnext - Gesund arbeiten in der digitalen Welt.