Mutter und Kind schlafen gemeinsam im Bett
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Ein eigenes Zimmer fürs Baby? Diese Frage stellen sich Eltern, die das erste Kind erwarten. Aber auch später, wenn ein Geschwisterkind dazugekommen ist, bleibt die Zimmerfrage oft aktuell: Ab wann brauchen Kinder ein eigenes Zimmer - und was, wenn es der Platz einfach nicht hergibt? Kann mein Kind ohne eigenes Kinderzimmer in der Entwicklung Nachteile gegenüber anderen haben? 

Es wird ein Mädchen! Die Begeisterung der Eltern ist groß - und das Kinderzimmer bald eingerichtet. In unserer Kultur ist es fast schon üblich, dass ein Kind gleich nach Geburt ein eigenes Zimmer bekommt - mit Kinderbettchen, Wickelkommode und Spielzeugregal. Daran ist nichts verkehrt, aber benötigen wird ein Baby ein eigenes Reich erst mal nicht.

Was Babys brauchen

Was werdende Eltern in der Euphorie oft nicht bedenken: Auch wenn ein Baby von der Entwicklung her so weit ist, sich mit einem Gegenstand für eine kurze Zeitspanne allein zu beschäftigen, braucht es die Nähe zu seiner Bezugsperson mehr als alles andere. Zudem sind alle Babys schlechte Schläfer.

Babys benötigen bei ihrem mehrfachen nächtlichen Erwachen immer wieder feinfühlige Unterstützung, um ruhig weiterschlafen zu können. Dafür verantwortlich ist laut der Bindungstheorie ein angeborenes Bindungsverhaltenssystem, das bei Unwohlsein wie eine Alarmanlage im Gehirn und Körper aktiviert wird.

Bindungsverhaltenssystem - was ist das?

Vom Begründer der Bindungstheorie Bowlby postuliert, wird das angeborene Regulationssystem zur Steuerung von Nähe und Sicherheit (Bindung) Bindungsverhaltenssystem genannt. Evolutionspsychologisch betrachtet erklärt sich das System so, dass das Kind früher drohenden Gefahren durch Unwetter oder Raubtiere hilflos ausgeliefert war, wenn es nicht durch die Nähe und Fürsorge der Eltern geschützt wurde. Die Nähe und Zuwendung der Eltern vermitteln dem Kind also ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, Abwesenheit und Vernachlässigung dagegen löst lebensbedrohliche Angst aus.

Co-Sleeping: Bindung und Schlafen

Gerade bei Säuglingen und sehr kleinen Kindern spielen der Elternkontakt und ein schnelles Reagieren auf Signale eine große Rolle, wenn das Baby oder Kleinkind seine Eltern vermisst. Feinfühliges Elternverhalten ist eine wichtige Voraussetzung für eine sichere Bindung. Und genau diese Bindungserfahrungen entscheiden nach den heutigen Erkenntnissen zur Persönlichkeitsentwicklung in großem Maße, wie gut die kleinen Menschen später in der Welt einmal zurechtkommen.

Der Einfachheit halber stillen viele Mütter ihre Babys daher oft im Elternbett und lassen das Baby dann auch dort schlafen. Diese Alternative zum Schlafen im eigenen Kinderzimmer wird auch "Co-Sleeping" genannt. Da auch immer vor der Gefahr gewarnt wird, dass Eltern sich nachts auf das Baby rollen und es ungewollt ersticken, ist aber auch das Kinderbett, ein Beistellbettchen oder ein Stubenwagen am Elternbett beliebt.

Spielen, wo Mama und Papa sind

Wenn Kinder anfangen, sich zu bewegen, ist es aus Sicherheitsgründen schon klar, dass Eltern sie in ihrer Nähe haben wollen. Aber sie werden auch sehr schnell feststellen, dass Kinder in der Regel bis weit ins Grundschulalter hinein sehr oft einfach auch da spielen wollen, wo sich auch die anwesende Bindungsperson gerade aufhält.

Statt Kinderzimmer: Alternativen zum Spielen

Eine sinnvolle Alternative fürs Kind in der ersten Zeit ist eine Krabbel- und Spieldecke im Wohnzimmer, eine Kiste mit Spielsachen im Elternschlafzimmer oder später zum Beispiel eine Spielküche in der großen Küche von Mama und Papa.

Kurz: Ein eigenes Kinderzimmer zum Spielen brauchen Babys und Kleinkinder im ersten Lebensjahr grundsätzlich nicht. Aber das Extra-Zimmer kann den Bedürfnissen der Eltern entgegenkommen - zum Beispiel wenn sie die Spielsachen abends auch einmal aus ihrem Blick wegräumen oder das Kind zugunsten partnerschaftlicher Nähe außerhalb ihres Schlafzimmers schlafen lassen wollen.

Wann ein Kinderzimmer sinnvoll ist

Zwischen einem und drei Jahren spielen Kinder schon mal bis zu dreißig Minuten allein. Ältere Kinder, insbesondere ab dem Alter von drei, spielen oft schon sehr ausgiebig und konzentriert allein oder sie malen und basteln. Sie ziehen sich auch gern einmal ins Kinderzimmer zurück, um sich dort in Ruhe mit etwas zu beschäftigen.

Eltern, die im Kinderzimmer eine reizvolle Spielumgebung schaffen, die genügend Anregungen bietet, fördern das Alleinspielen - und damit die Entwicklung ihrer Kinder. Ein eigenes Zimmer für den Nachwuchs ergibt jetzt erst richtig Sinn.

Brauchen Geschwisterkinder eigene Zimmer?

Wenn nicht ein unterschiedlicher Schlafrhythmus, Zwistigkeiten zwischen Geschwistern oder andere individuelle Gründe dagegensprechen, entsteht der Wunsch nach dem eigenen Reich und Rückzug bei Kindern in der Regel erst im Schulalter oder spätestens in der Pubertät.

Einem gemeinsamen Kinderzimmer in der ersten Lebensphase steht daher aus Sicht von Familienexperten wenig entgegen. Der Vorteil des geteilten Reiches: Die Kinder lernen schon früh, Rücksicht zu nehmen, miteinander zu kommunizieren, sich zu streiten und Vertrauen aufzubauen.

Getrennte Zimmer in der Pubertät

Familienexperten raten, Jungen und Mädchen zu trennen, wenn sie anfangen, ihre Sexualität zu entdecken. In dieser Phase, die meist mit der Pubertät und deren körperlichen und psychischen Veränderungen einhergeht, wird aber auch bei Geschwistern gleichen Geschlechts zu eigenen Zimmern geraten. In dieser Zeit benötigen Kinder einen Rückzugsraum, wo sie Ruhe finden.

Eine goldene Geschwisterregel gibt es aber nicht. Wenn Kindern von Beginn an zwei Räume zur Verfügung stehen, entscheiden sich einige Geschwister bewusst gegen eigene Zimmer und schlafen lieber gemeinsam in einem Raum. Das andere Zimmer wird dann zum Beispiel für Spiele und Hausaufgaben genutzt. Andere genießen ihr eigenes Reich, weil sie zum Beispiel unterschiedliche Interessen, Spielideen und Freunde haben.

Wie so oft ist die Kinderzimmerfrage eine sehr individuelle Angelegenheit - und der Austausch und die gemeinsame Entscheidung - vielleicht auch für eine ungewöhnliche Lösung - kann die Bindung in der Familie stärken.