Vergleicht man die Ergebnisse von Schuleingangsuntersuchungen, fällt auf, dass Thüringer Schulanfänger im Bundesvergleich nach Sachsen-Anhalt am zweithäufigsten übergewichtig sind. Bei Adipositas, also krankhaftem Übergewicht, belegt der Freistaat sogar einen traurigen ersten Platz.

Im Jahr 2017 war fast jeder achte Thüringer Schulanfänger zu dick (12 Prozent). Adipös waren 950 der rund 18.000 untersuchten Sechsjährigen, also etwa fünf Prozent. Mädchen waren etwas häufiger betroffen als Jungen.

Kinder und Jugendliche werden als übergewichtig eingestuft, wenn ihr Body-Mass-Index(BMI)-Wert unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht oberhalb des 90. Perzentils liegt. Ein BMI-Wert oberhalb des 97. Perzentils wird als Adipositas definiert. Mit einem BMI unterhalb des zehnten Perzentils gelten Kinder als untergewichtig.

Untergewicht wurde bei mehr als jedem zwölften Schulanfänger im Freistaat festgestellt (8,5 Prozent). Damit liegt Thüringen im oberen Mittelfeld des Ländervergleichs.

Belastung für Körper und Seele

Aus verschiedenen Untersuchungen, darunter die KiGGS-Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI), wissen wir, dass die Häufigkeit von Übergewicht und auch Adipositas mit zunehmendem Alter steigt. Für den Gesundheitszustand der Kinder kann das im wahrsten Sinne des Wortes schwere Folgen haben, körperlich wie seelisch.

Kinder mit Übergewicht und Adipositas weisen im Vergleich zu normalgewichtigen Gleichaltrigen häufiger Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einen erhöhten Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und Störungen des Glukosestoffwechsels auf. Außerdem steigt mit einem hohen BMI im Kindes- und Jugendalter die Wahrscheinlichkeit für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter.

Ist ein Kind übergewichtig, hat das laut KiGGS-Studie häufig eine geringere Lebensqualität und ein höheres Risiko für Mobbing zur Folge.

Ursachensuche auf aktueller Zahlenbasis schwierig

Das RKI hat in einem Teil seiner Studie auch das Gesundheitsverhalten von Thüringer Kindern und Jugendlichen untersucht. Danach essen Kinder im Freistaat überdurchschnittlich häufig Obst, fast neun von zehn der Drei- bis Sechsjährigen täglich. Auch Gemüse essen die Thüringer Kinder häufiger als der Bundesdurchschnitt.

Betrachtet man die körperliche Aktivität der Kinder, sind Thüringer Mädchen etwas weniger viel in Bewegung als der Bundesdurchschnitt, die Jungen etwas häufiger. Jeweils etwa die Hälfte der Kinder sind mindestens 60 Minuten am Tag körperlich aktiv und erfüllen damit die WHO-Empfehlung.

Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen

Bewegungsmuffel, das sind Kinder, die seltener als zwei Tage pro Woche mindestens eine Stunde körperlich aktiv sind, gibt es dafür bei den Thüringer Mädchen etwas seltener als im Bundesdurchschnitt, bei den Jungen nicht einmal ein Prozent mehr als im Bundesvergleich. Bei beiden Geschlechtern sind es unter fünf Prozent.

Beim Verzehr von Süßigkeiten gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Knapp vier von zehn Drei- bis Sechsjährige essen täglich Süßes, etwas über die Hälfte mindestens einmal pro Woche. In Deutschland insgesamt wird häufiger genascht als im Freistaat.

Bei den vom RKI untersuchten gesundheitsförderlichen oder schädlichen Faktoren gibt es damit keinen Begründungshinweis auf die hohe Zahl übergewichtiger Thüringer Kinder. Liegt das daran, dass weder nach zuckerhaltigen Getränken noch nach fleisch- beziehungsweise fettreicher Nahrung gefragt wurde - Stichwort Bratwurst und Klöße? Oder daran, dass für die Daten zu den Drei- bis Sechsjährigen Eltern befragt wurden, die besonders gut dastehen wollten?

Offensichtlich bleibt damit nur: Es gibt ein Gewichtsproblem schon bei Thüringer Kindern. Vergleichbare Daten zwischen Regionen beziehungsweise Bundesländern fehlen noch und eine fundierte, gern wissenschaftlich unterstützte Ursachensuche wäre hilfreich.