Hamburg, 15. Januar 2019. Die unmittelbar bevorstehende Reform des Finanzausgleichs der Krankenkassen muss die Auswahl der zuweisungsrelevanten Erkrankungen in den Fokus nehmen. Derzeit gewichtet der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (kurz "Morbi-RSA") kostengünstige aber häufige Diagnosen zu stark. Die dokumentierten Fallzahlen dieser Erkrankungen stiegen in den vergangenen Jahren auffällig an.

Die bloße Umstellung auf ein Vollmodell wird die bekannten Probleme nicht lösen. Das ist das zentrale Ergebnis eines aktuellen wissenschaftlichen Gutachtens zum Finanzausgleich der Kassen im Auftrag der TK. Prof. Dr. med. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, stellte seine Analyse heute in Berlin gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der TK, Dr. Jens Baas, vor.

Baas: "Hier ist politischer Mut gefragt. Mit einer Reform, die die echten Baustellen nicht löst und dafür das unliebsame Thema möglichst rasch vom Tisch kehrt, ist die nächste RSA-Korrektur schon vorprogrammiert. Wir brauchen jetzt eine wirksame und sofortige Manipulationsbremse - sonst werden wir in absehbarer Zeit die Kassenlandschaft nicht mehr wiedererkennen." Einzelvorschriften und Regeln wirkten höchstens marginal, solange der grundsätzliche Fehlanreiz weiter bestehe und damit weiterhin Diagnosen mit Entscheidungsspielräumen bezuschusst würden, so Baas weiter. 

Vollmodell erweitert Kodieranreiz 

Gutachter Busse erklärte mit Blick auf eine Reform: "Wir weichen schon heute - also mit 80 relevanten Erkrankungen - mit der Steigerung der kodierten Morbidität von international für Deutschland ermittelten Vergleichsdaten ab. Eine Reform muss endlich dafür sorgen, dass der Morbi-RSA tatsächlich das leistet, was er leisten soll: einen Ausgleich für Versicherte mit teuren Erkrankungen, und nicht primär für Krankheiten, die viele Versicherte betreffen." Ein Vollmodell, das alle Krankheiten berücksichtigt, sieht der Wissenschaftler kritisch. Bei diesem bestünde schließlich für alle Diagnosen ein Kodieranreiz, so Busse. 

Eine Reform des ebenso komplexen wie inhaltlich umstrittenen Verteilmechanismus bietet die Chance, bekannte Fehlanreize und daraus resultierende Fehlentwicklungen endgültig zu beseitigen. Dazu gehören beispielsweise Wettbewerbsverzerrungen, die durch die Einflussnahme auf ärztliche Diagnosen  entstanden sind. 

Vollmodell braucht Manipulationsbremse

Im Rahmen der Reform wird ein sogenanntes Vollmodell, das alle Krankheiten im RSA berücksichtigt, intensiv diskutiert. Dr.Jens Baas:  "Auch wenn sich die Politik für ein Vollmodell entscheidet, ist dieser Weg des geringsten Widerstands eine Sackgasse. Gerade ein Vollmodell braucht von Beginn an eine wirksame Manipulationsbremse. Spielraum-Diagnosen dürfen darin keinen Platz haben, sonst gehen die Wettbewerbsverzerrungen in eine neue Runde." 

Regionale Unterschiede nicht vernachlässigen

Ein weiterer Diskussionspunkt in der Neugestaltung des RSA ist die Einführung eines Regionalfaktors. Damit würden regionale Kostenunterschiede ausgeglichen, die der Wissenschaftliche Beirat in einem Gutachten festgestellt hat. Eine Reform müsse diesen wissenschaftlich dokumentierten regionalen Differenzen endlich Rechnung tragen, so Baas.

Hintergrund für die Redaktionen

Weitere Informationen zur Problematik rund um den Morbi-RSA sowie die Kernaussagen des Gutachtens finden Sie auf www.tk.de/MorbiRSA . Dort finden Sie auch Presseinfografiken und -bilder zum Thema.
Ein Gutachten des WIG 2 Instituts hatte bereits nach der jüngsten Gesetzesänderung zum Thema Morbi-RSA im Rahmen des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes (HHVG) gezeigt, dass diese Verschärfung Beeinflussungsversuche ärztlicher Diagnosen nicht beenden konnte. ( www.tk.de , Suchnummer 2053260)
Im Rahmen des Versichertenentlastungsgesetzes (VEG) hat sich die Regierung verpflichtet, den Morbi-RSA noch vor einem angekündigten Rücklagenabbau der Kassen zu reformieren.