Wie effektiv es ist, Patienten und Patientinnen aktiv in Entscheidungen mit einzubeziehen, hat die Forschung längst gezeigt. Dabei sollen Ärzte und Ärztinnen persönliche Probleme und Bedürfnisse der Betroffenen berücksichtigen. Noch hat sich diese Erkenntnis im medizinischen Alltag nicht überall durchgesetzt. Ein großer Schritt in die richtige Richtung ist jetzt die zweite Neuauflage der "Nationalen Versorgungsleitlinie für Typ-2-Diabetes", eine offizielle Empfehlung für medizinisches Fachpersonal. 

Was sind Nationale Versorgungsleitlinien (NVL)?

Damit Ärztinnen und Ärzte immer auf dem neuesten therapeutischen Stand sind, veröffentlicht das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) offizielle Empfehlungen: die "Nationalen Versorgungsleitlinien". Sie sind im Internet kostenlos abrufbar und werden in regelmäßigen Abständen aktualisiert. Verschiedene Fachdisziplinen arbeiten dafür im Team und tragen die neuesten Erkenntnisse über Diagnostik und Therapie einer Erkrankung zusammen. Zu diesem Team gehören unter anderem die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die  Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). 

Am Anfang steht eine verständliche Aufklärung

Gemeinsam entscheiden funktioniert nur, wenn Betroffene über mögliche Therapien, Ursachen, Nebenwirkungen und Wirkungen verständlich informiert sind. Erst auf dieser Basis können die Vor- und Nachteile einzelner Alternativen gemeinsam abgewogen werden. Fragen Sie also unbedingt nach, wenn Sie etwas nicht wirklich verstehen und beziehen Sie Freunde oder Angehörige bei Bedarf mit ein.

Wichtig zu wissen: Laut Expertenteam erhöht eine individuell angemessene Aufklärung über Risiken einer Therapie die Zufriedenheit auf beiden Seiten. Angemessen bedeutet aber nicht, dass alles was passieren könnte, umfangreich und vielleicht sogar dramatisch ausgemalt wird. Im Gegenteil, entscheidend für eine gelungene "Risiko-Kommunikation" ist das Bedürfnis nach Informationen, aber auch das Recht auf Nicht-Wissen-Wollen ernst zu nehmen. 

Der Einzelfall entscheidet 

Medizinische Empfehlungen stellen eine Orientierung dar. Aber was für den einen Menschen mit Typ-2-Diabetes ein sinnvolles Ziel der Therapie sein kann, ist für einen anderen völlig unpassend und überfordernd. Deshalb sollte sich nach der neuen Leitlinie die Therapie immer an den individuellen Werten, Bedürfnissen und der Lebenssituation des Einzelnen orientieren. 

Die Belastung durch eine Behandlung (treatment burden) soll zukünftig als eigener Faktor bei Diabetes ernst genommen werden. Denn für das Durchhalten von therapeutischen Maßnahmen spielt es eine wichtige Rolle, in wie weit eine Therapie die Lebensqualität beeinflusst. Zum Beispiel bei der Entscheidung, ob von Tabletten auf Insulinspritzen umgestellt werden soll. 

Wichtig zu wissen: Aber nicht nur Ärztinnen und Ärzte müssen dazulernen. Gibt es Probleme oder die Behandlung schlägt nicht an, sollten sich alle Seiten gleichermaßen verantwortlich fühlen und nach den Ursachen suchen bzw. Lösungen finden. 

Ziel ist nicht gleich Ziel 

Die Ansprüche und Ziele rund um Diabetes sind von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Je genauer sie definiert werden, desto passender wird die Behandlung sein. Dabei unterscheiden Fachleute drei Arten von Zielen: Lebensziele, krankheitsbezogene und funktionsbezogene Ziele. 

Oft kommen Menschen mit Diabetes in die Praxis und fragen nach, wie sie den Blutzucker besser in den Griff bekommen. Dies sind Beispiele für "krankheitsbezogene Ziele". Wie man Nebenwirkungen minimieren oder die Sehkraft erhalten kann sind "funktionsbezogene Ziele". Nur sehr selten bleibt dann noch Zeit für die übergeordneten Lebensziele. Gerade bei Diabetes ist es aber entscheidend, auch die grundsätzlichen Lebensziele mit zu beachten, denn oft beeinflussen gerade diese die Frage, welche untergeordneten Ziele passend sind oder nicht. 

So können Sie Ihre Ziele leichter klären: Zur Vorbereitung auf ein ärztliches Gespräch helfen Ihnen folgende Fragen, Ihre persönlichen Ziele im Umgang mit Diabetes näher zu bestimmen. Nach dem "top-down-Ansatz" können Sie mit den Lebenszielen beginnen. Alternativ können Sie nach dem "bottom-up-Ansatz" zunächst die konkreteren funktions- und krankheitsbezogenen Ziele festlegen, um daraus die Lebensziele zu entwickeln. 

  • Übergeordnete Lebensziele
    "Wenn Sie an Ihren Diabetes denken, was ist Ihnen dann für Ihr Leben besonders wichtig?"
  • Funktionsbezogene Ziele
    "Wenn Sie an mögliche Einschränkungen durch Ihren Diabetes denken, was möchten Sie dann erreichen?", "Welche Aktivitäten möchten Sie gern weitermachen können?"
  • Krankheitsbezogene Ziele
    "Wenn Sie an Ihren Diabetes denken: Welche Beschwerden oder Aspekte Ihrer Erkrankung möchten Sie verändern?"

Wichtig zu wissen: Im Laufe der Zeit können sich Ziele ändern, beispielsweise wenn die Umstellung von Medikamenten im Alltag nicht funktioniert oder sich neue Ernährungsweisen in der Familie nicht durchsetzen lassen. Deshalb rät die neue Leitlinie, die eigenen Ziele in regelmäßigen Abständen zu überprüfen oder neu festzulegen. 

Was beinhaltet die neue Leitlinie für Typ-2-Diabetes in Kurzform?

  • Individuelle, realistische Ziele definieren
  • Mit dem Arzt / der Ärztin zusammen entscheiden 
  • Therapieziele auf Alltagstauglichkeit überprüfen
  • Therapieprobleme gemeinsam angehen 

Ärztinnen und Ärzte sollten:

  • Verständlich aufklären 
  • Entscheidungskompetenz der Betroffenen stärken
  • Gemeinsam Vor-und Nachteile bzw. Risiken abwägen