Hannover, 11. Juli 2019. Unterschiede zwischen Frauen und Männern existieren nicht nur hinsichtlich ihrer Biologie. Auch dem Thema psychische Gesundheit nähern sich Männer anders an als Frauen. Traditionelle Männerrollen und erlernte Denkmuster behindern oftmals Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für den eigenen Körper. Berufliche Anforderungen werden anders wahrgenommen und erlebt. Sich aktiv um die eigene Gesundheit und eine ausgewogene 'work-life-Balance' zu kümmern, ist vielen Männern noch fremd. Aus diesem Grund erreichen Betriebliche Gesundheitsmanagementaktivitäten (BGM) in den Unternehmen die männlichen Mitarbeiter nur in kleiner Zahl. Die allgemein ausgerichtete Gesundheitsförderung ist in der Regel nicht geschlechtersensibel konzipiert und wird eher von Frauen als von Männern in Anspruch genommen. Da jedoch mehr als jede zweite erwerbstätige Person ein Mann ist, müssen weitaus mehr Angebote konkret auf die Zielgruppe 'Mann' zugeschnitten sein. Gemeinsam mit der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen (LVG&AFS) sowie der Universität Bielefeld hat die Techniker Krankenkasse (TK) bundesweit die erste Fachtagung zum Thema 'BGM, psychische Gesundheit von Männern und Digitalisierung' initiiert und ein bundesweites Modellprojekt gestartet, an dem vier niedersächsische Unternehmen beteiligt sind.

Männerspezifische Gesundheitsbedürfnisse identifizieren 

Männergruppen in sich sind heterogen, daher bedarf es genauerer Analysen, um männerspezifische Gesundheitsbedürfnisse und Gesundheitsvorstellungen zu identifizieren. So macht Thomas Altgeld, Geschäftsführer der LVG&AFS, deutlich, dass Männer beispielsweise weniger Präventionsangebote in Anspruch nehmen, da Inhalte und Kommunikationsstrategien nicht auf männliche Muster abgestimmt sind. Den Informationsbedürfnissen von Männern müsse stärker Rechnung getragen werden, als dies bislang der Fall ist. "Damit Männer in der Arbeitswelt stabil werden und bleiben", fordert Altgeld.

Dringender Handlungsbedarf: Spezielle Förderung von Männergesundheit

"Eine gendersensible Gesundheitsförderung mit 'männergerechten' Angeboten im Rahmen des BGM bildet einen sinnvollen Ansatz, um nachhaltig zu wirken", erläutert Inken Holldorf, Landeschefin der TK in Niedersachsen. "Das hat auch der Gesetzgeber erkannt und lenkt mit dem neuen § 2 b SGB V den Blick nun stärker auf geschlechtsspezifische Ansatzpunkte in der Gesundheitsversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung". Bereits seit dem Jahr 2000 engagiert sich die TK mit dem Lebensweltenansatz in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Aktuell sind mehr als 120 TK-Gesundheitsexpertinnen und -experten zum Thema BGM und Betriebliche Gesundheitsförderung in den Unternehmen bundesweit aktiv.

Königsdisziplin im BGM: Analoge und digitale Welt intelligent verbinden 

Stellt sich die Frage: Wie lassen sich geschlechtsspezifische Gesundheitsbedürfnisse konkret identifizieren? Und wie können männergerechte Präventionsansätze im betrieblichen Setting realisiert werden? "Moderne Technologien wie beispielsweise digitale Tools bieten eine Fülle an Chancen, um männliche Beschäftigte für das Thema Gesundheit zu sensibilisieren und zu motivieren", ist sich David Matusiewicz, Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule Essen sicher. "Die Gesundheitsförderung der Zukunft zielt auch ab auf sogenannte Gamification-Elemente, bei denen die Mitarbeiter in virtuellen Räumen eher spielerisch miteinander umgehen und ganz nebenbei etwas für ihre Gesundheit tun. Die Königsdisziplin ist, im BGM die analoge mit der digitalen Welt intelligent zu verbinden".

"Erschwerend kommt hinzu, dass bei Männern häufig verdeckte psychosoziale Arbeitsbelastungen zu beobachten sind", erklärt Professorin Petra Kolip von der Universität Bielefeld. "Jeder zwölfte Mann erhält im Laufe seines Lebens eine Depression. Projekte zur Förderung der psychischen Gesundheit von Männern sind daher dringend indiziert".

Vier Unternehmen in Niedersachsen starten Modellprojekt Männergesundheit

Um ihre männlichen Beschäftigten für die Arbeitswelt von morgen zu stärken, nehmen vier niedersächsische Unternehmen an dem aktuell gestarteten Modellprojekt 'Männergesundheit' teil: Sievers Group, Hellmann Logistic, Premium Aerotec und Schmitz Cargobull. In diesen Unternehmen werden neue Ansprache- und Umsetzungskonzepte erprobt, die im Laufe des Projekts in betriebliche Handlungsempfehlungen münden werden.

Startschuss für das Modellprojekt stellte die bundesweite Auftaktveranstaltung am 2. Juli 2019 in Hannover dar. Weitere Steps sind das Erstellen einer interaktiven Website, die die Sensibilisierung für die psychische Gesundheit von Männern unterstützen soll. Die Website dient einerseits der Aufklärung und Entstigmatisierung, andererseits bietet sie konkrete verhaltenspräventive Strategien und Hilfestellungen an. Sie richtet sich an Männer und Multiplikatoren bzw. Multiplikatorinnen. Mit einer jährlichen Fachtagung soll die öffentliche Auseinandersetzung mit der Gesundheit von Männern angeregt werden.