Sexualität hat einen hohen Stellenwert und viele Menschen möchten trotz Diabetes und auch im Alter sexuell aktiv bleiben. Dies wirkt sich als "Nebeneffekt" positiv auf die Lebenserwartung aus, wie eine über 25 Jahre laufende Studie jetzt zeigte. Umgekehrt belasten sexuelle Probleme die Beziehung und das eigene Wohlbefinden. 

Diabetes belastet die Sexualität 

Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes kommt es öfter zu sexuellen Problemen als bei gesunden Gleichaltrigen. Schwankende Blutzuckerwerte, die ständige Sorge vor Unterzuckerungen und der Kampf um ein normales Gewicht sind Faktoren, die fehlender Erotik nicht gerade auf die Sprünge helfen. 

Erektionsprobleme

Erschwerend kommen diabetesbedingte Gefäßablagerungen hinzu, die sich nicht nur in den Herzkranzgefäßen bemerkbar machen. Oft sind die kleinen Gefäße im Genitalbereich sogar noch viel früher betroffen. Erektionsprobleme können deshalb erste Vorboten von Herzinfarkt oder Schlaganfall sein. Möglicherweise sind aber auch Medikamente wie Blutdrucksenker oder Cholesterinsenker die Ursache von Potenzstörungen. Eine fachärztliche Abklärung stellt deshalb den ersten Schritt dar, das Problem aktiv anzugehen. Für Männer sind urologische Praxen die richtige Anlaufstelle. 

Fehlende Libido

Lustlosigkeit oder ständige Müdigkeit kann bei Männern und Frauen auf Depressionen hinweisen, die bei Diabetes ebenfalls häufiger auftreten. Dies führt dann zu einem Teufelskreis aus Stimmungstief, Blutzuckerproblemen und sexuellen Störungen. 

Wichtig zu wissen: Rund 70 Prozent der Betroffenen würden gerne in der Arztpraxis über ihre sexuellen Probleme sprechen. Laut einer Studie der Universität Toronto wollen sie aber nicht die Initiative ergreifen. Leider erfragen viele Ärzte und Ärztinnen zu selten sexuelle Probleme. Die zur Verfügung stehenden Therapien können dadurch nicht genutzt werden. Dieses Tabu sollten Sie nicht akzeptieren! Machen Sie den ersten Schritt und sprechen Sie bei sexuellen Problemen Ihren Arzt oder Ihre Ärztin an. 

Neue Studien zu Antidepressiva und sexuellen Störungen 

Bestimmte Medikamente gegen Depressionen (Serotonin- und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) können zu anhaltenden sexuellen Problemen führen, auch nach dem Absetzen. Laut Europäischer Arzneimittelkommission (EMA) müssen die Beipackzettel seit 2020 jetzt einen entsprechenden Warnhinweis enthalten.

Zur Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen eignen sich alternativ Johanniskraut-Extrakte. Sie verursachen diese Nebenwirkung nicht und sind bei Diabetes einen Versuch wert. Laut Bundesapothekerkammer sind viele frei verkäufliche Präparate unterdosiert. Fragen Sie deshalb bei Ihrer behandelnden Praxis nach. Bei einer mittelschweren Depression kann Johanniskraut in höherer Dosierung verordnet werden. 

Wenn Männer nicht können

Sexuelle Probleme bei Männern haben meist mit Potenzstörungen zu tun. Die so genannte "Erektile Dysfunktion" (ED) betrifft rund die Hälfte  aller Männer mit Typ-2-Diabetes, dies zeigte eine Analyse von Studien mit Daten von insgesamt 88.577 Männern. Im Vergleich zu Männern ohne Diabetes tritt die ED durchschnittlich 10-15 Jahre früher und dreimal so oft auf. 

Wichtig zu wissen: Potenzstörungen treten öfter bei zunehmender  Erkrankungsdauer und fortschreitendem Alter auf, dies lässt sich nicht beeinflussen. Aber je besser der Blutzucker eingestellt ist und je gesünder Sie mit Blick auf Herz und Gefäße leben, desto seltener treten Potenzprobleme auf, auch bei Diabetes.

Wenn Frauen keine Lust mehr haben 

Bei rund 42 Prozent der Frauen mit Diabetes ist die Sexualität beeinträchtigt. Anders als bei Männern, steht bei Frauen die fehlende Libido im Vordergrund. Dies kann verschiedene Gründe haben. Ein Problem stellt die fehlende Feuchtigkeit im Intimbereich dar. Dadurch kommt es bei Diabetikerinnen häufiger zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr als bei Frauen ohne Diabetes. Hinzukommen diabetesbedingte Nervenschäden und bakterielle Infektionen oder Pilzerkrankungen, die durch den veränderten Stoffwechsel öfter auftreten. 

Wichtig zu wissen: Sexuelle Störungen entwickeln sich bei Frauen mit Diabetes oft langsam und sind für den Partner wenig "sichtbar". Sprechen Sie deshalb ihre Probleme offen an und fragen zum Beispiel bei Ihrer Frauenärztin nach therapeutischen Angeboten.  

Sexuelle Probleme sind behandelbar 

Die Möglichkeiten sexuelle Probleme zu behandeln sind heute vielfältig, auch bei Typ-2 Diabetes. Sie reichen von Therapien gegen organische und psychische Ursachen bis hin zu konkreten Tipps aus der Sexualtherapie. 

Was kann ich tun? Eine ärztlich gestellte Diagnose und das offene, lösungsorientierte Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Heimlich Viagra und Co. einnehmen ist dagegen gefährlich und genauso wenig sinnvoll, wie der Verzicht auf oder das Aushalten von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. 

Grundsätzlich gilt, eine funktionierende Beziehung und die eigene innere Stabilität, sich selbst zu mögen und den eigenen Körper anzunehmen, sind entscheidende Faktoren für eine lustvolle Sexualität.