TK spezial: Sehr geehrte Frau Aschenberg-Dugnus, was ist für Sie das dringendste Thema, das sie als gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion angehen werden?

Christine Aschenberg-Dugnus Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Christine Aschenberg-Dugnus

Christine Aschenberg-Dugnus: Eine unserer größten Herausforderung ist die Digitalisierung. Die Digitalisierung und das Thema E-Health sind eine große Chance, unser Gesundheitswesen im Sinne einer patientengerechten Versorgung besser zu gestalten. Digitalisierung ist kein Wert an sich, sondern macht nur dort Sinn, wo Bürokratie abgebaut und Ärzte- und Pflegekräfte entlastet werden können. Des Weiteren besteht im Bereich der personalisierten Medizin, der Pflege und der Entbudgetierung der grundversorgenden Haus- und Fachärzte erheblicher Reformbedarf.

TK spezial: Um den Pflegenotstand in Altenpflege und Akutpflege abzuwenden, fordern wir einen Masterplan für die Pflege. CDU und SPD haben der Pflege im Koalitionsvertrag einen großen Stellenwert zugeordnet. Sind die dort vorgesehenen Maßnahmen aus Ihrer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung, um die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen perspektivisch sicherzustellen? Welcher Maßnahmen bedarf es darüber hinaus?

Christine Aschenberg-Dugnus: Die vorgesehenen Maßnahmen sind ein wichtiger Schritt, jedoch besteht noch weitergehender Handlungsbedarf. Denn der Fachkräftemangel im Bereich der Pflege lässt sich nicht ausschließlich mit 13.000 neuen Stellen lösen. Denn diese Fachkräfte gibt es zur Zeit schlichtweg nicht. Hauptpunkt muss es sein, mehr Pflegekräfte für den Arbeitsmarkt zu gewinnen. Wichtig ist es daher, Halbtageskräfte zu motivieren, wieder Vollzeit zu arbeiten und Aussteiger dazu zu bewegen, wieder in ihren gelernten Beruf zurückzugehen. Allerdings nicht mit einer einmaligen Prämie, sondern mit mehr Investitionen in die Digitalisierung, einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie und einer betrieblichen Gesundheitsförderung. Bei letzterem Punkten unterstützen wir Minister Spahn gerne bei der Umsetzung

TK spezial: Pflegende Angehörige versorgen in Deutschland einen Großteil der Pflegebedürftigen. Welche Unterstützungsangebote halten Sie für notwendig, um diese stark belasteten Angehörigen zu unterstützen und so eine Pflege von Menschen in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen?

Christine Aschenberg-Dugnus: Es ist sehr wichtig, Angehörigen von Pflegebedürftigen zu entlasten. Denn ein großer Teil der Pflege findet nach wie vor in der Familie in den eigenen vier Wänden statt. Angehörige müssen daher sowohl finanzielle, als auch beratende Unterstützung erhalten. Auch sind beispielsweise Reha-Maßnahmen für pflegende Angehörige vermehrt anzubieten, um diese von ihrer verantwortungsvollen Aufgabe wenigstens kurzfristig entlasten zu können.

TK spezial: Laut Koalitionsvertrag von CDU und SPD soll eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe bis 2020, ausschließlich orientiert am medizinisch-pflegerischen Bedarf der Patienten, Vorschläge für die Weiterentwicklung zu einer sektorenübergreifenden Versorgung unter Berücksichtigung der telematischen Infrastruktur entwickeln. Welche Vorschläge würden Sie in eine solche Bund-Länder-AG einbringen und welche Erwartungen haben Sie?

Christine Aschenberg-Dugnus: Der Innovationsfond hat mit der Förderung von entsprechenden Projekten gezeigt, dass eine sektorenübergreifende Versorgung im Sinne der Patienten möglich ist. Allerdings nur, wenn die  Vernetzung zwischen den Anbietern vorangebracht wird. Nur wenn wir künftig die Vorteile der technischen Entwicklung nutzen, können zum Beispiel flächendeckend "Telenurses" Schlaganfall-Betroffene nach der klinischen Akutversorgung zu Hause betreuen. Das ist im Sinne der Patienten und wichtig für den ländlichen Raum.  

TK spezial: Die Digitalisierung ist in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens zu spüren. Auch im Gesundheitswesen schreitet sie unaufhaltsam voran. Für wie wichtig halten Sie digitale medizinische Versorgungsangebote der Telemedizin für ein Flächenland wie Schleswig-Holstein?

