TK: Herr Minister, was versprechen Sie sich von dem Projekt Gemeinsam Klasse sein  innerhalb der Strategie des Landes Hessen im Kampf gegen Mobbing und Cybermobbing? 

Lorz: Wir müssen im Kampf gegen Mobbing und Cybermobbing vor allem zwei Dimensionen unterscheiden: Die eine ist die Prävention, die andere die Intervention, wenn es doch zu Mobbingfällen gekommen ist. Wir wünschen uns natürlich alle, dass Mobbing erst gar nicht auftritt, deswegen spielt Prävention eine besondere Rolle an unseren Schulen. "Gemeinsam Klasse sein" bedient den Präventionsmechanismus und setzt schon früh in der 5. Klasse an, um Mobbing wirksam zu verhindern. “Gemeinsam Klasse sein“ ist ein Projekt, das dazu beiträgt, dass viele Fälle gar nicht erst entstehen und den Interventionsteams den einen oder anderen Einsatz erspart.

Prof. R. Alex­ander Lorz

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Hessischer Kultusminister

TK: Wie viel Raum hat so ein Anti-Mobbing-Projekt überhaupt in Zeiten von Homeschooling?

Lorz:
Wir müssen uns den Raum und die Zeit nehmen. Es ist ganz klar: Wer gemobbt wird, wer Angst vor seinen Mitschülern hat, wird weniger gut lernen. Möglicherweise fällt er oder sie sogar ganz aus dem System heraus, und dann sind auch alle sonstigen Bildungsanstrengungen mehr oder weniger umsonst gewesen. Deswegen ist es sinnvoll, diese Zeit in Anti-Mobbing-Projekte zu investieren und ein gutes Lernklima zu schaffen. Für die Lehrkräfte ist es allerdings wesentlich schwieriger, Mobbingfälle über die Distanz zu erkennen und darauf zu reagieren. Indem wir die Kinder wieder in den Präsenzunterricht zurückholen, werden auch unsere Lehrkräfte wieder effektiver gegen Mobbing vorgehen können.

„Gemeinsam Klasse sein"

Als Schulklasse zusammenzustehen und sich gegenseitig zu unterstützen, das ist das Ziel von "Gemeinsam Klasse sein". Wann immer Mobbing auftritt, dies zu erkennen und sich richtig zu verhalten, nicht wegzusehen, sondern einander beizustehen und Hilfe zu holen - das sollen Schülerinnen und Schüler ab der 5. Klasse mit dem Projekt lernen. Ihre Lehrkräfte werden dafür extra geschult. 

Wesentlicher Bestandteil der Schulung ist die zielführende Kommunikation der Arbeitsmaterialien und der Einsatz der Online-Plattform. Sie ist das Kernstück des Projekts und stellt für den Unterricht umfangreiche und multimediale Materialien bereit: Leitfäden, Filme, Arbeitsblätter und Übungen, die Lehrkräfte herunterladen und im Unterricht einsetzen können. Die Schülerinnen und Schüler erforschen in Übungen, Rollenspielen und Gesprächen, wie sie positiv und konstruktiv miteinander umgehen können. Hessenweit haben sich bislang 85 Schulen für das Präventionsangebot gegen Mobbing und Cybermobbing eingeschrieben.

TK: Welche Erfahrungen machen die Schulen gerade jetzt unter Corona-Bedingungen hinsichtlich der Entwicklung von Cybermobbing?

Lorz: Mit Sicherheit gibt es einen Anstieg des Anteils der Jugendlichen, die negative Erfahrungen machen, denn sie sind jetzt durch den Distanzunterricht notgedrungen viel mehr im Netz unterwegs. Es ist eine tendenziell größere Spielfläche für alle Aktivitäten da, die in Richtung Mobbing gehen. Es gibt Studien wie Cyberlife III , die den Zeitraum 2017 bis 2020 untersucht haben und bereits hier einen Anstieg des Mobbings von 13 auf 17 Prozent in den untersuchten Altersgruppenverzeichnet haben. Das ist unter Corona-Bedingungen mit Sicherheit nicht weniger geworden.

Mit Sicherheit gibt es durch Corona einen Anstieg des Anteils der Jugendlichen, die negative Erfahrungen machen.
Prof. R. Alex­ander Lorz

TK: Wie kann Schule als wichtiger Lebens- und Schutzraum für Kinder denn noch gegensteuern oder ist das zu viel verlangt?

Lorz: Schule ist ein Teil der Gesellschaft. Das heißt, sie hat eine wesentliche Verantwortung, hier gegenzusteuern. Andererseits dürfen wir Schule aber auch nicht überfordern. Es gibt unabhängig von Corona manchmal in Teilen der Gesellschaft eine Tendenz, der Schule einfach alles aufzubürden. So, als hätte sonst niemand etwas mit der Kindererziehung zu tun. Da muss man ganz ehrlich sagen: Das familiäre, das persönliche Umfeld von Kindern ist natürlich von großer Bedeutung. Wenn Kinder Zuhause keinen Rückhalt erfahren, kommt Schule dagegen natürlich nicht an. Das unmittelbare Umfeld ist für Kinder noch viel prägender als alles, was Schule leisten kann.

Aber trotzdem ist Schule der zweite große Ort, in dem sich Kinder außerhalb der Familie und des Freundeskreises bewegen. Deswegen hat Schule durchaus Einwirkungsmöglichkeiten, und deswegen ist es auch so wichtig, dass wir die Lehrkräfte, Sozialpädagogen und alle weiteren Professionen, die noch in Schule tätig sind, gut ausbilden und vorbereiten, damit sie im Ernstfall so weit wie möglich intervenieren können. Wir müssen alle etwas dazu beitragen, damit unsere Kinder sicher und mit allen Segnungen, wie sie die digitale Welt natürlich auch bietet, aufwachsen.

