Die TU Darmstadt greift in einem Projekt im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) auf die Expertise der TK zurück. Gemeinsam sollen speziell zugeschnittene Gesundheitsprojekte entwickelt und etabliert werden. 

TK spezial: Warum hat sich die TU Darmstadt entschieden, ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) durchzuführen?

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Böhme: In den Lebens- und Arbeitswelten von Hochschulen spielt das Thema Gesundheit ebenso wie in Unternehmen eine Rolle. Die zunehmende Komplexität der Aufgaben kann auch zu Belastungen führen. Arbeitsverdichtung, Termin- und Zeitdruck, Überforderung sowie fehlende Erholungs- und Regenerationszeiten können vor allem psychosoziale Erkrankungsrisiken bergen. Die TU Darmstadt will hier gezielt gegensteuern, um gesundheitsförderliche Ressourcen zu fördern. Die gesunderhaltenden Faktoren am Arbeitsplatz sollen identifiziert und gestärkt werden. So wird die TU-Darmstadt schrittweise Arbeitssituationsanalysen, Gesundheitszirkel und Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen einführen. Als Pilotprojekt werden wir dies in einem Fachbereich, einer zentralen Einrichtung und in der Verwaltung umsetzen.

Gesundheit ist immer mehr auch ein Wettbewerbsfaktor zur Gewinnung der besten Köpfe. Die TU Darmstadt will exzellente Lehre anbieten; dafür werden Lehrende, wissenschaftliche Hilfskräfte, aber auch motivierte Beschäftigte benötigt. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass der Wohlfühl-Faktor entscheidend ist für Lehr- und Lernsituationen.

Um als Hochschule leistungsfähig zu sein, muss Gesundheitsmanagement jedoch langfristig als strategischer Faktor in der Hochschulentwicklung verankert und entsprechende Rahmenbedingungen für Beschäftigte und Studierende geschaffen werden. Optimale Rahmenbedingungen sind eine Unternehmenskultur, die Beschäftigte selbstbestimmt, wertschätzend und flexibel den Lebensphasen angepasst arbeiten lässt. Dafür braucht es starke Führungspersönlichkeiten, die dies ermöglichen, und ein offenes Ohr für die Anliegen der Beschäftigten haben. Deshalb ist es notwendig, dass BGM in Zielvorgaben der Führungskräfte, in Leitbilder der Hochschule und in Programme des Präsidiums verankert wird.

TK spezial: In Ihrer Mitarbeiterzeitung war kürzlich zu lesen, Gesundheitsmanagement sei "kein Selbstzweck und keine Blümchenwiese, sondern ein wichtiges Qualitätskriterium". Was muss ein Gesundheitsmanagement aus Ihrer Sicht leisten?

Böhme: Das Gesundheitsmanagement soll Beschäftigte auf allen Hierarchieebenen erreichen, von der Verwaltungskraft bis zum Professor. Dazu reicht es nicht,

Obstkörbe an der Uni zu verteilen, sondern wir wollen die Verhältnisse und damit die Strukturen auf den Prüfstand stellen. Dies sind beispielsweise: Wie beurteilt und fördert die Führungskraft ihre Beschäftigten? Gibt sie Arbeitsanweisungen und Wertschätzung? Wie viel Kontrolle ist hilfreich? Welche Dienstwege und Entscheidungsprozeduren gibt es und wie werden Beschäftigte zur Partizipation, also Beteiligung eingeladen? Wie sehen die Mittel und Ressourcen in den Bereichen Personal, Räume, Maschinen, Einrichtungen und Budget aus? Wie sehen die Aufgaben und Arbeitsabläufe aus? Gibt es Anreize, Anforderungen, Entscheidungsspielräume und Kompetenzen? Diese Prozesse können in den meisten Fällen nicht verordnet werden, sondern müssen gemeinsam mit den Beschäftigten und den Führungskräften entwickelt werden.

Zur Person

Seit April 2016 ist Elke Böhme die erste Gesundheitsmanagerin der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Die Diplom Sozialpädagogin und Diplom Sozialwirtin Elke Böhme hat in Fulda und Esslingen studiert und eine Zusatzausbildung im Betrieblichen Gesundheitsmanagement absolviert. Rund 25 Jahre war sie im Gesundheitsbereich in unterschiedlichen Funktionen, schwerpunktmäßig im Bereich Suchthilfe und Suchtprävention tätig. Zunächst für die Stadt Stuttgart, später für den Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation (BWLV), den größten Suchthilfeträger in Baden-Württemberg. Im Rahmen ihrer Tätigkeit hat Elke Böhme viele Jahre Kommunen, unter anderem die Stadt Rastatt, sowie Unternehmen in Baden-Württemberg beraten und Erfahrungen im Aufbau von Strukturen und Projekten im Gesundheitswesen gesammelt.

