Wer mit einer chronischen Erkrankung leben muss, sieht sich oft als benachteiligt und grübelt immer wieder über die "Warum gerade ich?" Frage. Diese negative Selbsteinschätzung und der dadurch verursachte innere Stress wirken sich auf das Immunsystem aus. Die relativ neue Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie konnte diesen Zusammenhang nachweisen und konkrete Mechanismen aufdecken. Da der Einfluss der Psyche (Psycho) auf das Nervensystem (Neuro) und die Abwehrkräfte (Immuno) nicht nur in eine Richtung funktioniert, sollten COPD-Patienten einen Blickwechsel auf die eigene Erkrankung wagen und von den positiven Effekten u.a. auf das Immunsystem profitieren. 

Psychische Widerstandskraft 

Wenn Infektionen wie COVID-19 auftreten, sind Menschen mit COPD besonders gefährdet. Allerdings haben sie gegenüber Gesunden oft unterschätzte Vorteile: Aufgrund ihrer Krankheit, sind sie an Krisensituationen gewöhnt und haben hilfreiche Bewältigungsstrategien gelernt. 

Machen Sie sich bewusst, was Sie durch ihre COPD-Erkrankung bereits an psychischer Widerstandskraft erworben haben und wodurch sie u.a. in der Corona-Krise besser "gerüstet" sind als Menschen, für die eine solche Situation völlig neu ist: 

1. Erfahrung mit Krisen

Durch COPD haben Sie viel Erfahrung mit Krisen. Sie wissen ganz konkret was zu tun ist, wenn es zu einer Panik-Attacke und Atemnot kommt. Außerdem haben Sie Strategien gelernt, um solchen Situationen vorzubeugen. Das Gelernte können Sie nun in der Corona-Krise anwenden, wodurch Sie im Vorteil sind.

2. Leben mit Ungewissheit

Durch COPD müssen Sie mit einer ständigen Ungewissheit zurechtkommen, beispielsweise, ob eine Therapie anschlägt oder nicht. Jeder Tag und Monat kann anders verlaufen, da der Krankheitsverlauf nicht vohersagbar ist. Der Vorteil daran ist, dass Sie nach einer Zeit besser darauf reagieren können. Statt Dauerstress und Zukunftsangst, können Sie der Ungewissheit - nicht immer, aber öfter als Gesunde - gelassener begegnen.

3. Akzeptieren von Einschränkungen

Für Menschen ohne chronische Lungenerkrankungen ist die momentane Lebensweise während der Pandemie eine große Umstellung. Mit COPD gehören Einschränkungen und das erschwerte Luft bekommen schon lange zum Alltag dazu. Es ist "normal" Hilfsmittel wie Masken zu verwenden und auf Abstand zu achten. Diese Akzeptanz von Einschränkungen fällt zu keinem Zeitpunkt leicht, aber immerhin stellen die Anforderungen der Corona-Krise für Sie keine ganz neue Situation dar. 

4. Wissen über positive Faktoren 

Viele COPD-Patienten haben im Laufe der Erkrankung gelernt, wie sie ihren Zustand aktiv beeinflussen und Infektionen vorbeugen können. Als Profis für Lungenerkrankungen wissen Sie sicherlich besser als andere Menschen, welche Faktoren das Immunsystem und vor allem die Lunge stärken. Von der richtigen Ernährung bis zu Sport und Bewegung, haben Sie durch COPD erfahren, wie Sie ihre Belastbarkeit trainieren können. 

Wichtig zu wissen: Die Schwächung des Immunsystems durch körperliche oder psychische Belastungen, wird als "Open-Window-Phänomen" der Abwehrkraft bezeichnet. Dieses Risiko können Sie beispielsweise durch körperliche Aktivitäten, die Ihnen Spaß machen, minimieren. Nutzen Sie diese Chance, um sich durch Lebensfreude besser gegen Infektionen zu schützen. 

Psychoneuroimmunologie

Was für einen Einfluss hat Stress auf die Gesundheit? Psychoneuroimmunologie untersucht den Zusammenhang von Psyche, Nervensystem und Immunsystem. Die Schnittstellen sind die Hirnanhangdrüse, die Nebennieren und die Immunzellen. Besonders die Wirkung der Psyche auf das Immunsystem ist hier entscheidend. Bei länger andauerndem Stress kommt es zur erhöhten Konzentration an Glucokortikoiden. Sie zählen zu den Kortikosteroiden, welche die Zytokin-Produktion hemmen. Die Folge ist, dass die Aktivität von T- und B-Lymphozyten gesenkt wird, welche für die Erkennung von beispielsweise Bakterien oder Viren zuständig sind. Zusätzlich kommt es zu einer geringeren Ausschüttung von sekretorischem Immunglobulin A, sogenannte Antikörper und auch ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems. Stress, über einen langen Zeitraum, wirkt sich demnach negativ auf das Immunsystem aus und macht den Körper anfälliger für Infektionen durch Viren, wie beispielsweise das Corona-Virus, oder Bakterien. Menschen mit COPD können, wie oben erklärt, durch ihre Bewältigungsstrategien Stress auf lange Zeit reduzieren und sich dadurch in Krisensituationen schützen. Achtet man, zusätzlich zu einer Bewältigungsstrategie, auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend körperliche Aktivitäten, wird das Immunsystem ergänzend unterstützt und gestärkt.