Was macht die Corona-Krise mit unserer Psyche? Wovor haben wir Angst?

Die Corona-Pandemie ist eine Ausnahmesituation. Niemand von uns hat so etwas bisher schon einmal erlebt. Das heißt, es gibt einfach keinerlei Erfahrungswerte. Dazu kommt, dass wir es mit einer Art unsichtbaren Bedrohung durch das Virus zu tun haben. Wir müssen erst lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen, und das führt zunächst zu Orientierungslosigkeit, dem Gefühl von Kontrollverlust und damit auch zu Angst. Orientierung und Kontrolle sind ganz wichtige psychische Grundbedürfnisse. Wenn diese nicht erfüllt werden, dann bringt das die Psyche aus dem Gleichgewicht und das kostet uns viel Kraft.

Wir müssen erst lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen, und das führt zunächst zu Orientierungslosigkeit, dem Gefühl von Kontrollverlust und damit auch zu Angst.

Mittlerweile haben wir ein wenig Erfahrungen in Sachen Pandemie gesammelt. Was hat sich seit Beginn der Krise in der Wahrnehmung der Menschen geändert?

Inzwischen wissen wir, wie es sich anfühlt in Quarantäne zu sein oder die sozialen Kontakte reduzieren zu müssen. Und wir haben dabei gemerkt: Okay, wir sind da irgendwie durchgekommen. Das kann Mut machen und Zuversicht stiften. Auf der anderen Seite wissen wir aber auch, dass uns die Pandemie noch den ganzen dunklen Winter lang begleiten wird. Das kann auch dazu führen, dass viele von uns frustriert und traurig sind. Ein Ende ist gerade nicht absehbar.

Haben sich denn die Sorgen konkret verändert?

Als das Virus noch neu war, waren die Sorgen noch ziemlich diffus. Da stand vor allem die Frage im Raum: Was ist das für eine Art der Bedrohung, mit der wir jetzt umgehen müssen? Mittlerweile haben wir mehr Informationen, die aber auch dazu führen, dass die Ängste konkreter werden. Bereits jetzt haben Angststörungen und depressive Verstimmungen drastisch zugenommen. Dazu kommen Schuldgefühle. Viele fürchten sich davor, zum Überträger zu werden und anderen Schaden zuzufügen. Das ist ein Gefühl, das in dieser Zeit eine weitere psychische Belastung darstellt.

Wie kann man diese Schuldgefühle besser aushalten?

Wenn Ängste und Schuldgefühle im Übermaß auftreten, kann das lähmen. Jetzt ist es wichtig, offen darüber zu reden. Wir sind nicht alleine mit diesen Gefühlen. Hilfreich ist es außerdem, klare Regeln für sich und unsere Kontaktpersonen zu vereinbaren, das individuelle Risiko offen zu kommunizieren und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Natürlich besteht immer ein Restrisiko, sich selbst zu infizieren und andere anzustecken, aber das Einhalten der Vorsichtsmaßnahmen ist nicht nur geboten, sondern kann auch beruhigend sein.

Was hilft bei Ängsten und Sorgen?

Gerade in diesen herausfordernden Zeiten ist Selbstfürsorge ganz wichtig.

Gerade in diesen herausfordernden Zeiten ist Selbstfürsorge ganz wichtig. Das heißt, sich bewusst etwas Gutes tun, etwas, dass man auch sonst genießen würde. Das kann Sport sein, kochen oder regelmäßige Telefonate mit Freunden und Familie. Beschäftigungen und Dinge, die einem in der Vergangenheit gutgetan haben, helfen auch jetzt. Lassen sich die negativen Gefühle nicht ganz verhindern, ist das ganz normal und nur menschlich. Statt sie zu unterdrücken, sollte man sie bewusst als Hinweise wertschätzen. Und sie sichtbar machen, 
beispielsweise durch Gespräche oder durch Tagebuch schreiben. Wer keine passenden Wortefindet, kann es auch mit einem Gefühlsbild versuchen. Farben und Formen können manchmal viel besser ausdrücken, was man fühlt. Viele Menschen glauben außerdem, sie seien ihren Emotionen hilflos ausgesetzt. Das stimmt aber nicht: Durch Emotionsregulation können wir lernen unsere Aufmerksamkeit zielgerichtet zu verlagern. Zum Beispiel mittels Spaziergängen in der Natur, Entspannungsübungen oder Meditation.

Ab wann wird Angst denn problematisch? Und was muss dann unternommen werden?
Angst ist eine wichtige Hinweis-Emotion. Sie signalisiert uns, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen und ob wir unser Verhalten anpassen müssen. Schwierig wird es dann, wenn die Angst zu groß wird, uns lähmt oder sogar handlungsunfähig macht. Dann könnte es hilfreich sein, sich zu fragen: Wie können wir uns selber Unterstützung suchen? Was brauchen wir jetzt? Und wenn das nicht ausreicht, sollte man professionelle Unterstützung wie Beratung oder Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.

