Der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi RSA) muss reformiert werden. Darüber herrscht Einigkeit. Intensiv diskutiert wird derzeit, wie die bevorstehende Reform gestaltet sein muss, damit das Kernstück der deutschen Krankenversicherung tatsächlich das bewirkt, was es ursprünglich bewirken sollte - einen fairen Wettbewerb unter den Kassen sicherzustellen.

Ein wissenschaftliches Gutachten zum Finanzausgleich im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) zeigt deutlich, dass ein so genanntes Vollmodell die bekannten Probleme nicht lösen wird. Die Analyse von Professor med. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen der Technischen Universität Berlin, macht zudem deutlich, dass die Krankheitsauswahl über den Erfolg der Reform entscheidet.

Diese Erkenntnis muss beunruhigen, zumal der Wissenschaftliche Beitrat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs beim Bundesversicherungsamtes (BVA) 2017 empfahl, das Vollmodell, welches alle Erkrankungen berücksichtigt, einzuführen. Diese Empfehlung mutet allerdings nicht nur vor dem aktuellen Gutachten der TK widersinnig an, sondern auch angesichts der Tatsache, dass der RSA reformiert werden sollte, um Manipulationsanreize für Kassen einzudämmen.

Dieser Einflussnahme hat der Gesetzgeber zwar bereits mit Erlass des Gesetzes zur Heilmittel- und Hilfsmittelversorgung Einhalt bieten wollen. Allerdings zeigt die Analyse der Technischen Universität Berlin deutlich, dass weiterhin die dokumentierte Fallzahl von kostengünstigen, häufigen Erkrankungen weiter ansteigt. Das sind genau jene Diagnosen, die der Risikostrukturausgleich zu stark gewichtet.

Hauptziel der Reform muss aber nach wie vor sein, den Finanzausgleich  manipulationsresistent zu gestalten. Dies würde eher durch die Berücksichtigung schwerer kostenintensiver Erkrankungen erzielt, so zeigt das Gutachten.
Durch die Einführung eines Vollmodells würde die Zahl der zuweisungsrelevanten Erkrankungen von 80 auf 360 Krankheiten ausgedehnt und infolge dessen auch das Manipulationspotential erheblich gesteigert.

Sollte das Vollmodell trotz der aktuellen Erkenntnisse des aktuellen TK-Gutachtens eingeführt werden, braucht es von Beginn an eine wirksame Manipulationsbremse. Diagnosen, die einen gewissen Interpretationsspielraum bieten, dürfen darin keinen Platz mehr finden, sollen Wettbewerbsverzerrungen wirklich verhindert werden.

Das Gutachten legt auch die Einführung eines Regionalfaktors nahe. Damit würden regionale Kostenunterschiede ausgeglichen, die der Wissenschaftliche Beirat in einem Gutachten festgestellt hat. Eine Reform sollte diesen wissenschaftlich dokumentierten regionalen Differenzen künftig unbedingt Rechnung tragen. 

Kernaussagen des Morbi-Gutachtens Professor. Dr. Reinhard Busse (PDF, 288 kB)