Dr. Oliver Erens: Herr Vogt, Sie haben über Öffentlichkeitsarbeit bei der TK-Landesvertretung Bayern den Weg zur Leitung der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg gefunden. War dieser Weg vorgezeichnet oder haben hier auch Zufälle eine Rolle gespielt?

Andreas Vogt: Es ist eigentlich ein totaler Zufall, dass ich bei der TK gelandet bin. Ich bin auf die TK aufmerksam geworden durch eine Stellenausschreibung in der Süddeutschen Zeitung, die groß, prächtig und interessant klang. Es wurden Mitarbeiter gesucht für die neu gegründeten Regionalstellen, wie die Landesvertretungen zunächst noch genannt wurden.

Ich musste mich erst einmal informieren, was die Techniker Krankenkasse überhaupt macht, als ich mich dort beworben habe. Meine Kompetenz lag in der Verbindung von politischer und medialer Arbeit. Diese Kombination war bei den Krankenkassen zunehmend auch auf Landesebene gefordert. 

Dr. Erens: Das heißt, Sie konnten gleich richtig loslegen….

Vogt: So rasant auch wieder nicht, denn auch bei der TK musste man sich erst einmal darüber klar werden, was politische Arbeit auf Landesebene überhaupt bedeutet. Wir erhielten als Grundausstattung ein paar Bücher, unter anderem ein Grundgesetz und eine Biographie von Konrad Adenauer. Auf dieser Basis haben wir dann versucht zu verstehen, wie Gesundheitspolitik und das Gesundheitswesen insgesamt funktionieren. Das mussten wir tatsächlich erst nach und nach lernen. 

Ich erinnere mich an eine frühe Erfahrung: Ein Kollege hat mir ein Papier gegeben mit der Überschrift "Dreiseitiger Vertrag zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen". Beim Durchblättern fiel mir auf, dass der Vertrag nur zwei Seiten hat. Ich wurde dann aufgeklärt, dass "dreiseitig" hier eine andere Bedeutung hat. Man sieht, wir sind schon sehr rudimentär gestartet….

Dr. Erens: Hat sich das Selbstverständnis der TK in den vergangenen 30 Jahren stark gewandelt?

Vogt: Gerade in der Ära von Professor Norbert Klusen als Vorsitzender des Vorstandes der TK hat die Kasse die Transformation vollzogen von einer verwaltungsnahen Körperschaft hin zu einem kundenorientierten Dienstleistungsunternehmen. Da hat eine enorme Umwälzung stattgefunden. Dennoch darf man nie vergessen, was der Kern dessen ist, was wir tun: Die finanzielle Absicherung der medizinischen Versorgung unserer Versicherten zu organisieren. Das geht nicht ohne medizinischen Sachverstand. Auch dafür steht jetzt Dr. Jens Baas, der seit 2012 als Arzt an der Spitze der TK steht.    

Dr. Erens: Wie lässt sich dieser Anspruch auf Landesebene umsetzen?

Vogt: Im Kontakt mit unseren externen Partnern ist unsere zentrale Aufgabe, Vertrauen zu entwickeln. Zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe ich den Anspruch gestellt, vertrauensvolle Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Das ist die Voraussetzung, um Dinge in Gang bringen zu können. Unsere Kontakte zur Ärzteschaft sind dafür ein gutes Beispiel.  

 

Andreas Vogt

Andreas Vogt, Leiter TK-Landesvertretung Baden-Württemberg Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiter TK-Landesvertretung Baden-Württemberg

Dr. Erens: Können Sie das etwas ausführlicher darstellen….

Vogt: Ich habe beispielsweise den engen Kontakt mit dem früheren Präsidenten der Landesärztekammer, Herrn Dr. Clever, als ein Element dafür erlebt, dass sich die Kammer in Baden-Württemberg als erste den neuen digitalen Möglichkeiten der Fernbehandlung zugewandt hat. Das war der berühmte Riss in der Mauer, der dazu geführt hat, dass wir heute sehr viel umfangreicher und rationaler über Telemedizin und Videosprechstunde reden können - und zwar in ganz Deutschland. Man kann also über das Land hinaus etwas bewirken.

