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Wer Diskussionen in Sozialen Medien wie Facebook oder Twitter verfolgt, ist nicht selten schockiert von der rabiaten, feindseligen, manchmal gar mörderischen Sprache der Beiträge. Doch wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert, sondern können etwas für eine gute Diskussionskultur im Netz tun.

Im August 2015 erstickten 71 Menschen in einem LKW in Österreich. Kommentare dazu auf Facebook: "Was ein Glück. Paar Flüchtlinge weniger. Dreck braucht man nicht" oder "Selber schuld, wären sie nicht geflüchtet!!!! kein mitleid!!!".

Im April 2017 tötete ein Mann aus Usbekistan in Stockholm vier Menschen und verletzte weitere 15 mit einem LKW. Kommentare nach seinem Geständnis: "Jeden Islambereicherer eintüten + Sippschaft & alle raus schmeißen" oder "Das einzige, was mich wirklich interessiert, ist der Hinrichtungstermin."

Häme und Gewalt in Kommentaren

Gute Laune macht es nicht, sich die Kommentare auf den Social-Media-Seiten von Medien anzuschauen. Eher ist man entsetzt über das Ausmaß an Häme, Gewalt- und Vertreibungsphantasien, Schadenfreude und Bosheit, das aus manchen Kommentaren spricht. Das schreckt viele ab. Eine aktuelle Studie des Eurobarometer aus Oktober 2016 zeigt: Drei von vier Nutzern sind schon mit Hasskommentaren und Drohungen im Netz in Berührung gekommen. Jeder zweite mag sich wegen solcher Kommentare nicht an Diskussionen im Netz beteiligen.

Objekt der Hetze sind oft Flüchtlinge. Aber auch andere "Andersartige" und Menschen, die für etwas stehen, werden mit enthemmten Kommentaren überzogen, zum Beispiel Homosexuelle, Feministinnen, Politiker oder andere, die sich öffentlich äußern.

Hassrede gab es schon immer und auf allen Kontinenten. Oft mit schlimmen Konsequenzen wie Pogromen, Vertreibungen, Gewalt und sogar Völkermord. Denn Sprache geht der Gewalt voraus. Sie ist aber auch selbst ein Mittel der Gewalt. Menschen wollen dazugehören, respektiert und anerkannt werden. Werden sie gedemütigt oder verleumdet, sind in ihrem Gehirn die gleichen Areale aktiv wie bei körperlichen Schmerzen.

Hassrede kann krank machen

Die Psychologin Dorothee Scholz aus Berlin beschäftigt sich seit Jahren mit den Ursachen und Effekten von Hassrede. Sie sagt: "Die emotionale Reaktion auf Hate Speech bei Betroffenen ist in schweren Fällen nicht von Reaktionen auf klassische Krisen, wie zum Beispiel Vergewaltigungen oder Überfälle, zu unterscheiden." Ein Shitstorm verstört und bedeutet großen Stress. Er kann den Kreislauf durcheinanderbringen, Depressionen und Ängste auslösen. Laut Dorothee Scholz haben Menschen, die von Hassrede betroffen sind, ein deutlich höheres Risiko, psychisch zu erkranken. Bedrohungen und Häme führen zu Scham, Verunsicherung und Ohnmacht. Für manche ist die Konsequenz, sich ganz aus der öffentlich wahrnehmbaren Diskussion zurückzuziehen. Dann waren die Hassredner erfolgreich: Sie haben ihren Gegner mundtot gemacht.

Hassbotschaften entwerten ihre Adressaten oder die Personen, die sie angreifen. Nicht selten sprechen sie ihnen die Menschlichkeit ab. Das verletzt die Betroffenen, hat aber auch Auswirkungen auf den Hassredner selbst. Dorothee Scholz: "Informationen über derart reduzierte Menschen werden dann zum Teil in Regionen des Gehirns verarbeitet, die für Information über Gegenstände zuständig sind. Dadurch sinkt die Fähigkeit zur Empathie, und Gewalt auszuüben wird leichter."

Was motiviert Hassredner?

