Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Herr Stöcker, wie aufgeregt sind Sie, wenige Tage, bevor Olympia startet?
Aufgeregt bin ich eigentlich weniger. Freude und Anspannung wechseln sich ab. Angespannt bin ich weniger aus sportlicher Sicht, sondern mehr was das Organisatorische betrifft. Die Corona-Regeln in Japan sind so streng und werden ständig erweitert, da muss man höllisch aufpassen, nicht in irgendeine "Falle" zu treten. Dennoch freuen wir uns sehr, endlich dabei sein zu dürfen.

Ein Traum, der wahr geworden ist.

Hätten Sie sich jemals träumen lassen, einmal selbst den berühmten olympischen Spirit zu spüren?
Zu Beginn meiner Trainerkarriere war Olympia undenkbar und ganz weit weg. Aber seit den letzten beiden Olympischen Spielen wurde der Gedanke immer realistischer. Dass es jetzt wirklich klappt, ist ein Traum, der wahr geworden ist.

Die olympischen Spiele in Tokio

Zum zweiten Mal nach 1964 war Japan Olympia-Gastgeber. Insgesamt waren über 11.000 Sportlerinnen und Sportler dabei, davon 434 aus Deutschland. 

Der Klettersport ist zum ersten Mal bei Olympia dabei. Dafür wurde ein Kombi-Wettbewerb kreiert, den es so bis vor wenigen Jahren nicht gab - bestehend aus Bouldern, Speed-Climbing und Seilklettern (Lead). Was halten Sie davon?
In erster Linie begrüße ich es, dass Klettern jetzt olympisch ist. Hätte ich die Wahl gehabt, dann hätte ich alle drei Disziplinen als Einzelwettbewerbe stattfinden lassen - aber auch die Kombination. So ähnlich wie in der Leichtathletik, wo es den 100-Meter-Sprint, den Weitsprung, Kugelstoßen etc. gibt - und dazu noch den Zehnkampf. Ich finde die Kombinationswettbewerbe sehr interessant, weil sie den kompletten Kletterer zeigen, mit allem was er beherrscht: Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer und Köpfchen. 

Sie sind einer von drei Bundestrainern des deutschen Kletter-Teams. In Tokio wird unser Land von zwei Athleten vertreten: Alexander Megos aus Erlangen und Jan Hojer aus Köln. Wo liegen die Stärken der beiden und worin unterscheiden sie sich?
Jan kennt Asien und ist im Wettkampfklettern bereits ein "alter Hase". Seine stärkste Disziplin ist das Bouldern. Darin hat er bereits mehrere Weltcups gewonnen und war auch schon Gesamt-Weltcupsieger. 2014 dazu noch Vize-Weltmeister. Er hat also schon öfter gezeigt, dass er auf dem absoluten Top-Niveau der Weltspitze mithalten kann. Und in der Kombination, mit Speed- und Lead-Klettern, hat er bei der WM 2018 in Innsbruck die Bronze-Medaille geholt. Er ist ein extrem zäher und physischer Athlet, mit viel Erfahrung und Schnellkraft. Mit ihm ist also zu rechnen. Vor allem im Bouldern und im Speed-Klettern. Das Lead-Klettern ist eher Alexanders Stärke. Seit klar ist, dass Klettern als Kombinations-Wettbewerb olympisch wird, hat er hart daraufhin trainiert. Er kommt eigentlich aus dem Felsklettern. Daher sind Lead und auch das Bouldern seine Hauptdisziplinen.

Nur sehr wenige Sportler beherrschen alle drei Disziplinen auf Top-Niveau.

Gibt es überhaupt einen Athleten, der alle drei Disziplinen, die sich doch sehr voneinander unterscheiden, auf absoluten Top-Niveau beherrscht?
Unterschiedlicher könnte dieser Dreikampf tatsächlich nicht sein. Im Speed ist extreme Schnellkraft gefragt. Bouldern ist eine sehr maximalkräftige Disziplin. Und im Lead braucht es Kraftausdauer. Kraft und Technik sind überall gefragt. Es gibt nur sehr wenige Sportler, die alle drei Disziplinen auf Top-Niveau beherrschen. Dazu gehört auf jeden Fall der Japaner Tomoa Narasaki. Er ist im Bouldern top, im Speed top und auch im Lead extrem gut. Für mich einer der Olympia-Favoriten.

Warum sind eigentlich keine Frauen im deutschen Team?
Weil sich leider keine qualifiziert hat. Das ist wirklich schade und auch ärgerlich, denn wir hätten auf jeden Fall, die Chance gehabt. Eine unserer Top-Favoritinnen hat sich aber kurz vor dem Qualifikationswettbewerb verletzt. Im Augenblick sind in Deutschland eher die Männer auf Weltklasse-Niveau , insbesondere im Bouldern und im Lead. Aber Ziel ist es natürlich, dass auch die Frauen an das Niveau der Weltspitze herankommen.