Für Ihre Arbeit wurde Elke Böhme mehrfach ausgezeichnet: Im Jahr 2013 erhielt sie den Gesundheitspreis der Berufsgenossenschaft Gesundheit und Wohlfahrtspflege (bgw) sowie für die Beratung eines Suchtpräventionsprojekts der Stadt Rastatt eine Auszeichnung des Bundesgesundheitsministeriums. Im Rahmen des Ideenwettbewerbs "Arbeit und Alter" der Hertie Stiftung wurde sie 2014 für den Strukturaufbau von Orientierungsseminaren für ältere Beschäftigte als Instrument zur Entwicklung einer altersgerechten Personalpolitik ausgezeichnet.

Dies kann nicht alleine gelingen, deshalb wurde ein Lenkungsausschuss unter Beteiligung aller wichtigen Entscheidungsträger unter anderem aus den Bereichen Personalabteilung, Personalentwicklung, Personalrat, Sozial- und Konfliktberatung sowie der Arbeitsmedizin einberufen. Es fließen der Input und das Knowhow der Beteiligten ein und gemeinsam koordinieren wir die Aktivitäten. Um Gesundheitssituationen zu verändern, sollen die einzelnen Arbeitsplätze untersucht, Belastungsfaktoren und Ressourcen analysiert und bewertet werden. Am Ende einer solchen Untersuchung kann dann stehen, dass Arbeitstätigkeiten neu beschrieben oder neu organisiert werden, Konflikte mit der Führungskraft oder im Team mit Hilfe der Personalentwicklung bearbeitet, das Zeitmanagement überprüft, Ruheräume geschaffen oder Arbeitsplätze ergonomischer gestaltet werden müssen, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich erlebe die Beschäftigten als sehr offen und bereit, über ihre Arbeitssituation zu sprechen. Hier muss sensibel mit den Daten umgegangen werden, deshalb ist die Einbeziehung des Datenschutzbeauftragten und des Personalrats in der Pilotphase wichtig.

TK spezial: Was möchten Sie mit dem BGM an der TU Darmstadt erreichen?

Böhme: An der TU Darmstadt gibt es bereits eine Vielzahl an gesundheitsförderlichen Angeboten. Diese reichen von Sportangeboten des Unisportzentrums, Weiterbildungsangeboten, Führungskräftecoachings, arbeitsmedizinischen Leistungen, Sozial- und Konfliktberatung bis hin zu Gefährdungsbeurteilungen der Arbeitssicherheit. Es soll ein intensiver Austausch zwischen den Akteuren ermöglicht werden, Konzepte und Maßnahmenpläne entwickelt und bestehende Angebote vernetzt werden. Hier gibt es noch Optimierungsbedarf, da es ansonsten zu Überschneidungen und fehlenden Synergien kommen kann.

TK spezial: Welches sind im Moment die gravierendsten Belastungen für die Mitarbeiter an der TU Darmstadt?

Böhme: Durch Veränderungen in der Arbeitswelt wie den digitalen Wandel, neue Arbeitsmodelle wie die Telearbeit und neue Arbeitsformen wie crowdworking, in denen Menschen in Plattformen weltweit zusammenarbeiten können, wird eine Verschmelzung zwischen Arbeit und Freizeit immer wahrscheinlicher. Noch ist vieles Zukunftsmusik, aber bereits heute steht die Personalpolitik vor der Aufgabe, dass immer komplexere Aufgaben sowie Zeit- und Leistungsdruck Belastungssituationen für die Psyche bedeuten. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, ein höheres Durchschnittsalter von Beschäftigten oder der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit - das sind Themen im Rahmen des Gesundheitsmanagements, um die sich der Lenkungskreis Gesundheit unter meiner Leitung verstärkt kümmern wird.

TK spezial: Welche Projekte werden Sie mit der TK durchführen?

Böhme: Die TK berät uns nachhaltig beim Aufbau der Strukturen und Prozesse im BGM und unterstützt die Umsetzung sowie die Verankerung des BGM an unserer Hochschule. Sie stellt dazu in den nächsten zwei Jahren ein Projektbudget und ihr beraterisches Knowhow zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit der TK wurden ein Konzept erstellt, Ziele in einem Workshop konkretisiert und Maßnahmen entwickelt.

