TK: Herr Prof. Dr. Montag, in Ihrem Buch "Homo Digitalis" bezeichnen Sie digitale Technologien als "Flow-Killer". Wozu brauchen wir den "Flow" bei der Arbeit und wie können wir verhindern, dass er von E-Mails und WhatsApp gekillt wird?

Christian Montag: „Flow“ beschreibt einen Zustand vertiefter Konzentration, in welchem wir Raum und Zeit vergessen und richtig produktiv werden. Eine Grundvoraussetzung für Flow ist dabei, dass die eigenen Fähigkeiten der Aufgabenschwierigkeit entsprechen. Ansonsten kann Angst bei Überforderung oder Langeweile bei Unterforderung entstehen, was dem Flow-Zustand entgegenwirkt.

Unabhängig von dieser vereinfachten Flow-Definition sind digitale Technologien nicht generell „Flow-Killer“. Jeder weiß, dass das Smartphone uns selber so in den Bann ziehen kann, weil es selber Flow erzeugt, wenn ich beispielsweise eine Social-Media-Applikation intensiv nutze.

Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass digitale Technologien nicht per se gut oder schlecht sind, sondern für eine solche Technik-Folge-Abschätzung die Art und Weise und der Kontext der Technologie-Nutzung berücksichtigt werden muss.

Im Hinblick auf den Flow-Prozess bei der Arbeit bedeutet das Folgendes: Wenn ich am Bildschirm sitze und einen Text schreibe, empfinde ich einkommende Nachrichten über das Smartphone, aber auch E-Mails als „Flow-Killer“, weil diese Mikrounterbrechungen uns regelmäßig ablenken. Ist das E-Mail-Postfach im Hintergrund geöffnet, so bekomme ich beispielsweise die neuen Nachrichten in vielen Betriebssystemen in einer Ecke des Arbeitsfensters auf dem Computer angezeigt. In Phasen hoher benötigter Konzentration ist es also wichtig, dass E-Mail-Postfach komplett zu schließen oder aber auch das Smartphone auszumachen, am besten sogar aus dem Zimmer zu bringen. Ansonsten kann vertiefte Konzentration nicht stattfinden.

TK: Eine weitere These, die Sie aufgestellt haben, lautet: Smartphone-Nutzung kann die Produktivität verringern. Sollten Arbeitgeber die Nutzung des Smartphones am Arbeitsplatz dann besser verbieten?

Christian Montag: Nicht jede Form der Smartphone-Nutzung reduziert die Produktivität. Ich gehe davon aus, dass der Zusammenhang zwischen Produktivität und Smartphone-Nutzung einer umgekehrten U-Funktion gleicht. Nutze ich das Gerät sinnvoll im Alltag macht es mich produktiver, an dem Scheitelpunkt der U-Funktion kann die eigene hochfrequente Smartphone-Nutzung aber tatsächlich in niedrigere Produktivität umschlagen.

Dies wäre dann vor allen Dingen durch eine „Fragmentierung des Alltags“ definiert. Hier sind die Abstände zwischen den Smartphone-Unterbrechungen zu kurz, um sich vertieft auf eine Aufgabe einlassen zu können. Übrigens konnten wir in einer eigenen Studie auch zeigen, dass Personen mit höheren „Smartphone-Sucht-Tendenzen“ auch vermehrt angaben, dass die eigene Smartphone-Nutzung die eigene Produktivität am Arbeitsplatz reduziert.

Es gibt aber auch eine positive Seite der Smartphone-Nutzung und diese möchte ich nicht vergessen. Durch Karten-/Navigations-Apps auf dem Smartphone komme ich schneller von A nach B, besonders in Regionen, in denen ich mich nicht auskenne. Ich arbeite selber häufig in China und möchte nicht auf Skype verzichten, um meine Frau und Tochter jeden Tag sehen zu können. Zusätzlich kann sich die ständige Verfügbarkeit von Informationen natürlich auch positiv auf die Produktivität auswirken.

TK: Wie kann ich selbst erkennen, ob ich zur Smartphone-Sucht neige?

Christian Montag: „Smartphone-Sucht“ ist ein Arbeitsbegriff unter Wissenschaftlern, der momentan intensiv und kontrovers diskutiert wird. Es gibt aber keine offizielle Diagnose „Smartphone-Sucht“. Das heißt die gängigen Diagnose-Handbücher wie das ICD-11 der Weltgesundheitsbehörde führen diesen Begriff nicht auf. Unabhängig davon wird von vielen Wissenschaftlern versucht zu verstehen, ob nicht klassische Suchtsymptome auf diesen neuen Bereich der „mobilen Internetsucht“ übertragen werden können.

