Stuttgart, 1. Dezember 2021. Deutschland ist gestresst und auch im Südwesten steigt die Zahl der besonders Belasteten kontinuierlich. So geben laut der aktuellen Stressstudie "Entspann dich, Deutschland!" der Techniker Krankenkasse (TK) drei von zehn Befragten in Baden-Württemberg an, häufig gestresst zu sein. Insgesamt stehen 60 Prozent der Menschen hierzulande manchmal oder häufig unter Druck.

Top 3 der Stressfaktoren 

Gefragt nach den Gründen, machen den Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern vor allem die eigenen hohen Ansprüche an sich selbst zu schaffen. 48 Prozent der Befragten setzen diesen Stressfaktor auf Nummer Eins, mit 37 Prozent folgen Schule, Studium oder Beruf schon mit deutlichem Abstand. Auf dem dritten Platz landet in Baden-Württemberg mit 35 Prozent die Erziehung und Betreuung von Kindern, während diese bundesweit nur 19 Prozent der Befragten unter Druck setzt. Hier nimmt mit 31 Prozent die Angst vor einer schweren Erkrankung Nahestehender die dritte Position ein, was auch 28 Prozent der Befragten in Baden-Württemberg, verstärkt durch die Corona-Pandemie, Sorgen bereitet. Bei der letzten Befragung im Jahr 2016 stand dieser Punkt nur bei 21 Prozent der Deutschen auf der Liste der Stressauslöser.

Corona macht einsam und antriebslos

"Natürlich hatte die pandemische Lage Einfluss auf die Ergebnisse", erklärt Nadia Mussa, Leiterin der TK-Landesvertretung in Stuttgart, "Die Befragung fand im März 2021 statt, mitten im zweiten Lockdown mit all seinen Herausforderungen." Auf die Frage, ob ihr Leben seit Beginn der Pandemie stressiger geworden ist, antwortete fast die Hälfte der Befragten sowohl bundesweit als auch hierzulande mit Ja (47 Prozent). "Die emotionale Belastung durch die Corona-Einschränkungen scheint in Baden-Württemberg besonders hoch zu sein. Mehr als die Hälfte der Befragten fühlt sich einsamer als zuvor und 42 Prozent gaben an, häufiger antriebslos und niedergeschlagen zu sein", so Mussa. In Nordrhein-Westfalen liegen diese Werte mit 30 beziehungsweise 24 Prozent deutlich niedriger.

Allgemeiner Krankenstand sinkt

Die Analyse von Fehlzeiten der TK-Versicherten in Baden-Württemberg liefert allerdings keine Hinweise auf eine grundsätzliche Verschlechterung der Gesundheit von Erwerbspersonen durch die Coronapandemie. Mit 3,39 Prozent lag der Krankenstand im Jahr 2020 sogar unter den Werten der Vorjahre (2019 3,46 Prozent; 2018 3,49 Prozent). Den größten Anteil am Krankenstand machten mit 19 Prozent die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen aus. Aber: "Diese Entwicklung muss nicht zwangsläufig durch Corona bedingt sein. Eine jährliche moderate Steigerung der Fehlzeiten aufgrund psychischer Diagnosen sind im Südwesten schon seit gut 15 Jahren zu beobachten", so TK-Leiterin Mussa.

Was sorgt für Entspannung?

Offensichtlich gelingt es trotz allem vielen Menschen, auch in stressigen Zeiten einen entspannenden Ausgleich zu finden: Die fünf meistgenannten Strategien in Baden-Württemberg sind: Spazieren gehen oder Gartenarbeit (86 Prozent), Hobbys (74 Prozent), gemütlich faulenzen (72 Prozent), Musizieren oder Musik hören (64 Prozent) sowie Treffen im Freundeskreis und mit der Familie (64 Prozent). Auch hier zeigt sich der Einfluss von Corona. Nadia Mussa: "Treffen mit Freunden oder der Familie lagen 2016 noch auf dem dritten Platz der Entspannungsstrategien. Das war durch die Pandemie im Befragungszeitraum nur eingeschränkt möglich. Stattdessen haben die Menschen sich bei Tätigkeiten erholt, die alleine oder draußen machbar sind."

Arbeitswelt im Umbruch

Eine Änderung zur vergangenen Befragung zeigte sich auch bei der Einstellung zur Arbeit. Während 2016 noch drei Viertel der Berufstätigen im Land Spaß an ihrer Arbeit hatten, bejahten diese Frage 2021 nur noch 65 Prozent. Einer deutlichen Mehrheit der Befragten macht zu viel Arbeit (70 Prozent), Termindruck (69 Prozent) oder ständige Unterbrechungen und Störungen (63 Prozent) zu schaffen. Rund ein Viertel klagt über Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Beruf und Familie (30 Prozent), beziehungsweise der Trennung von Beruflichen und Privatem im Homeoffice (24 Prozent); 28 Prozent haben dabei gesundheitliche Probleme durch nicht optimale Ergonomie.

Arbeitgeber sind gefragt

Um diesen Problemen zu begegnen, sieht die TK auch die Arbeitgeber in der Pflicht: "Wir brauchen eine Unternehmenskultur in den Betrieben, die es den Menschen ermöglicht, gesund zu arbeiten, zu regenerieren und Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Dazu gehört auch, dass Feierabend ist mit der ständigen Erreichbarkeit", erklärt Mussa. Denn auch diese macht in Baden-Württemberg inzwischen gut der Hälfte der Berufstätigen zu schaffen, im Vergleich zu 34 Prozent bei der letzten Befragung 2016. Ein Drittel gab zudem an selbst nach Arbeitsschluss nicht abschalten zu können, bei jeder und jedem Vierten ist das nicht einmal während des Urlaubs möglich.

Hinweis für die Redaktionen

Für die Stressstudie wurden in den Jahren 2013, 2016 und zuletzt im März 2021 bundesweit jeweils 1.000 Menschen bevölkerungsrepräsentativ vom Meinungsforschungsinstitut Forsa telefonisch zum Thema Stress befragt.