Beim Husten oder Lachen plötzlich Urin zu verlieren oder es nicht mehr bis zur Toilette zu schaffen, ist den meisten Menschen besonders peinlich. Statt sich Hilfe zu holen, versuchen sie das "Malheur" zu vertuschen, kaufen Einlagen oder bleiben immer öfter zu Hause. Damit verpassen Betroffene die Chance auf eine vollständige Heilung, beispielsweise wenn Medikamente die Ursache sind.  

Raus aus der Tabuzone 

Die Diagnose Inkontinenz zu stellen, ist nicht so einfach wie es scheint. Denn es gibt nicht nur verschiedene Ursachen, sondern auch mehrere Formen der Harninkontinenz, die im Alter getrennt oder zusammen auftreten können. Da die Behandlung je nach Form unterschiedlich ausfällt, ist die richtige Diagnose und Zuordnung entscheidend für den Erfolg der Therapie. Laut Experten kann die Basisdiagnostik aber in 85 Prozent der Fälle beim Hausarzt erfolgen, nur wenige Betroffene müssen an einen urologischen Facharzt überwiesen werden. 

Wissenswert: Die häufigsten Formen der Harninkontinenz

Wenn ältere Menschen plötzlich dringend zur Toilette müssen und dann den Urin nicht mehr halten können, liegt wahrscheinlich eine "Dranginkontinenz" vor. Der Grund dafür kann ein überaktiver Blasenmuskel sein oder eine im Alter nachlassende Kontrolle des Gehirns über die Blasenfunktion. Der Abgang von ein paar Tropfen beim Husten oder Hüpfen spricht für eine "Belastungsinkontinenz", die durch Beckenbodenprobleme und einen geschwächten Schließmuskel verursacht sein kann. Diese zweithäufigste Form nimmt im Alter zu, tritt aber bei Frauen auch schon in jüngeren Jahren auf. Kommt nächtlicher Harndrang hinzu und eine Entleerungsstörung der Blase, kann bei älteren Männern eine vergrößerte Prostata dahinter stecken. 

Tipp: Ein gezieltes Training des Beckenbodens und Schließmuskels ist bei beiden Formen hilfreich und kann zuhause durchgeführt werden. 

Update für Ärzte und Betroffene

Experten der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie haben jetzt zusammen mit Urologen rund 500 Studien über Harninkontinenz ausgewertet und die Ergebnisse in einer aktualisierten Empfehlung für Ärzte veröffentlicht. Diese "Leitlinie Harninkontinenz" ist auch für Patienten interessant, die aus anderen Gründen auf Medikamente angewiesen sind. Denn ein wichtiger Schwerpunkt der neuen Leitlinie besteht darin, Nebenwirkungen als Ursache aufzulisten. 

Folgende häufig verordnete Medikamente können als unerwünschte Nebenwirkung über verschiedene Mechanismen die Ausscheidung von Urin beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise: 

  • Psychopharmaka (wie Antidepressiva, Beruhigungsmittel und Neuroleptika)
  • Schmerzmittel (wie Opiate)
  • Blutdrucksenker (wie Kalziumantagonisten und Betablocker)
  • Alpha-Rezeptorenblocker bei Prostatavergrößerung
  • Cholinesterase-Hemmer gegen Alzheimer
  • Diuretika 

Erst wenn dieser Zusammenhang bei der Diagnostik aufgedeckt wird, kann der Urinverlust optimal behandelt werden. 

Wichtig zu wissen: Umgekehrt können Arzneimittel, die bei Inkontinenz eingesetzt werden, gerade bei älteren Menschen problematisch sein. Anticholinergika gegen eine überaktive Blase erhöhen beispielsweise das Sturzrisiko und können laut Studien im Alter das Demenzrisiko erhöhen.