Urs Stöcker, Nationaltrainer des deutschen Kletterteams Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Seit 2017 ist der Schweizer Urs Stöcker (44) Trainer des deutschen Kletter-Nationalteams. Der leidenschaftliche Kletterer hat bereits zu Studienzeiten als Trainer gearbeitet. Sportklettern bei Olympia - das ist für ihn ein "Traum, der wahr geworden ist".

Wie groß ist das Teilnehmerfeld in Japan?
Es treten 20 Männer und 20 Frauen an. Geht man nur nach den Ergebnissen der Qualifikation, hätten wir auch drei Athleten nach Japan schicken können. Aber die Länderquote besagt, dass aus jedem Land nur zwei Athleten im Herren- und zwei Athletinnen im Damenbereich antreten dürfen. Gäbe es diese Regel nicht, würde der Wettbewerb vermutlich von den Japanern dominiert werden, die extrem stark sind.

Und wann finden die Wettbewerbe statt?
Die Qualifikation der Männer ist am 3. August, die der Damen am 4. August. Die Finals findet am 5. August und am 6. August statt. Das heißt, an einem Tag durchläuft ein Athlet alle drei Disziplinen: erst Speed, dann, nach einer kurzen Pause, Bouldern und zum Schluss, nach einer etwas längeren Pause, Lead.

Über ein Jahr lang fanden im Klettersport so gut wie keine Wettkämpfe statt. Wie sah Ihre Vorbereitung aus? Und wie geht man damit um, dass man nicht weiß, in welcher Form die Gegner derzeit sind?
In den Einzeldisziplinen fanden schon ein paar Wettbewerbe statt - aber leider nicht in der Kombination, weil der Organisationsaufwand dafür extrem hoch ist. Daher ist es sehr schwer einzuschätzen, wer da im Augenblick vorn mitspielt. Man kann eigentlich nur versuchen, aus den Ergebnissen der Einzeldisziplinen etwas herauszulesen.

In Japan herrschen andere klimatische Bedingungen als hier. Es ist wärmer und die Luftfeuchte ist höher. Birgt das nicht Nachteile für europäische Sportler?
Ich glaube schon, dass die Europäer dadurch ein paar Nachteile haben, gegenüber den Japanern, die dieses Klima ja gewohnt sind. Daher fliegen wir auch zwei Wochen vor den eigentlichen Wettbewerben nach Tokio, um uns zu akklimatisieren. Wir haben dort auch Wände gemietet, um unter den klimatischen Bedingungen noch einmal zu trainieren und um uns an die Bedingungen zu gewöhnen.

"Bedauerlich, dass kein Publikum dabei ist"

In Japan werden keine Zuschauer bei den Wettkämpfen zugelassen sein. Wie sehr bedauern Sie das? Und wie groß ist der Einfluss des Publikums?
Publikum ist extrem wichtig, besonders, wenn es die Athleten frenetisch anfeuert. Umso bedauerlicher ist es, dass niemand da sein wird. Nicht mal Athleten aus anderen Sportarten. Denn es ist absolut untersagt, anderen Wettbewerben beizuwohnen. Wir dürfen unser Hotel und die Trainingsstätte nicht verlassen. Von Tokio werden wir also nicht viel sehen. Und wenn unser Wettkampf beendet ist, müssen wir innerhalb von 48 Stunden das Land verlassen. Der Start unseres Sports bei Olympias ist also eine Premiere mit einem Wermutstropfen.

Der Klettersport wird immer populärer. Das sieht man auch daran, dass ein Kletterwettbewerb kürzlich zum ersten Mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wurde. War das längst überfällig? 
Absolut. Aber das war auch ein logischer Schritt. Denn in anderen Ländern, wie den USA, Japan oder der Schweiz werden Kletter-Wettbewerbe schon länger übertragen. Dort ist aber auch der Fußball nicht so dominant wie hier.

Sie selbst sind Schweizer - und  studierter Physiker. Wie sind Sie zum Trainer der deutschen Nationalmannschaft geworden?
Ich habe schon während meines Physik-Studiums und während meiner Doktorarbeit als Trainer gearbeitet. Ich war dann zehn Jahre lang im Schweizer Sportverband Nationaltrainer. Und habe mich 2017 entschieden, nach Deutschland zu wechseln. Auch im Hinblick auf Olympia.

Bevor Sie als Trainer tätig wurden, waren Sie selbst im Klettersport aktiv, oder?
Ja, aber eher im Alpinismus. Und da vor allem im Eisklettern. 

Als Sportler hätte ich nicht die Chance gehabt, an olympischen Spielen teilzunehmen.

Bedauern Sie, nicht selbst bei Olympia antreten zu können bzw. dass der Klettersport nicht früher bei den olympischen Spielen berücksichtigt wurde?
Nein, da muss ich realistisch sein. Als Sportler hätte ich nicht die Chance gehabt, an olympischen Spielen teilzunehmen. Da waren andere besser als ich. Umso glücklicher bin ich, dass ich jetzt als Trainer dabei sein darf. Wir gehören sicher nicht zum Top-Favoritenkreis. Aber wir lauern auf unsere Chance, und schlagen zu, wenn sie sich bietet. 

Danke für Ihre Zeit und ganz viel Glück in Tokio!