Zu solchen Symptomen gehören ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone - "der Droge" - auch wenn ich das Gerät gerade nicht nutze. Des Weiteren werden Entzugserscheinungen diskutiert. Habe ich also starke körperliche Reaktionen, wenn ich das Gerät mal nicht dabei habe? Dies ist meines Erachtens allerdings nicht leicht als Symptom einer möglichen „Smartphone-Sucht“ einzuschätzen, da für viele von uns das Gerät mittlerweile integraler Bestandteil des Arbeitslebens ist.

Weiterhin wird diskutiert, ob eine Toleranzentwicklung im Kontext der eigenen Smartphone-Nutzung zu beobachten ist. Darunter verstehen Suchtforscher, dass das Gerät immer länger genutzt werden muss, um den gleichen „Glücksmoment“ durch die eigene Nutzung des Gerätes zu erfahren. In jedem Fall müssten bei einer „Smartphone-Sucht“ auch private und/oder berufliche Beeinträchtigungen durch die eigene exzessive Smartphone-Nutzung zu beobachten sein. Unproduktives Verhalten könnte stellvertretend für eine solche Beeinträchtigung im beruflichen Bereich sein.

Nur wenn einige dieser und weiterer Symptome bei einer Person zu verzeichnen wären, könnte man eventuell von suchtähnlichem Verhalten sprechen. Problematisch ist aber, dass die Nutzer in der Regel nicht nur das Gerät selber toll finden, sondern logischerweise vor allen Dingen die darauf befindlichen Anwendungen. Eine unserer letzten veröffentlichten Arbeiten deutet passenderweise daraufhin, dass für viele Menschen eine große Überlappung zwischen den Begriffen „Smartphone-Sucht“ und „WhatsApp-Sucht“ existiert.

Für viele Nutzer wäre dementsprechend eher der Begriff einer problematischen Social Media-Nutzung zutreffender. Nicht zu vergessen sind aber auch die zahlreichen Freemium-Game Anwendungen, die von vielen Menschen exzessiv gespielt werden und jeden Tag viel Zeit kosten.

Grundsätzlich weise ich auch darauf hin, dass wir uns davor hüten müssen, Alltagshandlungen wie die Smartphone-Nutzung vorschnell zu pathologisieren. Ein Label wie Sucht sollte nicht leichtfertig vergeben werden und es bedarf noch einiger Forschungsleistungen in den nächsten Jahren bevor dieses neue Phänomen in seiner Breite verstanden ist.

TK: Welche Strategien eignen sich zum "Entzug" in Eigenregie und wann muss ich mir Hilfe holen?

Christian Montag: Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, Bereiche im eigenen Leben einzurichten, in denen das Smartphone und andere digitale Errungenschaften eine untergeordnete, am besten sogar gar keine Rolle spielen. Das Schlafzimmer ist ein solcher Raum, in dem ich eher den Wecker einsetzen würde als das Smartphone als Wecker einzurichten. Üblicherweise bleibt es nämlich nicht beim Stellen des Weckers auf dem Smartphone. Als Konsequenz verbringen Menschen dann abends mehr Zeit online als sie eigentlich ursprünglich beabsichtigt haben. Dies kann unter anderem negative Auswirkungen auf die Schlaflänge und Schlafqualität haben.

Genauso plädiere ich für das Tragen einer klassischen Armbanduhr. Statt das Smartphone herauszuholen, um die Uhrzeit zu erfahren, reicht der kurze Blick auf die Uhr am Handgelenk. Dies kann den Smartphone-Konsum reduzieren, weil viele von uns beim Überprüfen der Uhrzeit eine neue Messenger-Nachricht entdecken und dann schnell etwas machen, was sie eigentlich gar nicht machen wollten. Schnell sind durch das Lesen und Beantworten der WhatsApp-Nachrichten wieder zehn Minuten am Smartphone verbracht worden. Übrigens weiß ich nach dem Wegstecken des Gerätes die Uhrzeit in vielen Fällen immer noch nicht.

Für mich selber habe ich auch entdeckt, dass es gut ist beim Laufsport am Rhein oder der Donau kein Smartphone oder andere Technologien mitzunehmen. Diese Zeit mit mir alleine kann ich gut nutzen, um über den Alltag zu reflektieren. Einige Arbeiten aus der Psychologie legen auch nahe, dass dieses „den Gedanken nachhängen“ (in englischer Sprache „Mind-Wandering“) dosiert zu Kreativität führen kann. Dies wäre ein weiterer Grund dafür, dass Smartphone nicht in allen Lebensbereichen einzusetzen.

Prof. Dr. Christian Montag lehrt Molekulare Psychologie an der Universität Ulm und ist Visiting Professor an der University of Electronic Science and Technology in Chengdu, China. Seit vielen Jahren erforscht er Internet- und Smartphone-Sucht.

Eigene Tendenzen zu Smartphone-, WhatsApp- und Facebook-Sucht können Interessierte über die Studie von Christian Montag auf www.smartphone-addiction.de  erfahren.