Christine Aschenberg-Dugnus: Die Digitalisierung bietet gerade für ein Flächenland wie Schleswig-Holstein unglaubliche Möglichkeiten, die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Dafür ist es notwendig die elektronische Patientenakte, E-Rezepte und Online-Sprechstunden schnellstmöglich voranzubringen. Selbstverständlich freiwillig und ohne Zwang.

Auch Big Data kann im Gesundheitsbereich Diagnosen und Therapien revolutionieren und  individuelle Therapien entwickeln. Gleichzeitig bieten Digitalisierung und Robotik die Chance, Pflegepersonal und Ärzteschaft von Routineaufgaben zu entlasten, was wiederum mehr Zeit für den Patienten schafft. Gerade im ländlichen Raum ist Telemedizin eine große Chance, um moderne Gesundheitsversorgung lokal vor Ort nutzbar machen zu können.

TK spezial: Die TK hat kürzlich ihre elektronische Gesundheitsakte "TK-Safe" vorgestellt. Diese soll unter anderem die Daten der Versicherten mit denen anderer Akteure im Gesundheitswesen verbinden und so eine bessere Zusammenarbeit von Ärzten und Kliniken ermöglichen. Dazu muss auch die Telematikinfrastruktur zügig ausgebaut und die Interoperabilität gewährleistet sein, damit Daten effektiv genutzt werden können. Wie wollen Sie die Voraussetzungen dafür schaffen und welche Standards müssen nach Ihrer Meinung gesetzt werden?

Christine Aschenberg-Dugnus: Wir müssen bundeseinheitliche Standards vorgeben, damit sektorenübergreifende Interoperabilität künftig gewährleistet ist. Ein Interoperabilitätsverzeichnis allein ist nicht ausreichend. Am besten wäre eine internationale Standardisierung, um im Patientensinne auch internationale Vernetzung im Gesundheitswesen zu erreichen.

TK spezial: Die Regierung will den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) mit dem Ziel eines fairen Wettbewerbs weiterentwickeln und ihn manipulationssicher machen. Die TK fordert faire und einheitliche Wettbewerbsbedingungen. Dazu braucht eine Veränderung der Krankheitsauswahl hin zu schweren Erkrankungen mit hohen Fallkosten und die Beseitigung von Manipulationsanreizen. Welche Änderungen sind aus Ihrer Sicht notwendig um den Morbi-RSA weiterzuentwickeln?

Christine Aschenberg-Dugnus: Der Morbi-RSA muss treffsicherer werden, damit der Skandal der Vergangenheit, dass Diagnosen verschlechtert wurden, sich nicht wiederholt. Die derzeitige Ausgestaltung des Finanzausgleichs der gesetzlichen Krankenversicherungen führt zu eklatanten Wettbewerbsverzerrungen mit der Folge, dass ein fairer Wettbewerb der Krankenkassen nicht stattfinden kann. Zwar sieht der Koalitionsvertrag vor, den Morbi-RSA vor Manipulationen zu schützen, die Formulierung ist jedoch sehr schwammig und wenig konkret. Ziel muss es sein, dass der Morbi-RSA manipulationssicher wird. Dazu brauchen wir beispielsweise eine andere Gewichtung der Krankheiten. Seltene und teure Erkrankungen müssen eine stärkere Berücksichtigung im Risikostrukturausgleich finden. Bezüglich der Abschmelzung der Rücklagen habe ich immer die Meinung vertreten, dass dies erst dann Sinn macht, wenn vorher der Morbi-RSA reformiert wurde. Ich freue mich, dass sich diese Erkenntnis nun auch im BMG durchgesetzt hat. 

Zur Person

Seit 2017 ist Christine Aschenberg-Dugnus als Bundestagsabgeordnete Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion. Sie ist ebenfalls stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss sowie stellvertretendes Mitglied für die Parlamentarische Versammlung der NATO. Von 2011 bis 2013 war sie bereits als pflegepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion tätig. Seit 2001 arbeitet sie als Rechtsanwältin in einer eigenen Kanzlei. Ihr ehrenamtliches Engagement zeigt sich auf regionaler Ebene - unter anderem war sie von 1998 bis 2008 Gemeindevertreterin in Strande, seit 2003 ist sie Vorsitzende des Landesfachausschusses Gesundheitspolitik der FDP in Schleswig-Holstein.