Rund ein Drittel der Frauen mit Brustkrebs entwickelt nach dem dritten oder vierten Zyklus Chemotherapie die typischen Symptome einer Neuropathie. Bei dieser Erkrankung des peripheren Nervensystems kommt es zu Taubheitsgefühlen, Kribbeln, Schmerzen schon bei leichter Berührung und Brennen. Oft sind die Extremitäten (Hände, Füße, Arme oder Beine) von den Symptomen betroffen.

Warum? Durch die geschädigten Nerven werden falsche Signale an das Gehirn weitergeleitet, das daraufhin seine Empfindlichkeit hochfährt. Dadurch erleben die Betroffenen selbst kleinste Berührungen als schmerzhaft. Die umgebende Muskulatur reagiert auf den Schmerzreiz und verkrampft sich, was wiederum neue Schmerzen verursacht. 

Das Problem der Neuropathie besteht darin, dass sie auch nach einer erfolgreich abgeschlossenen Therapie als eigenständige neurologische Erkrankung anhalten kann und schwer zu behandeln ist. Hinzu kommt: Je stärker die Symptome, desto höher das Sturzrisiko und die sich dadurch entwickelnden Komplikationen. Aus diesen Gründen sollte man einer Neuropathie möglichst früh entgegen wirken. Um herauszufinden, was effektiv und wirksam hilft, haben Forschende der VENUS-Studie jetzt den schützenden Effekt von Vitamin E überprüft. 

VENUS-Studie: Vitamin E und Neuropathie 

Im Internet wird auf vielen Seiten versprochen, dass die zusätzliche Einnahme von Vitamin E das Risiko einer Neuropathie verringert. Um diese Aussage zu überprüfen, untersuchte die VENUS-Studie über 300 Menschen mit Neuropathie. Sie alle erhielten zweimal am Tag entweder Vitamin E oder ein Scheinpräparat. In die Auswertung flossen Angaben über Schmerzen, Konzentrationsfähigkeit und die daraus entstehende Einschränkung im Alltag. 

Das Ergebnis: In allen drei "Kategorien" konnten keinerlei Unterschiede zwischen beiden Gruppen nachgewiesen werden. Außerdem entwickelte die Gruppe mit Vitamin-Einnahme zehnmal mehr Infektionen als die Vergleichsgruppe. 

Fazit: Die zusätzliche Einnahme von Vitamin E hat laut VENUS-Studie keinen schützenden Effekt und mehr Nebenwirkungen. Sie wird deshalb nicht empfohlen, bestätigt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN).  

Aktiv werden zum Schutz vor Nervenschäden

Eine früh auftretende, heftige Neuropathie kann den Abbruch einer Chemotherapie erzwingen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, bevor Symptome auftreten mit den folgenden Maßnahmen zu beginnen und so das Risiko zu minimieren. 

Gesund essen

Offenbar profitieren Frauen während der Chemotherapie, wenn sie mehr Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen. Bei ihnen traten deutlich weniger Neuropathien auf. Nachgewiesen wurde dies bisher aber nur für die Behandlung mit dem Zytostatikum Paclitaxel. Experten raten außerdem auf Alkohol und Nikotin zu verzichten, denn beide Zellgifte wirken nervenschädigend und begünstigen so eine Neuropathie. 

Gleichgewicht trainieren

Auf der Basis der aktuellen Studien zur Vorbeugung von Neuropathien wird in erster Linie ein regelmäßiges Bewegungstraining der Finger und Zehen empfohlen. Ein gezieltes "sensomotorisches Training" und Bewegung allgemein verbessern die Beschwerden und helfen den Alltag wieder selbst gestalten zu können. 

Gut pflegen

Eine gute Durchblutung wirkt den typischen Symptomen einer Neuropathie entgegen, deshalb sind regelmäßige Hand- und Fußmassagen sinnvoll. Um das Risiko zu stürzen möglichst gering zu halten, sollten Frauen mit bestehender Neuropathie auf ein stabiles Schuhwerk achten und auf warme Füße und Hände. 

Wichtig zu wissen: Der vorbeugende Einsatz von Kälte- oder Kompressionshandschuhen während einer Chemotherapie, wird immer wieder diskutiert. Die reduzierte Durchblutung durch Kälte oder Kompression soll die Konzentration der Chemotherapie-Medikamente in den Händen senken. Ob dies allerdings Nervenschäden vorbeugt, ist bisher noch nicht eindeutig belegt.