Der TK-DepressionsCoach, der online absolviert wird, ist vor allem für leichte bis mittelschwere Depressionen geeignet. In sechs Wochen lernen Betroffene den besseren Umgang mit Symptomen und können lernen, sich aus eingeschliffenen Denkweisen zu "befreien". 

Welche Rolle spielt Medienkonsum dabei?

Corona ist das vorherrschende Thema in den Medien. Wir werden quasi überflutet mit Informationen über die Pandemie, das kann überfordern und die Angst verstärken. Wenn wir mit Angst zu kämpfen haben, ist es durchaus sinnvoll, den eigenen Medienkonsum bewusst einzugrenzen, sich aber trotzdem ausreichend zu informieren. Man kann beispielsweise einmal am Tag Nachrichten lesen und sich dann wieder distanzieren. Wir müssen unserer Psyche den Raum geben, auf andere Gedanken kommen zu dürfen. 

Wie es gelingen kann, den Medienkonsum herunterzufahren, erfahren Sie in unserem Artikel zu  Digital Detox . Zur Auszeit vom Smartphone kennt Dr. Johannes Wimmer noch weitere gute Tipps. 

Welche psychischen Auswirkungen haben Kontaktbeschränkungen und die soziale Isolation? Und wie geht man am besten mit Einsamkeit um?

Wie sich eine Quarantäne- beziehungsweise Isolationssituation auswirkt, ist sehr individuell. Menschen, die von Natur aus eher introvertiert sind, haben meistens nicht so viele Schwierigkeiten damit, ihre Kontakte zu reduzieren. Bei anderen kann die Isolation Ängste auslösen und verstärken. Gerade dann ist es wichtig, selbst für Stabilität zu sorgen.

Zum Beispiel durch einen festen Tagesablauf. Wer sich besonders einsam fühlt, sollte andere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme nutzen. So können zum Beispiel regelmäßige Videotelefonate mit Freunden oder Familie tröstend wirken und die Einsamkeit reduzieren.

Neben Einsamkeit kommt es jetzt aber auch wieder vermehrt zur Zwangsnähe – beispielsweise in Beziehungen oder in der Familie. Welche Strategien für das Zusammenleben sollte man jetzt beherzigen?

Offenheit ist jetzt das A und O, damit Frustration, Sorgen und Ängste ehrlich miteinander geteilt werden können. Außerdem muss für jeden Einzelnen der Rückzug ermöglicht und akzeptiert werden. Das bedeutet: Es ist okay, wenn die Zimmertür mal geschlossen ist. Im Zusammenleben dürfen und müssen Grenzen gesetzt werden.

Wie haben Sie sich persönlich mit der Krise arrangiert?

Auch für mich war das eine ganz neue Erfahrung und Herausforderung. Ich war sogar selbst zwei Wochen in Quarantäne und sehr dankbar darüber, dass ich meinen Beruf per Video-Calls trotzdem weiter ausführen konnte. Das hat mir das Gefühl von Normalität vermittelt. Mittlerweile geht der Praxisbetrieb weiter – natürlich unter strengen Hygienemaßnahmen. Ich merke auch ganz deutlich, wie wichtig es für meine Patienten und Patientinnen ist, den persönlichen Kontakt aufrecht erhalten zu können.

Wieso gehen die Menschen so unterschiedlich der Krise um?

Da die Menschen unterschiedlich von der Krise betroffen sind, reagieren sie auch verschieden. Manche reagieren mit depressivem Rückzug, andere richten ihre Wut nach außen. Jeder hat andere Strategie, um mit Herausforderungen umzugehen.

Warum reagieren manche Menschen mit Wut. Ist das eine Art Alternativreaktion?

Genau. Wenn wir wütend sind, kann sich das nach mehr Kontrolle anfühlen. Unsere Wut richtet sich in dieser Situation auf etwas Konkretes. Wir fühlen uns dadurch selbstbestimmter. Aber diese Wut ist nicht unbedingt konstruktiv, sondern lenkt vielleicht eher von den eigenen Ängsten ab.

Aus psychologischer Sicht: Welche positiven Folgen und Chancen hat die Pandemie vielleicht auch für uns?

Die Chance in dieser Krise könnte sein, dass sie auch eine Gelegenheit zur inneren Auseinandersetzung und Entwicklung darstellt.

Ich möchte auf keinen Fall die Bedeutsamkeit der Krise abschwächen. Es ist und bleibt eine große Herausforderung für uns alle. Die Chance in dieser Krise könnte sein, dass sie auch eine Gelegenheit zur inneren Auseinandersetzung und Entwicklung darstellt. Viele Menschen beschäftigen sich jetzt intensiver mit sich selbst und kommen stärker in Kontakt mit Gedanken und Gefühlen. Die Bedeutung sozialer Kontakte rückt in den Vordergrund und wir haben die Möglichkeit, unsere Prioritäten neu zu setzen.

Auch auf ihrem Instagram-Kanal bietet Jana A. Heimes Unterstützung und gibt Ratschläge rund um das Thema Psychotherapie.