"Time-to-Balance" bietet Betroffenen, Angehörigen und Eltern direkt und unkompliziert eine erste Hilfestellung bei dem Thema Internetabhängigkeit. Wie hat sich das Projekt entwickelt? Welche weiteren Schritte sind geplant - und welchen Einfluss hat die Corona-Krise auf die Arbeit? 

Christiane Lieb, Geschäftsführerin von SUCHT.HAMBURG, zieht im Interview eine Bilanz.

TK: Frau Lieb, das Projekt "Time-to-Balance" hat sich in den vergangenen Jahren in Hamburg etabliert. Können Sie einige Meilensteine hervorheben?

Christiane Lieb: Unser zentrales Ziel war und ist es, in Hamburg den Aufbau von Selbsthilfestrukturen im Bereich internetbezogener Störungen zu unterstützen. In enger Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Hamburger Selbsthilfe konnten wir fortlaufend Betroffenen und Angehörigen dabei helfen, sich selbst zu organisieren, um in gegenseitiger Unterstützung Halt bei der Bewältigung ihres Problems zu finden. Im Weiteren hat das Projekt einen Informationsaustausch angestoßen, der die Medienkompetenzförderung und Suchtprävention noch besser miteinander verzahnt und es wurden zahlreiche praxisnahe Wege zur Problemlösung entwickelt. Dies sind zum Beispiel Veranstaltungen, in denen wir Fachkräfte, Betroffene und Eltern zusammenbringen, um einen kontrollierten Umgang mit digitalen Medien zu fördern. 

Neben dem Aufbau und vor allem auch der Etablierung von Strukturen konnten wir auf Basis der Unterstützung durch die TK Hamburg eine Vielzahl von Informationsmaterialien entwickeln, die inzwischen weit über Hamburg hinaus viele Menschen erreichen. In unserer Ratgeberreihe "Neue Medien - Neue Süchte?" ist jüngst mit "Digitale Medien und Pubertät" bereits die vierte Publikation entstanden. Bundesweit wurden alleine von den Druckausgaben unserer Ratgeber insgesamt über 8.000 Exemplare abgerufen. Die 5-teilige Plakatserie "Das Leben ruft dich nicht zurück", die von allen Kinderarztpraxen in Hamburg angefordert wurde und sich darüber hinaus auch bundesweit hoher Beliebtheit erfreut, ist dabei ebenso zu nennen wie auch die gezielte Entwicklung und der Einsatz von Erklärvideos. Die drei Clips, die wir im Rahmen des Projektes gemeinsam mit der TK erstellt haben und sich an Betroffene richten, haben auf unserem YouTube-Kanal insgesamt über 10.200 Klicks erreicht, darüber freuen wir uns sehr.

Chris­tiane Lieb

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Geschäftsführerin von SUCHT.HAMBURG

Das Beratungsangebot "Time to Balance" bietet Betroffenen, Angehörigen und Eltern direkt und unkompliziert eine erste Hilfestellung bei dem Thema Internetabhängigkeit und Computerspielsucht. Christiane Lieb

TK: Seit 2018 trägt das Projekt den Namen "Time-to-Balance". Was hat sich neben dem Namen noch geändert?

Lieb: Im Jahr 2018 haben wir die Ausrichtung des Projekts um den Aspekt der Online-Beratung erweitert und tragen so den veränderten Internetnutzungsgewohnheiten sowohl von Betroffenen wie auch Fachkräften Rechnung. 

Das Beratungsangebot "Time-to-Balance" bietet Betroffenen, Angehörigen und Eltern direkt und unkompliziert eine erste Hilfestellung bei dem Thema Internetabhängigkeit und Computerspielsucht. Anonym und kostenlos kann man sich informieren oder eine passende Beratungsoption (E-Mail oder Chat) wählen, um sich direkt mit einer Fachperson oder anderen Betroffenen in Verbindung zu setzen. 

TK: Die Corona-Pandemie stellt die Menschen vor unterschiedlichste Herausforderungen. Welche Änderungen haben Sie im Projekt bemerkt? Gibt es eine verstärkte Nachfrage nach dem Angebot?

Lieb: Was wir was objektiv feststellen können, ist eine massiv gestiegene Nachfrage nach dem interaktiven Selbsttest für Erwachsene, der auf unserem Webangebot zur Verfügung steht. Der Selbsttest richtet sich an Personen, die sich Sorgen um ihre Mediennutzung machen oder das Gefühl haben, dass Computerspiele, Soziale Medien oder andere Anwendungen nicht mehr nur ein Teil ihrer Freizeitgestaltung sind, sondern ihren Alltag beeinflussen. Seit dem Beginn der Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie im März 2020 wurde dieses Testangebot über 12.000-mal aufgerufen. Das ist immens. Auch Anfragen von Fachkräften an uns sind nach wie vor sehr hoch - hier geht es vor allem um Familien, in denen die Mediennutzung bereits vor Corona problematisch war und in denen sich ein hohes Mediennutzungsverhalten in den letzten beiden Jahren verfestigt hat.

TK: Und zum Abschluss: Welche nächsten Schritte planen Sie?

Lieb: Aktuell laden wir Betroffene und alle Interessierten vorrangig in Hamburg zu einer Reihe von "Fachgesprächen zum Spektrum der exzessiven Mediennutzung ein".

Die Fachgespräche befassen sich mit den Themen "Aktuelle Gaming Trends und ihre suchtfördernden Mechanismen" und "Zwanghafte Nutzung von Online-Pornographie", um auf die vielen Facetten der exzessiven Mediennutzung aufmerksam zu machen. Während wir mit unserem neuen Ratgeber "Neue Medien - neue Süchte? Digitale Medien und Pubertät" die Eltern von Jugendlichen in der Pubertät ansprechen, wollen wir mit unseren Fachgesprächen vor allem Betroffene und Interessierte ansprechen und für das Thema sensibilisieren. Wir knüpfen mit diesen Themen außerdem an die Neuauflage des internationalen Diagnosekatalogs ICD-11 an, die zum 01. Januar 2022 in Kraft getreten ist und erstmals die Diagnosen "Computerspielsucht" und "Pornosucht" beinhaltet. Die Aufnahme in den ICD-11 ermöglicht Betroffenen in Deutschland zukünftig eine Diagnose und damit einen leichteren Zugangsweg zu Behandlungsmöglichkeiten. 

Bei unseren Fachgesprächen können sich Betroffene und Interessierte mit unseren Expert*innen austauschen und ihre Fragen diskutieren. Alle Informationen dazu finden sich auf der Website www.timetobalance.de. Die Teilnahme an den Veranstaltungen ist kostenfrei.