Junge Typ-1-Diabetikerinnen haben etwa doppelt so oft eine Essstörung wie gesunde  Frauen gleichen Alters. Am häufigsten ist die Ess-Brechsucht, auch Bulimie genannt. Auch Männer können betroffen sein, Frauen jedoch deutlich häufiger. Grundsätzlich gilt: Jede Essstörung verschlechtert den Gesundheitszustand und erhöht das Risiko für Folgeerkrankungen, die durch die Zuckerkrankheit verursacht werden.

"Insulin Purging" ist typisch

Bei der Ess-Brechsucht haben betroffene Frauen regelrechte "Fressattacken", bei denen sie in kürzester Zeit große Mengen Lebensmittel essen. Anschließend versuchen sie, das Gegessene wieder loszuwerden: Sie erbrechen sich oder nehmen Abführmittel ein. Sie schlucken Appetitzügler, Schilddrüsenpräparate oder Medikamente, die harntreibend wirken. Oder sie hungern eine Zeit lang. Eine typische Methode bei Patientinnen mit Typ-1-Diabetes ist das sogenannte "Insulin Purging", also das Weglassen von Insulindosen.

Betroffene spritzen sich bewusst zu wenig des blutzuckersenkenden Insulins, um Gewicht zu verlieren. Das funktioniert so: Je weniger Insulin da ist, desto weniger Zucker kann der Körper in Energie umwandeln. Es verbleibt mehr Zucker im Blut, der schließlich über den Urin wieder ausgeschieden wird. Die Frauen verlieren Kalorien und Gewicht, gefährden aber ihre Gesundheit. Ihr Blutzucker ist dauerhaft zu hoch, sodass Gefäße und Nerven viel früher geschädigt werden als bei Patientinnen ohne Essstörungen.

Je älter, desto häufiger

Je nach Altersgruppe ist der bewusste Verzicht auf Insulin zum Gewichtsverlust unterschiedlich verbreitet:

  • 2 Prozent der Kinder zwischen 9 und 13 Jahren
  • 11 Prozent der Mädchen/jungen Frauen zwischen 12 und 19 Jahren
  • 34 Prozent der erwachsenen Frauen zwischen 16 und 22 Jahren
  • 40 Prozent der Frauen zwischen 18 und 30 Jahren

Magersucht, Ess-Brechsucht und Binge-Eating-Störung

Neben der Ess-Brechsucht gibt es noch die Magersucht und die sogenannte Binge-Eating-Störung. Bei letzterer verlieren die Betroffenen während des Essens die Kontrolle und essen große Mengen, ohne hungrig zu sein. Frauen mit einer Binge-Eating-Störung essen meist allein, da sie sich in Gesellschaft ihrer Essattacken schämen. 

Bei der Magersucht steht im Vordergrund, Essen zu vermeiden, vor allem kalorienreiches. Auch Magersüchtige erbrechen sich, um Essen und Kalorien zu verlieren. Sie benutzen Abführmittel, Appetitzügler, harntreibende Mittel oder machen übertrieben viel Sport. Außerdem sind sie - für jedermann sichtbar - extrem dünn.

Augen, Nieren und Nerven früher geschädigt

Unabhängig von der Art der Essstörung sind die Folgen gravierend. Der Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c liegt bei etwa 11 Prozent im Vergleich zu 8,7 Prozent bei Betroffenen ohne Essstörung. Durch das "Insulin Purging" erhöht sich zudem das Risiko für eine Ketoazidose. Das ist eine lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung - ausgelöst durch Insulinmangel. Sie muss sofort auf der Intensivstation behandelt werden. Betroffene sind oft stark unterzuckert. Außerdem sind Augen, Nieren oder Nerven viel früher geschädigt als bei Patientinnen ohne Essstörungen.

Für Betroffene ist es hilfreich, wenn vor allem Angehörige auf diese Warnsignale achten:

  • Gewicht und Blutzucker sind sehr schwankend (oft bei Bulimie)
  • Betroffene sind mit dem eigenen Körper unzufrieden
  • Es werden mehrere Blutzuckermessgeräte genutzt
  • Die Anzahl täglicher Blutzuckermessungen verringert sich
  • Ketoazidosen werden häufiger
  • Beim Arztbesuch wird das Blutzuckermessgerät "versehentlich" vergessen
  • Betroffene wollen sich beim Arztbesuch nicht wiegen lassen

Patientinnen und Angehörige können sich beim behandelnden Arzt zu Möglichkeiten einer Behandlung beraten lassen. Für Diabetespatientinnen kann zum Beispiel eine Psychotherapie sinnvoll sein. Schulungs- und Selbsthilfe-Programme allein reichen oftmals nicht aus.