Dr. Erens: Stichwort "Etwas bewirken": Für den Landeskongress Gesundheit waren Sie Ideengeber oder zumindest engagierter Geburtshelfer.

Vogt: Ausgangpunkt war die Überlegung, dass es in Baden-Württemberg an einem Veranstaltungsformat fehlt, bei dem sich Verantwortliche im Gesundheitswesen einmal im Jahr vernünftig austauschen können. Es hat etwas Überzeugungsarbeit gekostet, dafür einen geeigneten Rahmen zu entwickeln. Inzwischen hat sich der Landeskongress Gesundheit so weit etabliert, dass er nicht mehr infrage gestellt wird. Ich sehe aber großes Potenzial, das Format weiter auszubauen und zu modernisieren. 

Dr. Erens: Die TK-Landesvertretung hat ja auch die ambulante ärztliche Versorgung im Blick, etwa bei der TK-DocTour oder der hausarztzentrierten Versorgung. Welche Überlegungen liegen dem zugrunde?

Vogt: Uns begegnet häufig das Vorurteil, eine Krankenkasse interessiere sich nur fürs Geld. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, wenn versucht wurde, uns auf die reine Zahler-Rolle - und innerhalb der Zahler-Rolle auf die Sparfuchs-Rolle - zu reduzieren. Das wird weder der GKV insgesamt noch der TK gerecht. Diesen Anspruch muss man dann aber auch durch entsprechendes Engagement hinterlegen. Deshalb engagieren wir uns mit speziellen Aktionen und Selektivverträgen. 

Aber damit kann man die Versorgung nicht umfassend gestalten. Wir setzen deshalb bewusst unseren Schwerpunkt auf das Kollektivsystem, weil wir nur im Verbund mit den vielen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie Kliniken und anderen Gesundheitsberufen unsere Versicherten flächendeckend und gut versorgen können.
Angesichts des GKV-weiten einheitlichen Leistungskatalogs sind den Kassen für ihr Engagement doch recht enge Grenzen gesetzt.

Die Handlungsspielräume sind in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden. Zu Beginn meiner Tätigkeit in Stuttgart erklärte mir ein Vorstandsmitglied der KV Nord-Württemberg: Was wollen Sie überhaupt mit Selektivverträgen? Zahlen Sie mal ordentlich im Kollektivsystem und dann hat sich die Sache. 

Dr. Erens: Davon haben Sie sich aber nicht entmutigen lassen…

Vogt: Aber dann haben wir genau mit dieser KV einen der ersten Integrationsverträge mit der Ärzteschaft in Deutschland geschlossen: Die Möglichkeit, interdisziplinäre Schmerzkonferenzen abzurechnen. Da haben wir angefangen, das kleine Pflänzchen zu gießen. Gemessen daran sind wir schon gut vorangekommen. Da haben natürlich auch andere sich Verdienste erworben, etwa die AOK Baden-Württemberg mit ihrer selektivorientierten Vertragspolitik. Es ist uns aber gelungen, eigene Signale zu setzen. 

Wichtig ist, dass das Kollektivsystem innovativ und modern ausgerichtet ist. Wir können Defizite bei der Versorgung der gesamten Bevölkerung nicht ausgleichen, indem wir selektive Einzellösungen suchen. Deshalb haben wir uns immer um Fortschritte im Kollektivsystem bemüht. 

Dr. Erens: Ihre Ehefrau ist Ärztin. Hat das für Ihre Arbeit zusätzliche Impulse gebracht?

Vogt: Meine Frau ist ärztliche Psychotherapeutin, und das war schon hilfreich. Dadurch habe ich eine Menge gelernt. Was für uns wichtige versorgungspolitische Vorgaben und Rahmenbedingungen sind, ist aus der ärztlichen Perspektive oft nur lästige Bürokratie. Und ich habe viel verstanden über Methoden und Wirkungsweisen von Psychotherapie. 

Dr. Erens: Aus ärztlicher Perspektive erleben wir infolge des medizinisch-technischen Fortschritts auch eine Individualisierung der Behandlung. Ist das mit dem Solidaritätsprinzip der GKV noch vereinbar?

