"Nichts ist mehr normal", so beschreiben viele Frauen ihr Leben mit Brustkrebs. Dies gilt natürlich auch für die restliche Familie, denn ihr Alltag wird durch die Krankheit ebenfalls stark belastet und verändert.

Anfangs ist die Diagnose für die ganze Familie ein Schock, der erst mal verarbeitet werden muss.

Die Therapie erfordert dann von allen einen langen Atem, um sich zwischen Hoffnung und Rückschlägen immer wieder neu auszurichten. Brustkrebs ist ohne jeden Zweifel für die betroffenen Frauen und ihr soziales Umfeld eine große Herausforderung, die man am besten gemeinsam - Seite an Seite - bewältigt. Zu diesem Ergebnis kommen Studien aus Hannover, die eine gezielte Therapie und Beratung von Krebspatientinnen zusammen mit ihren Angehörigen erproben. 

So bleiben alle stabil 

Insbesondere die Partnerinnen und Partner leben nach der Diagnose in einem Spannungsfeld aus eigenen Gefühlen, fehlender Unterstützung und dem gleichzeitigen Wunsch bzw. der Notwendigkeit, für die betroffene Person da zu sein. Dies kann laut Prof. Tanja Zimmermann der MHH bei Angehörigen mitunter zu einer stärkeren Belastung führen als bei den an Brustkrebs erkrankten Frauen selbst. 

"Was braucht meine Partnerin und wie geht es mir? Darf ich über meine Ängste sprechen oder soll ich lieber versuchen, stark zu wirken? Was ist das Beste, alle Arbeit abnehmen oder sich so zu verhalten als wäre nichts?" - Das beständige Abwägen kostet Kraft und führt oft zu einer Sprachlosigkeit, die Erkrankte als Desinteresse falsch interpretieren. Die daraus entstehenden Beziehungsprobleme können die ganze Familie - unnötig - belasten. 

Umso wichtiger ist es, laut psychoonkologischer Forschung, für Angehörige, auf die eigene psychische und körperliche Verfassung gut zu achten. Denn: Je stabiler diese ist, desto besser kann man trotz Belastung gesund bleiben und für seine Partnerin oder Angehörige sorgen. Darüber hinaus sorgt die Kombination aus achtsamer Selbstfürsorge und liebevoller Unterstützung der erkrankten Person langfristig für eine stabile Partnerschaft bzw. eine gute familiäre Beziehung, was allen in der Familie zugute kommt. 

Wichtig zu wissen: Eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums fand heraus, dass Frauen mit überstandenem Brustkrebs noch nach 5 bis 15 Jahren häufiger an Depressionen erkranken, als Frauen ohne Brustkrebs. Ein gutes soziales Netz und eine unterstützende Partnerschaft gelten nachweislich als effektiver Schutzfaktor. Während und nach einer Krebstherapie ist es also besonders wichtig, die Gesundheit aller Familienangehörigen und deren psychische Stabilität im Blick zu behalten. Die neue S3-Leitlinie empfiehlt deshalb Ärzten, ihre Angebote um Partnerprogramme zu erweitern. Es lohnt sich nachzufragen.

Entlastung für die ganze Familie

Meist fühlen sich Frauen für das Wohl ihrer Familie besonders verantwortlich. Mit Brustkrebs müssen sie aber lernen, diese mentale Last - das so genannte "mental load" - zumindest bis zu ihrer Genesung ganz abzugeben. Damit dies leichter gelingt, sind gezielte Angebote für Angehörige ein wichtiger Bestandteil moderner Krebstherapie. Spezielle Partnerprogramme, wie "Seite an Seite" (MHH), aber auch eine gemeinsame,  familienorientierte Beratung sollen Betroffene und nahe Angehörige kompetent einbeziehen. Im Gespräch können individuelle Wege gesucht werden, die Familie emotional und praktisch zu entlasten. Zugleich lernen alle Familienmitglieder hilfreiche Strategien, die Krebserkrankung besser zu bewältigen. 

Tipp: Familien mit einer Frau, die an Brustkrebs erkrankt ist, haben je nach Situation Anspruch auf professionelle Entlastung, zum Beispiel bei der Krankenpflege zuhause oder bei der Versorgung der Kinder. Die Sozialdienste der Kliniken prüfen, welche Ansprüche bestehen und helfen bei der Beantragung. Auskunft erteilen außerdem die Krankenkassen und Krebsberatungsstellen vor Ort.

Link: www.krebsinformationsdienst.de

Kurz & knapp: Selbstfürsorge für Angehörige

Diese vier Regeln des fürsorglichen Umgangs mit sich selbst, helfen Angehörigen die Krankheit besser "auszuhalten": 

Sorgen aussprechen

Angehörige versuchen häufig stark zu wirken und ihre Ängste zu verstecken. Doch das sogenannte "Protective buffering" kann auf Dauer sehr erschöpfend sein und sich negativ auf familiäre Beziehungen auswirken. 

Hilfreich ist: Verstecken Sie Ihre Sorgen nicht und sprechen Sie offen darüber. Achtsam und in Maßen können Sie dies auch mit Ihrer Partnerin besprechen, aber hilfreicher ist meist ein Gespräch mit Freunden oder die Teilnahme an Selbsthilfegruppen, die speziell für Angehörige angeboten werden.

Veränderungen akzeptieren

Eine Krebserkrankung verläuft in Phasen und verändert sich immer wieder, genauso wie die dazu gehörigen Gefühle. Die ständigen Veränderungen und der fehlende Alltag können für Angehörige beängstigend sein. 

Hilfreich ist: Um schwierige Phasen als Angehöriger gut zu bewältigen, ist es zunächst wichtig, diese Veränderungen zu akzeptieren und offen über Probleme zu sprechen. Ein Wechselbad der Gefühle ist typisch für eine Krebserkrankung und sollte deshalb nicht persönlich genommen werden.

Auszeiten nehmen

Versuchen Sie immer wieder bewusst Abstand zu gewinnen. Schon durch kleine Pausen können Sie kurz abschalten und neue Kraft schöpfen. 

Hilfreich ist: Kurze Spaziergänge, eine Tasse Tee in Ruhe oder Hobbys mit regelmäßigen Terminen, wie beispielsweise Yoga oder Tanzen, eignen sich dafür besonders gut.

Unterstützung suchen

Scheuen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das kann eine therapeutische Begleitung sein oder praktische Unterstützung. Aufgaben abgeben ist keine Schwäche, sondern in dieser Situation sinnvoll und vielleicht sogar notwendig. 

Hilfreich ist: Planen Sie die Familie je nach Fähigkeiten und Kapazitäten konkret mit ein. Nehmen Sie Angebote von Freunden an und suchen Sie sich, wenn nötig, externe Unterstützung.  

Wichtig zu wissen

Um Depressionen vorzubeugen und die Bewältigung der Krankheit für die ganze Familie zu erleichtern, sind Mitgefühl und ehrliche Anteilnahme entscheidend. Das bedeutet aber nicht, alles besser zu wissen und über den Kopf der erkrankten Partnerin hinweg zu entscheiden. Die Lösung ist Nachfragen und miteinander reden. Das gilt übrigens auch für Kinder und Jugendliche. Nur mit offener Kommunikation können Sie gemeinsam die beste Lösung finden und die Krankheit als Familie leichter bewältigen.