Das Thema Prävention in Pflegeeinrichtungen ist in Deutschland noch neu. Seit 2011 sind Pflegeheime offiziell Teil des Settings Gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen. Wie Präventionsarbeit auf dem Gebiet Pflege aussehen kann, untersuchen Universitäten mit Unterstützung der TK an verschiedenen Standorten in Deutschland. Zwei davon sind in München und Erlangen. Es geht darum, Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen, die sowohl für Pflegekräfte als auch für Pflegebedürftige gesundheitsförderlich sind. Am Anfang steht die Analyse und am Ende das gemeinsam entwickelte individuelle Präventionskonzept für jede Einrichtung. 

CaResource richtet sich an Pflegebedürftige mit Demenz

Dr. Doris Gebhard leitet das Projekt CaResource, das die Technische Universität München (TU München) unter der Leitung von Prof. Dr. Filip Mess gemeinsam mit der TK in insgesamt sechs Einrichtungen in München, Kaufering und Augsburg umsetzt. Das Projekt CaResource richtet sich an Pflegebedürfte mit Demenz und die Mitarbeitenden der entsprechenden Einrichtungen. Ziel ist es, unter Beteiligung aller Menschen in der Einrichtung, ein Konzept zu entwickeln, das an den Verhältnissen ansetzt und die körperlichen und psychischen Belastungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reduziert und für die Bewohnerinnen und Bewohner die Lebensqualität verbessert. 

Dr. Doris Gebhard

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Projektleiterin CaResource

Das heißt konkret für die Pflegebedürftigen: Wie kann ich die Verhältnisse so verändern, dass sich die soziale Interaktion zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern verbessert, sie zu körperlicher und kognitiver Aktivität angeregt werden und die Pflegebedürftigen das Leben in der Einrichtung als lebenswert erachten? Um das herauszufinden, führt Doris Gebhard unter anderem Interviews und Beobachtungen durch.

Individuelle Bewegungsbiographien

Menschen mit Demenz in die Entwicklung eines Präventionsprojektes miteinzubeziehen, ist eine Herausforderung. "In den meisten Studien werden Menschen mit Demenz ausgeklammert, dabei weiß man, dass bis zu 85 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen an Demenz leiden", erklärt sie. "Mit Demenz-Erkrankten kommuniziert man anders. Ich verwende beispielsweise Bilder von Pflegepersonen und Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern, um herauszufinden, ob Frau Meier Freundinnen, Freunde oder soziale Kontakte in der Einrichtung hat. Mit wem spricht sie? Wen erkennt sie auf den Bildern?" Denn viele Pflegeheim-Bewohnerinnen und -Bewohner sind einsam, insbesondere diejenigen mit Demenz.

Gebhard hat sich auf Menschen mit Demenz spezialisiert. Für sie hat sie beispielsweise bereits mit Pflegepersonen und der Zielgruppe selbst ein Bewegungskonzept entwickelt. Das Programm setzt sie auch in den ausgewählten Einrichtungen in München, Kaufering und Augsburg um. In Anknüpfung an die individuellen Bewegungsbiographien werden dabei physiologisch sinnvolle Übungen aus den Bereichen Kraft, Koordination und Ausdauer kombiniert.

Wie haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner früher bewegt? Wenn sie beispielsweise einen eigenen Garten hatten, wird in der Natur ein Garten-Parcours gelaufen, um das Gleichgewicht zu trainieren. Auf Fitnessgeräte wird ganz bewusst verzichtet. Oder man spielt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Fußball. "Nicht selten erleben wir, dass die Pflegebedürftigen einfach vergessen, dass sie einen Rollstuhl brauchen", sagt sie. "Denn viele sitzen nicht aus physischen Gründen im Rollstuhl, sondern weil sie keinen Grund zum Laufen haben. Wir geben ihnen einen Grund und wieder ein Stück Selbstbestimmung zurück." Wie gut das funktioniert, hat Doris Gebhard erprobt und niedergeschrieben. "Es überrascht auch die Pflegekräfte, wenn sie erkennen, auf welche Ressourcen die Pflegebedürftigen zurückgreifen können, wenn man ihnen die Möglichkeiten gibt, sich anhand ihrer persönlichen Vorlieben zu bewegen." 

Ressourcen stärken

Bei CaResource geht es genau darum: Die Ressourcen zu stärken und nicht nur die Belastungen zu erkennen - auch beim Pflegepersonal. Deshalb finden auch Befragungen unter den Pflegekräften statt. "Belastungen kann man manchmal durch einfache Maßnahmen eindämmen. Wichtig ist aber auch der Puffer, den man hat, um mit Belastungen besser umzugehen. Das sind die Ressourcen", erklärt Dr. Doris Gebhard. Anderen Menschen zu helfen, ist ein gutes Gefühl. Die eigene Arbeit macht Sinn. "Diese Sinnhaftigkeit ist beispielsweise eine sehr große Stärke der Pflegearbeit. Sich ins Bewusstsein zu holen, dass man an seinem Arbeitsplatz Sinn erlebt, das kann viel abfedern", sagt Gebhard. 

Dr. Gebhard und ihr Team wollen Wissenschaftler sein, die ihre Projekte aktiv begleiten. Sie stellen vor Ort Fragen. Viele Fragen. Zum Beispiel: Wie hoch ist die Selbstwirksamkeitserwartung, also das Gefühl, eine Situation selbst steuern zu können? Wie lange will eine Pflegekraft noch im Beruf bleiben? Und sie schauen genau auf den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Einrichtung. 

