Die Pubertät ist eine Lebensphase, in der Jugendliche Vieles und auch Gefährliches ausprobieren. In gewisser Hinsicht gilt dies als normal, Kinderärzte haben dafür den Fachbegriff "alterstypisches Risikoverhalten". Offenbar ist dieses Verhalten aber bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes stärker ausgeprägt und dies kann gerade bei Typ-1- Diabetes erhebliche Folgen haben. Damit die Krankheit Ihres Kindes nicht zum Zentrum von Pubertätskämpfen wird, sollten Eltern vorbereitet sein und wissen, was in dieser Zeit auf sie zukommt. 

Wichtig zu wissen: Viele Jugendliche hadern in der Pubertät mit ihrem Schicksal, an Diabetes erkrankt zu sein. Sie entwickeln dadurch leichter eine Depression und lehnen wichtige Therapien einfach ab. Um Depressionen vorzubeugen und gefährliche Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden, raten Experten deshalb überforderten Eltern, sich rechtzeitig beraten zu lassen und Hilfe anzunehmen. Zum Beispiel bietet DiabetesDE ein wöchentliches Sorgentelefon an, wo Eltern ihre Fragen stellen können.

Basics: Pubertät mit Diabetes

Kommen Kinder in die Pubertät, verändert sich der Körper und zahlreiche Nervenbahnen werden neu angelegt. Selbst das Gehirn gerät vorrübergehend aus dem Gleichgewicht, vor allem das körpereigene Belohnungssystem und der Bereich, der für Emotionen zuständig ist. Die Folge sind für alle spürbare - und oft auch hörbare - emotionale Schwankungen zwischen Selbstzweifeln und einem starken Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Das Gehirn sendet in dieser Phase aktivierende Signale zur Bildung von Sexualhormonen, die wiederum die körperliche Veränderung anregen. Bei Mädchen beginnt dies häufig schon im 9. Lebensjahr, bei Jungen oft erst etwas später, in der Regel  im 11. Lebensjahr. Östrogen bremst das Körperwachstum bei Mädchen. Bei ihnen endet der Wachstumsschub meist mit 16 Jahren, bei Jungen dagegen erst im 19. Lebensjahr oder später. 

Bei Jugendlichen mit Typ-1 Diabetes verändern sich zahlreiche Stoffwechselprozesse. Die erhöhte Ausschüttung von Hormonen beeinflusst dabei immer auch den Blutzucker:

  • die unregelmäßige und zugleich erhöhte Produktion von Sexualhormonen reduziert die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Insulin
  • Wachstumshormone bewirken morgens einen Anstieg der Blutzuckerwerte, das sogenannte "Dawn-Phänomen". 
  • in der Pubertät kommt es zu starken Schwankungen der Blutzuckerwerte. Der Langzeitblutzuckerwert HbA1c kann in dieser Phase wiederholt, trotz zuverlässiger Einhaltung der Therapie, über den eigentlichen Zielwert (6,5 - 7 %) steigen. 

Aufgrund der starken Schwankungen ist das Risiko für eine Unterzuckerung höher. Deshalb sollten Eltern ihr Kind rechtzeitig zu Beginn der Pubertät darüber aufklären, wie sie mit einer drohenden Unterzuckerung umgehen und was beispielsweise speziell bei Jugendlichen mit Diabetes beim Konsum von Alkohol zu beachten ist.

Depressionen und Diabetes

Jugendliche haben in der Pubertät mit ihrem Körper, Selbstzweifeln und Stimmungsschwankungen zu kämpfen. Sie machen erste Erfahrungen in der Liebe, mit Alkohol oder Drogen. Allein das ist für die Familie schon  anstrengend genug. Bei Jugendlichen mit Diabetes kommt zusätzlich noch der Frust über eine einschränkende Krankheit hinzu, die das Ausprobieren oder Streiten mit den Eltern noch komplizierter und teilweise gefährlich macht. Die Folge ist, dass viele Jugendliche mit Diabetes ihre Erkrankung ablehnen oder die Behandlung einfach unterbrechen. Dies kann gefährliche körperliche Folgen haben, wie Unterzuckerungen, aber auch psychisch belastend sein und zu Depressionen führen. 

Die betroffenen Jugendlichen zeigen Symptome wie Traurigkeit, Antriebsmangel oder ständige Müdigkeit und Desinteresse, aber auch Gereiztheit, Nervosität oder psychosomatische Beschwerden, wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Als Risikofaktoren für Depressionen gelten beispielsweise belastende Ereignisse, Angststörungen, aber auch Diabetes.

Warum die Erkrankung selbst ein Risiko darstellt, ist verständlich, denn Jugendliche mit Diabetes müssen nicht nur mit der Pubertät, sondern auch mit ihrer Erkrankung zurechtkommen. Zweifel "Warum gerade ich?", Einsamkeit oder ein Gefühl der Aussichtslosigkeit können sehr belastend werden und sich auch auf die Behandlung der Diabetes-Erkrankung auswirken. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Angehörige auf mögliche Hinweise für eine Depression achten, im Gespräch bleiben und ihr Kind so gut wie möglich unterstützen. Dazu gehört auch, rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen. 

Was können Eltern tun?

Alle Beteiligten sollten gut vorbereitet und informiert sein, worauf sie achten müssen. Die Jugendlichen sollten nun selbst aufgeklärt sein, in welchen Situationen die Gefahr der Unterzuckerung droht und wie sie bzw. ihre Freunde mit einer Unterzuckerung umgehen. Oft erleben Jugendliche es als entlastend, wenn sie erfahren, dass die Schwankungen der Blutzuckerwerte in der Pubertät normal sind und nicht zwangsläufig etwas mit der Therapie zu tun haben.  Dies kann beispielsweise den "Frust" vermeiden, wenn sie merken, dass trotz zuverlässiger Einhaltung der Therapie die Werte ständig schwanken. Um Begleiterkrankungen wie Depressionen vorzubeugen, ist vor allem ein stabiles Umfeld und möglichst wenig Stress oder Druck entscheidend. 

Wichtig zu wissen: In dieser oft turbulenten Phase sollten Sie als Eltern und Angehörige gut auf sich achten. Eine gute Möglichkeit sind Selbsthilfegruppen für Angehörige und - wenn erforderlich - eine unterstützende Beratung oder psychologische Therapie.