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Im Interview erzählen Jessica Noeller und Marleen Schenk, warum kulturelle Teilhabe so wichtig ist und wie man sie trotz Pandemie möglich machen kann.

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Jessica Noeller. Foto: ng-fotografie

Ihr zwei organisiert Events für Menschen über 60. Wie seid ihr auf die Idee gekommen? 

Jessica: Wir zwei haben immer gesagt, dass wir uns eigentlich mal selbstständig machen müssten. Und dann hat sich relativ schnell die Möglichkeit ergeben, als Marleen eine Kinderevent-Agentur zur Übernahme angeboten bekommen hat. Allerdings konnten wir uns beide nicht so richtig vorstellen, nur noch Veranstaltungen für Kinder zu organisieren. Doch diese Absage war gleichzeitig auch eine Zusage zur Selbstständigkeit. Dann ging es los mit der Marktsondierung.

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Marleen Schenk. Foto: ng-fotografie

Marleen: Dabei ist uns recht schnell aufgefallen, dass es für über 60-jährige Menschen sehr wenig beziehungsweise nur ein sehr eindimensionales Angebot gibt. Nicht jeder steht auf Disco-Fox-Schlagermusik, Bingo oder Busreisen in die Lüneburger Heide. 70-Jährige sind heute nicht mehr wie unsere Großelterngeneration früher. Sie sind mit den Beatles und den Rolling Stones groß geworden. Warum sollten sie im Ruhestand auf einmal nur noch Helene Fischer hören wollen? Und so war die Idee geboren, eine Eventagentur zu gründen, die auf diese individuellen Bedürfnisse eingeht und einmalige Erlebnisse schafft. 

Wie kann man sich eure Veranstaltungen vorstellen?

Jessica: Wir versuchen, immer unserer Zielgruppe gerecht zu werden. Das bedeutet: Wir organisieren natürlich auch klassische Tagesausflüge oder Spieleabende, wenn das gewünscht wird. Der Unterschied bei uns ist, dass wir stets versuchen, über den Tellerrand zu schauen und diese Klassiker neu zu interpretieren. Statt der üblichen Heidschnucken-Wanderung bieten wir beispielsweise auch Lama-Wanderungen an. Und statt einem Bingo-Abend organisieren wir eine Casino-Nacht mit rotem Teppich und Blitzlichtgewitter im Altersheim, bei der sich die Bewohner mal wieder richtig "aufbretzeln" können.

Marleen: Wir schaffen damit für die Menschen ganz neue Erfahrungen und Erlebnisse. Die kulturelle Teilhabe steht dabei stets im Vordergrund. Und das klappt auch generationsübergreifend: Beispielsweise, indem man Familien und Enkelkinder in die Planung mit einbezieht und eine kleine Olympiade für Jung und Alt auf die Beine stellt.

Die Menschen sind froh, dass man an sie denkt. Jessica Noeller

Ihr sprudelt nahezu vor neuen Ideen…

Marleen: Das liegt daran, dass wir echt einen super Draht zueinander haben und als Team so gut funktionieren. Trotz der aktuellen Corona-Situation macht es uns wahnsinnig viel Spaß, gemeinsame Visionen zu entwickeln und daraus Konzepte entstehen zu lassen.

Von der Corona-Pandemie habt ihr euch also nicht aufhalten lassen. Was habt ihr euch überlegt?

Jessica: Wir haben von Anfang an aufmerksam die Berichterstattung verfolgt. Dabei sind wir auf die vielen Balkon-Konzerte in Italien aufmerksam geworden und haben uns überlegt, dass das doch auch hierzulande gut funktionieren könnte. Daraufhin haben wir intensiv die Verordnungen studiert und mit dem Krisenstab der Hamburger Behörde für Inneres und Sport gesprochen. Unser Ziel war es, Corona-konform kleine Open-Air-Konzerte zu organisieren. Wir fanden das nicht nur wichtig, um weiter arbeiten zu können, sondern auch, um aktiv etwas gegen die soziale Vereinsamung zu tun.

Bei den Konzerten bekommt man unglaublich viel zurück. Marleen Schenk

Marleen: Das hat so gut geklappt, dass bereits im April 2020 unser erstes Balkon-Konzert stattfand. Und das war ein echtes Schlüsselerlebnis, denn bereits beim Soundcheck hat ein älteres Pärchen angefangen, auf dem Balkon zu tanzen. Da wussten wir direkt, dass das, was wir machen, wichtig und richtig ist. Bis heute organisieren wir nach diesem Konzept unsere Konzerte. Was Veranstaltungen betrifft, sind wir damit wirklich so etwas wie der Fels in der Brandung. Gebucht werden wir außerdem nicht nur von Senioreneinrichtungen, sondern auch von Kliniken, Wohnungsbaugenossenschaften, Unternehmen, aber auch von Privatpersonen.

Welche Rolle spielt Gemeinschaft bei eurer Arbeit?

Jessica: Wir sind beide sozial geprägt. Uns war also von Anfang an wichtig, dass wir auch beruflich etwas bewirken können. Unsere Events, und gerade die Balkon-Konzerte während der Pandemie, schaffen ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl, bei dem auch namhafte Künstlerinnen und Künstler gerne mitwirken und bereits gegen kleine Gagen auftreten. 

Marleen: Gerade für dementiell Erkrankte sind die Auftritte ein echtes Highlight: Die Musik knüpft an Kindheitserinnerungen an und plötzlich singen diese Menschen lauthals und total textsicher mit. Auf die Weise bekommt man bei den Konzerten auch unglaublich viel zurück.

Was für Feedback bekommt ihr sonst so?

Marleen: Meistens blicken wir in strahlende Gesichter und Zuschauerinnen und Zuschauer sagen: „Oh, wie schön, dass Sie das für uns machen.“ Einer der schönsten Momente für mich war, als einer unserer Musiker einen Song von Elvis Presley gesungen hat und eine alte Dame auf mich zu kam. Sie hatte feuchte Augen und sagte, dass heute ihr Hochzeitstag und dieser Song das Lied von ihr und ihrem verstorbenen Mann sei. Sie freute sich so sehr, dass sie anschließend mit ihrem Rollator tanzte. 

Dankbarkeit ist wahrscheinlich ein großer Antrieb, oder?

Jessica: Definitiv. Uns erreicht wirklich eine absolute Welle der Dankbarkeit. Die Menschen sind froh, dass man an sie denkt und sie mit kultureller Teilhabe beschenkt. Aber auch die Künstlerinnen und Künstler sind dankbar, dass sie nach all den Corona-Monaten endlich mal wieder vor Publikum auftreten dürfen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Jessica: Wir wünschen uns natürlich, dass der Kulturbetrieb bald wieder starten kann, aber auch, dass kulturelle Teilhabe stärker und höher gewichtet wird.

Marleen: Schön wäre außerdem, wenn Achtsamkeit, Respekt und Solidarität auch in Zukunft wichtiger werden. Menschen, die in der Kultur- und Eventbranche arbeiten, wie beispielsweise in der Tontechnik und Co., müssen angemessen bezahlt werden. Sie sind nämlich diejenigen, die einmalige und besondere Erlebnisse wie diese erst möglich machen. 

Das Interview führte Jana Heinrichsmeier im Frühjahr 2021.