Gemeinsam werden wir in einem ersten Schritt die Arbeitssituation der Beschäftigten analysieren. Dies soll durch direkte Gespräche am Arbeitsplatz erfolgen. Dadurch werden die Beschäftigten zu Experten ihrer eigenen Arbeitssituation. Da man dies nicht mit allen 5.000 Beschäftigten gleichzeitig tun kann, wurden Piloteinrichtungen ausgewählt. Die Pilotprojekte werden in einer zentralen Verwaltung, einer zentralen Einrichtung und einem Fachbereich durchgeführt. Diese Einrichtungen wurden ausgewählt, um möglichst das ganze Spektrum der Beschäftigten an der TU darzustellen. Wir haben alle Berufsgruppen vom Professor bis zum Hausmeister mit im Boot. Erfreulicherweise haben wir drei Vorgesetzte gewinnen können, die sich für das Thema Gesundheit begeistern lassen.

In einem zweistündigen Moderationsprozess ohne die Führungskraft werden Arbeitstätigkeit, Arbeitsorganisation, Führung und Leitung, Team und Betriebsklima und Arbeitssicherheit analysiert. Die Ergebnisse der Arbeitssituationsanalysen (ASITAS) werden gemeinsam mit den Beschäftigten und der Führungskraft bewertet und anschließend geeignete Maßnahmen in einem Gesundheitszirkel entwickelt. Die Maßnahmen reichen von Führungscoachings, Teamentwicklungsmaßnahmen, Burnout-Prophylaxe, Zeitmanagementkursen bis hin zu ganz praktischen Dingen, wie schalte ich mein Telefon aus und schließe die Tür, um ungestört arbeiten zu können. Am Ende erhalten die Einrichtungen eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen.

TK spezial: Welche Resonanz von Seiten der Mitarbeiter haben Sie zu den ersten Schritten bekommen?

Böhme: In der ersten Piloteinrichtung sind von 120 Beschäftigten etwa 80 zu der Auftaktveranstaltung erschienen. Dies zeigt die Bereitschaft, sich an diesem Prozess zu beteiligen und eine große Offenheit für Gesundheitsthemen.

TK spezial: Wann werden alle 5.000 TU-Mitarbeiter von sich sagen können, dass sie vom BGM profitieren?

Böhme: Gemessen werde ich an den Ergebnissen. Dort wo sich Arbeitssituationen verbessern, Konflikte mit Führungskräften und in Teams sich klären und sich die psychische und physische Gesundheit von Beschäftigten verbessert, dort werden TU-Beschäftigte profitieren. Ob alle etwas zu spüren bekommen, wird sich erst zeigen. Am deutlichsten wird für die 5.000 Beschäftigten Gesundheitsmanagement sicherlich sichtbar werden, wenn 2018 auf dem Campus Stadtmitte in den historischen Maschinenhallen nahe Mensa und Unibibliothek ein Gesundheitszentrum entsteht.

In der Planung ist eine Einrichtung, welche sich auf die Belange einer neuen Arbeitswelt 4.0 ausrichtet. Stichworte sind Automatisierung, Digitalisierung, Globalisierung. Welche Auswirkungen dies auf die Arbeit haben wird, ist noch unklar, aber Arbeit 4.0 wird vernetzter, digitaler, flexibler sein. Wo immer mehr virtuelle und flexible Arbeitsleistung abgefordert wird, soll es im Gesundheitszentrum eine Möglichkeit zur Kommunikation, aber auch der Ruhe in einem internetfreien Raum geben. Die Angebote sollen neben spezifischen Sport- und Reha-Angeboten, Beratung zu psychischen Belastungen und Stress am Arbeitsplatz auch medizinische Vorsorge enthalten.

TK spezial: Sie haben schon jahrzehntelange Erfahrung im Aufbau von Projekten im Gesundheitswesen und dafür mehrere Preise erhalten. Was sind aus dieser Erfahrung heraus die schwierigsten Knackpunkte, wenn es um Veränderung von Strukturen im Unternehmen geht?

Böhme: Gesundheitsmanagement steht und fällt mit dem Thema Führung. Führungskräfte müssen sich mit dem Thema Gesundheit - der eigenen und der ihrer Beschäftigten - auseinander setzen. Sie müssen zukünftig offen sein für neue, teamorientierte Führungsstrukturen, mit mehr Freiräumen durch flexible Arbeitsorte klarkommen und die lebensphasenorientierten Belange ihrer Beschäftigten berücksichtigen. Arbeit 4.0 kann aus meiner Sicht nur gelingen, wo Unternehmen neue gesundheitsförderliche Kulturen schaffen und Beschäftigte und Führungskräfte zu einem neuen Umgang mit dem Thema Gesundheit gelangen. Dazu gehören neben flexiblen Arbeitszeitregelungen auch so vermeintlich einfache Dinge wie Wertschätzung und Respekt.