Gemeinsam wird das Konzept gestaltet

Gebhard ist wichtig, dass alle Beteiligten eine gleichwertige Rolle haben. "Was Schwester Ursula über unsere Maßnahme denkt, ist mir sehr wichtig. Denn ich möchte Dinge umsetzen, die in der Praxis funktionieren und nicht nur in der Wissenschaft." Es geht um Partizipation. Deshalb geht sie auch mit den Pflegekräften mit, um zu sehen, mit welchen konkreten Herausforderungen sie zu tun haben - tagsüber und auch im Nachtdienst. 

Was hat die Befragung ergeben? Wo sind die größten Baustellen? Welche Ursachen gibt es? Welche Maßnahmen schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor? Alle Aspekte werden in einzelnen Workshops mit einem Steuerungsgremium aus Vertreterinnen und Vertretern aller Menschen, die im Pflegeheim arbeiten und leben, besprochen. Gemeinsam gestaltet man das Präventionskonzept für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Pflegebedürftigen. Das Verfahren ist offen, für keine Einrichtung gibt es vorab ein fertiges Konzept.

"Unser Job ist es den aktuellen Stand der Forschung und internationale Best-Practice-Beispiele in die Maßnahmenentwicklung einzubringen. Und wir wollen Prozesse so gestalten, dass alle Personengruppen im Pflegeheim ihr Know-how als Expertinnen und Experten ihrer Alltagswelt in das Projekt einbringen können. Denn nur so können wir wissenschaftlich fundierte und praxistaugliche Maßnahmen entwickeln", sagt Gebhard. Sogar die Angehörigen der Pflegebedürftigen werden mitentscheiden. In einer Zukunftswerkstatt wird es am Ende des Projektes dann darum gehen, wie das Projekt nachhaltig verankert und weiter gefördert werden kann. 

PROCARE - wie kann Präventionsarbeit gelingen?

Im Raum Erlangen unterstützt die TK das Projekt PROCARE, das die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) an sechs stationären Pflegeeinrichtungen erprobt und wissenschaftlich begleitet. Auch bei diesem Projekt geht es darum, gezielte Präventionsmaßnahmen je nach den Bedarfen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflegeheims und Pflegeheimbewohnerinnen und Pflegeheimbewohnern umzusetzen.

Das Vorgehen ist klar strukturiert, um die wissenschaftliche Evaluation und Vergleichbarkeit sicherzustellen. Denn PROCARE wird von insgesamt sieben Universitäten unter der Leitung von Dr. Bettina Wollesen von der Universität Hamburg umgesetzt. Das Ergebnis des Projektes soll ein Modell sein, wie Präventionsarbeit in Pflegeeinrichtungen mit verschiedensten Grundvoraussetzungen gelingen kann und welche Erfolge für stationäre Pflegeeinrichtungen mit dem strukturierten Vorgehen zu erwarten sind.

"Wir beziehen neben der Pflege auch die Hauswirtschaft und Verwaltung in die detaillierten Befragungen mit ein", erklärt der Projektleiter Dr. Daniel Schöne, wissenschaftlicher Mitarbeiter der FAU. Ein großer Teil der Präventionsarbeit konzentriert sich auf die Rückengesundheit. Hier gibt es bei fast allen Gruppen Einschränkungen - egal ob sie am Schreibtisch sitzen oder Pflegebedürftige betreuen.

Dr. Daniel Schöne

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Projektleiter PROCARE

Zehnwöchiges Ergonomie-Training

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflegeheims gibt es drei Interventionskomponenten. Zunächst findet ein zehnwöchiges Ergonomie-Training statt. "Kleinste Veränderungen in der körperlichen Haltung beispielsweise bei der Arbeit am Pflegebett können bei den Pflegern recht schnell spürbare körperliche Entlastungen verursachen", erklärt Dr. Schöne. "Wir versuchen mit einfachen Techniken, die Haltung zu verbessern und so Rückenschmerzen zu vermeiden, die manchmal erst nach Jahren auftreten." Im zweiten Schritt werden Kurse zur Rückenfitness angeboten, die auch Übungen rund um die körperliche Flexibilität und die Entspannung beinhalten. Chronische Stressbelastungen sollen dabei reduziert werden. "Unseren Befragungen zufolge ist die so genannte selbstberichtete gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Pflegerinnen und Pflegern schlechter als bei anderen Berufsgruppen", sagt Schöne. "Das wollen wir im dritten Schritt mit Maßnahmen wie Yoga angehen, da auch die Stressbewältigung eine große Rolle spielt. Diese Angebote stellen wir je nach Wunsch der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen." 

Die motorischen, kognitiven und psychosozialen Ressourcen erhalten

Bei den Pflegebedürftigen evaluieren Schöne und sein Team, anhand von selbst-berichteten und objektiv gemessenen Verfahren, ein von der Evidenz abgeleitetes Trainingsprogramm. Der Fokus liegt auf Gehen unter einfacher und mehrfacher Belastung. Ziel ist es, die Mobilität, das Gleichgewicht, die Kraft und Ausdauer so zu trainieren, dass Stürze vermieden werden. Das so genannte Multikomponenten-Training findet in der Gruppe statt und beinhaltet beispielsweise auch Musik, um die soziale Interaktion und die Akzeptanz unter den Pflegebedürftigen zu erhöhen. "Wir wollen die motorischen, kognitiven und psychosozialen Ressourcen der Bewohnerinnen und Bewohner erhalten. Und die Übungen sollen Spaß machen", sagt Dr. Schöne.