"Time-to-Balance" bietet Betroffenen, Angehörigen und Eltern direkt und unkompliziert eine erste Hilfestellung bei dem Thema Internetabhängigkeit. Und das nun schon seit zehn Jahren. Wie hat sich das Projekt in dieser Zeit entwickelt? Welche weiteren Schritte sind geplant - und welchen Einfluss hat die Corona-Krise auf die Arbeit? 

Christiane Lieb, Geschäftsführerin von SUCHT.HAMBURG, zieht im Interview eine Bilanz. 

TK: Frau Lieb, das Projekt "Netz mit Web-Fehlern?" hat sich in den vergangenen Jahren in Hamburg etabliert. Können Sie einige Meilensteine hervorheben?

Christiane Lieb: Unser zentrales Ziel war und ist es, in Hamburg den Aufbau von Selbsthilfestrukturen im Bereich internetbezogener Störungen zu unterstützen. In enger Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Hamburger Selbsthilfe konnten wir fortlaufend Betroffenen und Angehörigen dabei helfen, sich selbst zu organisieren, um in gegenseitiger Unterstützung Halt bei der Bewältigung ihres Problems zu finden. Im Weiteren hat das Projekt einen Informationsaustausch angestoßen, der die Medienkompetenzförderung und Suchtprävention noch besser miteinander verzahnt und es wurden zahlreiche praxisnahe Wege zur Problemlösung entwickelt. Dies sind zum Beispiel Veranstaltungen, in denen wir Fachkräfte, Betroffene und Eltern zusammenbringen, um einen kontrollierten Umgang mit digitalen Medien zu fördern. 

Neben dem Aufbau und vor allem auch der Etablierung von Strukturen konnten wir auf Basis der Unterstützung durch die TK Hamburg eine Vielzahl von Informationsmaterialien entwickeln, die inzwischen weit über Hamburg hinaus viele Menschen erreichen. Wie zum Beispiel der Ratgeber "Neue Medien = Neue Süchte?", der bereits in der 5. Auflage erschienen ist und bundesweit insgesamt über 7.000 Mal abgerufen wurde. Die 5-teilige Plakatserie "Das Leben ruft dich nicht zurück", die von allen Kinderarztpraxen in Hamburg angefordert wurde und sich darüber hinaus auch bundesweit hoher Beliebtheit erfreut, ist dabei ebenso zu nennen wie auch die gezielte Entwicklung und der Einsatz von Erklärvideos. Unser neuestes Video, das gemeinsam mit der TK in Hamburg im März 2020 veröffentlicht wurde und sich an Eltern richtet, ist auf unserem YouTube-Kanal innerhalb von drei Monaten über 1.700 angesehen worden, darüber freuen wir uns sehr. 

Chris­tiane Lieb

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Geschäftsführerin von SUCHT.HAMBURG

Das Beratungsangebot "Time to Balance" bietet Betroffenen, Angehörigen und Eltern direkt und unkompliziert eine erste Hilfestellung bei dem Thema Internetabhängigkeit und Computerspielsucht. Christiane Lieb

TK: Seit 2018 trägt das Projekt den Namen "Time-to-Balance". Was hat sich neben dem Namen noch geändert?

Lieb: Im Jahr 2018 haben wir die Ausrichtung des Projekts um den Aspekt der Online-Beratung erweitert und tragen so den veränderten Internetnutzungsgewohnheiten sowohl von Betroffenen wie auch Fachkräften Rechnung. 

Das Beratungsangebot "Time-to-Balance" bietet Betroffenen, Angehörigen und Eltern direkt und unkompliziert eine erste Hilfestellung bei dem Thema Internetabhängigkeit und Computerspielsucht. Anonym und kostenlos kann man sich informieren oder eine passende Beratungsoption (E-Mail oder Chat) wählen, um sich direkt mit einer Fachperson oder anderen Betroffenen in Verbindung zu setzen. 

TK: Die aktuelle Corona-Situation stellt die Menschen vor unterschiedlichste Herausforderungen. Welche Änderungen haben Sie im Projekt bemerkt? Gibt es eine verstärkte Nachfrage nach dem Angebot?

Lieb: Was wir was objektiv feststellen können, ist eine massiv gestiegene Nachfrage nach dem interaktiven Selbsttest für Erwachsene, der auf unserem Webangebot zur Verfügung steht. Der Selbsttest richtet sich an Personen, die sich Sorgen um ihre Mediennutzung machen oder das Gefühl haben, dass Computerspiele, Soziale Medien oder andere Anwendungen nicht mehr nur ein Teil ihrer Freizeitgestaltung sind, sondern ihren Alltag beeinflussen. In den ersten fünf Monaten 2020 wurde dieses Testangebot bereits über 8.900-mal aufgerufen, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (3.100 Zugriffe) hat sich der Zugriff somit fast verdreifacht. Das ist immens. Auch Anfragen von Fachkräften an uns haben sich deutlich erhöht - hier geht es vor allem um Familien, in denen die Mediennutzung bereits vor Corona problematisch war und in denen sich das Nutzungsverhalten jetzt weiter zugespitzt hat.

TK: Und zum Abschluss: Welche nächsten Schritte planen Sie?

Lieb: Ganz aktuell laden wir Eltern und Fachkräfte zu unserer Online-Konferenz "Kein Tag ohne Medien - Unterstützung und Hilfen für eine kontrollierte Mediennutzung in der Familie" am 23. Juni 2020 von 13:00 Uhr bis 15:00 Uhr ein. Hintergrund ist, dass gerade jetzt deutlich wird, wie groß der Stellenwert von digitalen Medien bereits im Kita-Alter ist und wie rasant die Bildschirmzeiten der Kinder und Jugendlichen zum Teil ansteigen. Damit erhöht sich meist auch das Konfliktpotenzial, das sich daraus für Familien ergibt. Bei unserer Online-Konferenz können sich Interessierte mit unseren Expert*innen austauschen und diskutieren, wie viel digitale Medien altersgerecht sind, wann die Bildschirmzeiten ein gesundes Maß übersteigen und welche Hilfemöglichkeiten es in Hamburg gibt. Alle Informationen dazu finden sich natürlich auf der Webseite www.webfehler-hamburg.de. Die Teilnahme ist kostenfrei. 

Mittelfristig wollen wir unser gemeinsames Onlineangebot als Selbsthilfeportal zum Thema internetbezogene Störungen in Hamburg in bestehende Strukturen der Familien- und Erziehungshilfe sowie der Suchthilfe verankern. Neben der Fortsetzung unserer erfolgreichen Veranstaltungsformate, die natürlich auch wieder Face-to-Face stattfinden werden, planen wir darüber hinaus einen Selbsthilfetag zum Thema internetbezogene Störungen sowie eine neue Informationsbroschüre für Eltern und Fachkräfte zum Thema Pubertät und digitale Medien.