Wer mit Hassrede konfrontiert ist, tappt oft in die Falle, dass er die Botschaft zunächst als eine normale Interaktion einordne, sagt die Psychologin. Denn Menschen kommunizieren in der Regel angemessen miteinander. "Doch eine Hassbotschaft ist keine normale Interaktion. Sie ist eine Projektion auf diesen Menschen. Sie hat also weniger mit der Person zu tun als mit der Belastung der Täter und dem Wunsch, sich zu entlasten von einer Angst, einem Frust und der daraus erwachsenden Aggression," so Dorothee Scholz. Grob gesagt: Hassredner bekämpfen Menschen, um Frust und Ohnmachtsgefühle loszuwerden und wieder Handlungsmacht zu erlangen.

Angehörige von Gruppen, denen sich der Täter fremd fühlt, eignen sich besonders für diese Projektion. Denn Empathie empfindet man vor allem für die, die man als ähnlich wahrnimmt. Verstärkt wird die Distanz zum Beispiel durch die vermeintliche Anonymität im Netz. Scholz: "Studien konnten zeigen, dass psychische Gewalt unter solchen Bedingungen extremere Formen annehmen kann. Hinzu kommt: Hemmende Faktoren, wie das Leid der Betroffenen direkt zur erfahren oder eine kritische Reaktion der Umwelt zu fürchten, fehlen tendenziell."

Hassrede erkennen

Einige typische Merkmale der Hassrede hat Facebook zusammen mit der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin zusammengestellt. Einige Beispiele: Hasskommentare...

  • ... verallgemeinern ("Alle … sind….")
  • ... beschimpfen pauschal bestimmte Gruppen oder werten sie ab, etwa wegen ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, Religion oder ethnischem Hintergrund
  • ... beziehen sich auf Verschwörungstheorien, zum Beispiel auf heimliche Strippenzieher und Nutznießer oder unbekannte Mächte
  • ... argumentieren mit falschen Informationen, auch unterlegt mit falschen Statistiken (etwa "Ausländer beuten Sozialsysteme aus", "das haben Wissenschaftler festgestellt, ich hab nur den Link nicht da".)
  • ... erzeugen Gegensätze ("Wir" und "Die"), oft verbunden mit einem vermeintlichen Handlungszwang, der Aktionen bis zur Gewalt erforderlich macht. ("Wenn wir jetzt nicht …, dann…")

Stellung beziehen

Hassrede im Netz ist sehr oft öffentlich sichtbar. Man kann also eingreifen und sich zum Beispiel solidarisch mit Angegriffenen zeigen. Zum Beispiel zur Mäßigung aufrufen, Angriffe zurückweisen, die Diskussion versachlichen und deutlich machen, dass Hasskommentare nicht akzeptiert werden. Dazu braucht es Zivilcourage und Verantwortung. Diese "Gegenrede" zeigt Betroffenen, dass andere zu ihnen stehen. Und Außenstehenden, die sich sonst einfach zurückziehen würden, dass es nicht nur enthemmte Hasser gibt. Nicht zu handeln, bestärkt dagegen die Aggressiven. Sie fühlen sich frei, weiter Hasskommentare zu verbreiten.

Gegenrede kann man auch organisiert leisten. Die Facebookgruppe #Ichbinhier zum Beispiel hat sich zum Ziel gesetzt, die Vorherrschaft der Hasskommentare zu brechen - durch eigene sachliche, höfliche und demokratische Beiträge ihrer Mitglieder. Die Gruppe konzentriert sich auf Kommentare auf den Facebook-Seiten von Nachrichtenmedien und wird dort aktiv, wo besonders viel Hassrede zu lesen ist. Wer mitmachen will, kann über Facebook um Aufnahme in die Gruppe bitten.

Hasskommentare melden

Darüber hinaus kann man Hasskommentare der jeweiligen Plattform, etwa Facebook, auch melden mit der Bitte, den Beitrag zu entfernen. Bei Facebook erreichen Sie derzeit diese Möglichkeit, wenn Sie rechts oben vom Kommentar auf "Verbergen" klicken, es öffnet sich dann ein Menüpunkt, mit dem Sie den Inhalt melden können.

Ist ein Inhalt strafrechtlich relevant, können Sie Anzeige bei der Polizei erstatten. Machen Sie dazu am besten einen Screenshot des Beitrags. Auch die Medienanstalten der Länder und jugendschutz.net, eine Institution von Bund und Ländern, gehen konkreten Hinweisen nach und prüfen sie auf strafbare und jugendschutzrechtlich bedenkliche Inhalte.

Mit diesen Links gelangen Sie hin: