Bisherige Versuche für Typ-1-Diabetiker, eine Insulinpille zum Schlucken zu entwickeln und sie so von den täglichen Insulin-Spritzen zu befreien, sind stets gescheitert. Der Grund: Das Hormon Insulin ist normalerweise dafür gemacht, im Blut seine Wirkung zu entfalten und dort den Blutzucker zu senken. Wird es in Pillenform geschluckt, landet es erstmal im Magen und später im Darm, wo es massiv attackiert wird. 

Magensaft und Dünndarm greifen Insulin an

So zerstört die im Magensaft enthaltene Salzsäure Eiweiße, zu denen auch Insulin gehört. Im ersten Abschnitt des sich an den Magen anschließenden Dünndarms - im sogenannten Zwölffingerdarm - setzen Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse dem mittlerweile funktionslosen Hormon weiter zu und zerschneiden es in noch kleinere Stücke, die als Hormon völlig wirkungslos sind. 

Selbst wenn das Hormon die Strapazen in Magen und Dünndarm irgendwie überstehen würde, so bliebe die Wahrscheinlichkeit gering, dass es seine Wirkung im Blut entfalten kann. Denn Insulin kann die Darmschleimhaut kaum durchdringen und es wird von den Darmzellen - den sogenannten Darmepithelzellen - nur selten durchgelassen.

Ein Team von US-Forschern um Prof. Dr. Samir Mitragotri von der John A. Paulson School of Engineering and Applied Sciences in Boston (USA) hat nun eine neue Insulinpille entwickelt, die diese Hürden nehmen könnte. Dafür führten sie Experimente mit Tieren durch.

Säureschutzkapsel plus Enzymschutz

Sie verpackten das Insulin in eine säurefeste Kapsel, um es vor den Attacken der Magensäure zu schützen. Erst in der basischen (alkalischen) Umgebung des Dünndarms löst sich die Säureschutzkapsel auf. Durch die zusätzliche Lösung in einer speziellen Schutzflüssigkeit entgeht das Insulin den Dünndarm-Enzymen. Die Spezial-Flüssigkeit ermöglicht auch, dass das Hormon die Darmschleimhaut besser durchdringen und zwischen den Darmzellen hindurch ins Blut gelangen kann. 

In ersten Tierexperimenten hat die neue Insulinpille den Blutzucker, je nach Dosis des Medikaments, um bis zu 45 Prozent gesenkt. Dabei werde das Insulin aus der Pille langsam vom Körper aufgenommen und erziele eher eine langfristige Wirkung, so die Forscher. Die Insulinpille könne daher als Basalinsulin interessant sein. Als Basalinsulin wird ein langwirksames Insulin bezeichnet, das den Grundbedarf des Körpers an Insulin abdeckt.

Nebenwirkungen nicht zu erwarten

Nebenwirkungen durch die zusätzlichen Inhaltsstoffe der Pille seien nicht zu erwarten, erklären die Wissenschaftler. So wird der Säureschutz schon bei vielen anderen Medikamenten eingesetzt. Einer der Inhaltsstoffe der Spezial-Flüssigkeit, Cholin, ist ein vitaminähnlicher Nährstoff, der zum Beispiel in Eiern, Sojabohnen oder Broccoli vorkommt. Die mittels Insulinpille verabreichte Tagesdosis Cholin liege weit unter dem Grenzwert, den etwa die amerikanische Arzneimittelbehörde empfiehlt, so die Forscher. Geransäure, der zweite Stoff, kommt ebenfalls natürlich vor und ist zum Beispiel in den Gewürzen Kardamom oder Zitronengras enthalten. 

Bei Raumtemperatur ist die Insulinpille namens CAGE-Insulin mindestens zwei Monate haltbar und im Kühlschrank für mindestens vier Monate. Was der vielversprechende Insulin-Kandidat tatsächlich kann, muss er nun in weiteren Experimenten und klinischen Studien beweisen.