Es gibt in Teilen der Gesellschaft eine Tendenz, der Schule alles aufzubürden.
Prof. R. Alex­ander Lorz

TK: Im Koalitionsvertrag hat sich die hessische Landesregierung vorgenommen, die Medienkompetenz von Jugendlichen zu stärken. Was sind für Sie die wichtigsten Hebel, um Medienkompetenz zu stärken? 

Lorz: Es gibt im Prinzip zwei Hebel: Zum einen setzen wir direkt bei den Schülerinnen und Schülern an, die Medienkompetenz zu stärken. Wir arbeiten dafür beispielsweise mit Medienanstalten zusammen: Etwa beim Schülermedientag mit dem Hessischen Rundfunk oder beim Internet ABC mit der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien. Die Digitalen Helden, sind auch an vielen Schulen unterwegs, um die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Solche Peer-to-Peer*-Projekte brauchen wir. Wenn ein Oberstufenschüler auftritt und seinen jüngeren Mitschülerinnen und Mitschülern Medienkompetenz näherbringt, hat das doch eine ganz andere Durchschlagskraft, als wenn der Lehrer im Unterricht darüber reden will. Die Zusammenarbeit mit externen Partnern ist für die Medienbildung der Schüler deshalb von großer Bedeutung.

Medienkompetenz muss aber auch ganz wesentlich von den Lehrkräften vermittelt werden. Und das ist der zweite Ansatz: die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte. Dafür haben wir schon seit einigen Jahren die Fachberatung Medienbildung in den Staatlichen Schulämtern gestärkt, an die sich die Pädagoginnen und Pädagogen wenden können. Wir haben zusätzliches Material entwickelt, derzeit laufen Onlineseminare, die auch Medienkompetenz bei den Lehrkräften fördern, in denen es etwa darum geht: Wie gestalte ich digitalen Unterricht? Wie kreiere ich Unterrichtsbeispiele?

*Peer-to-Peer Projekte kennzeichnen sich dadurch, dass Jugendliche ihr Wissen zu bestimmten Themen an Gleichaltrige weitergeben, aber auch an jüngere Kinder/Jugendliche. Dabei geht es um Informations- und Erfahrungsaustausch.

TK: In unserer Studie Cyberlife III wünschen sich die befragten Eltern, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler ein Cybermobbinggesetz. Sie versprechen sich davon eine strafrechtliche Verfolgung der Täter und klare einheitliche Regeln. Was halten Sie persönlich davon? 

Lorz: Ich glaube das wird in der Wahrnehmung überbewertet – jedenfalls was die strafrechtliche Dimension angeht. Alles, was unter Cybermobbing läuft und die strafrechtliche Schwelle überschreitet, kann zum Beispiel unter die einschlägigen Straftatbestände der Beleidigung, Verleumdung, üblen Nachrede, Drohung, Erpressung oder Nötigung fallen. Es besteht also erst einmal keine Strafbarkeitslücke. Wo wir etwas tun müssen - aber das lässt sich auch per Gesetz schlecht verordnen - ist die schulische und außerschulische Präventions- und Aufklärungsarbeit. Also genau das, was wir eben auch im Projekt "Gemeinsam Klasse sein" machen. Das Strafrecht ist nur die Ultima Ratio, wenn bestimmte Grenzen überschritten sind. Bis dahin haben wir aber in unseren Schulen noch genug pädagogischen Spielraum.

Wir brauchen noch mehr Programme, die sich gezielt an Eltern richten.
Prof. R. Alex­ander Lorz

TK: Wie kann man Schulen besser unterstützen, um Eltern und Schüler zu beraten?

Lorz: Die Aufklärung durch die Lehrkräfte ist wichtig. Aber ich glaube, es würde ihnen die Arbeit wesentlich erleichtern, wenn wir noch mehr Programme zur Verfügung hätten, die sich ganz gezielt an Eltern richten. Denn auch hier gilt: Wenn Eltern ihren Kindern die entsprechenden Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien vorleben und mitgeben, dann hat die Schule es hinterher wesentlich einfacher. Das wäre ein lohnendes Feld, auf dem sicher noch Entwicklungspotenzial besteht.

TK: Welche Herausforderung sehen Sie generell bei Präventionsangeboten, die helfen, die Risiken der Internetnutzung zu minimieren?

Lorz: Das ist ein bisschen wie das Rennen zwischen Hase und Igel: Wegen der Dynamik im Internet kommt man mit den Präventionsmaßnahmen teilweise gar nicht so schnell hinterher, wie neue Phänomene auftauchen. Also müssen wir ständig wachsam bleiben und nachjustieren. Das alleine ist eine Daueraufgabe. Auch vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass in uns allen das Bewusstsein wächst, dass wir alle daran mitwirken und etwas dazu beitragen müssen, dass unsere Kinder gesund aufwachsen.

Zur Person

Prof. Dr. R. Alexander Lorz ist seit 2014 Hessischer Kultusminister und seit 2019 Präsident der Kultusministerkonferenz. Der gebürtige Nürnberger war zuvor  bereits von 2007 bis 2009 Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dann von 2012 bis 2014 Staatssekretär im Kultusministerium. Den Schwerpunkt seines Engagements hatte er schon zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn im Bildungsbereich gesetzt. So war der studierte Jurist bereits frühzeitig als Lehrbeauftragter tätig. Von 2000 bis 2014 übernahm er eine Professur an der juristischen Fakultät der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf. Die Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit jungen Menschen sowie seine eigenen beiden Kinder motivieren ihn, sich politisch dafür einzusetzen, die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der jungen Generation zu verbessern.