Vogt: Gerade in Krisen - wie jetzt die Corona-Pandemie - zeigt sich die Robustheit des solidarisch organisierten Umlagesystems. Die PKV tut sich deutlich schwerer, sich in das gesamtgesellschaftliche Konzert der Krisenbewältigung einzubringen, etwa beim Aufspannen von Schutzschirmen. 

Ich glaube allerdings, dass unser Gesundheitssystem insgesamt eine angemessene Antwort auf neue Herausforderungen finden muss, vor allem auf privatwirtschaftlich und international organisierte und digital betriebene Angebote in der Logik von Plattformökonomie. Da müssen wir in Deutschland eigene attraktive Angebote entwickeln, damit die Menschen nicht kommerziellen Interessen ausgeliefert werden. Das muss dann aber auch genauso problemlos funktionieren, wie das heute von Handels- oder Reiseplattformen erwartet wird. Auch dafür brauchen wir die Ärztinnen und Ärzte.

Dr. Erens: Die TK in Baden-Württemberg hält engen Kontakt mit allen Institutionen im Gesundheitswesen - diesen Ansatz haben Sie beispielsweise mit dem Nikolausempfang perfektioniert. Da sind alle gerne mit dabei - eine tolle Sache. Gibt es das bei der TK auch außerhalb Baden-Württembergs? 

Vogt: Es gibt in vielen Bundesländern Empfänge aller Art mit verschiedensten Konzepten - aber den einen Nikolausempfang gibt es sonst nirgends. Dieses Format ist eher zufällig entstanden, als wir nach einem Umzug zu einem Feierabend-Umtrunk eingeladen haben, um unsere neuen Räume vorzustellen. Das hat allen gut gefallen. Deshalb haben wir die Sache wiederholt. Und weil wir terminlich um den 6. Dezember lagen, haben wir die Idee "Nikolausempfang" entwickelt. 
Dabei ist etwas meine Münchner Prägung mit mir durchgegangen. Mir hat das Nockherberg-Format mit der Fastenpredigt immer sehr gefallen. Da habe ich mir gedacht: Das könnte doch bei uns der Nikolaus mit dem Gesundheitswesen machen.     

Dr. Erens: Kommen wir zu "Erfolgen" und "Niederlagen": Was fallen Ihnen dazu für Themen ein? 

Vogt: Ich bin stolz darauf, dass es in den vielen Jahren gelungen ist, die TK in Baden-Württemberg so zu positionieren, dass man uns wahrnimmt als gestaltende Kraft im baden-württembergischen Gesundheitswesen, insbesondere auch zu Fragen der digitalen Umwälzung.

Ich empfinde es als Niederlage, dass es nach wie vor nicht gelungen ist, die von der Ärzteschaft selbst entwickelten Regeln zur Erbringung von IGeL-Leistungen im realen Versorgungsalltag wirklich einzuhalten. Ich habe mich erfolglos für ein IGeL-Siegel engagiert für Praxen, die sich an den von der Ärzteschaft formulierten Kodex auch wirklich halten.

Dr. Erens: Was bringt die Zeit ab April für die TK-Landesvertretung und auch für Sie persönlich?

Vogt: Ich hoffe auf eine deutliche Entschleunigung meines Lebens und die Zurückgewinnung der Herrschaft über meine Zeit. Ich möchte zudem zum Ursprung meiner beruflichen Tätigkeit zurück. Deshalb werde ich journalistisch tätig sein und ein Teil der Zeit mit Schreiben verbringen.

"Nach zwanzig Jahren Tätigkeit im Gesundheitswesen von Baden-Württemberg bin ich am 31.3.2021 aus dem aktiven Dienst der TK ausgeschieden. Ich bedanke mich herzlich für die partnerschaftliche Zusammenarbeit, die Wertschätzung und das Vertrauen, welche ich in diesen Jahren genießen konnte. Meine herzliche Bitte ist, dass alle unsere Partner auch weiterhin in gleicher Weise mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der TK-Landesvertretung und - ab 1. Juli 2021 - mit meiner Nachfolgerin, Frau Nadia Mussa, zusammenarbeiten. Vielen Dank!"

Andreas Vogt