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Wackelige Beine und zittrige Hände. Es sind nur wenige Meter bis zum Mikrofon. Zwei, drei Schritte noch, dann heißt es hoffen, dass nichts schiefgeht. Dass niemand merkt, wie nervös man ist. Wie gerne man manchmal wegrennen würde. Und wie heftig das eigene Herz in der Brust gegen die Rippen schlägt.

Das erste Wort, das man spricht, füllt die angespannte Stille. Hallo, ich bin Sandra Da Vina! - irgendwas sagen, um allen zu beweisen, dass man noch funktioniert, hier oben, auf dieser viel zu großen Bühne. Und dann die immer gleichen Gedanken: Da hinten im Raum hustet jemand (Langweilt er sich?). Der Mann in der ersten Reihe guckt so streng (Bin ich so schlecht?). Da drüben steht eine Frau auf und geht zur Toilette (Oh Gott, sie hasst mich!). Es ist die Furcht vorm Versagen, die zu einem spricht. Und die ständige Angst davor, sein Gesicht zu verlieren.

Dieser eine verdammte Schritt ist härter als alle Bundesjugendspiele deines Lebens. Sandra Da Vina

Augen schliessen, durchatmen

Doch die Wahrheit ist: Man kann sein Gesicht gar nicht verlieren. Das ist fest dran am Kopf. Und die Furcht in den Augen, die gehört dazu. Denn Menschen haben Angst, das ist bis zu einem gewissen Grad normal. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten: ein wichtiger Anruf, den man schon viel zu lange vor sich herschiebt. Eine anstehende Prüfung, die einen nachts nicht schlafen lässt. Ein Besuch beim Arzt, der nach Spritzen und Schmerzen klingt. Plötzlich ist man wieder fünf Jahre alt, sitzt mit wassereisverklebten Fingern unter dem Esstisch und möchte mit der Welt da draußen nichts mehr zu tun haben.

Und der erste Schritt ist dann meistens der schwerste. Der kann manchmal mehr Kraft kosten als eine 20-Kilometer-Wanderung durch den Harz. Dieser eine verdammte Schritt ist härter als alle Bundesjugendspiele deines Lebens. Denn die Wahrheit ist: Furcht lähmt und sie frisst Energie.

Was mir dann hilft: Augen schließen, durchatmen. Beine und Arme ausschütteln. Und an etwas denken, was einem zuletzt geglückt ist - ein gut platzierter Witz, ein gelungener Marmorkuchen oder die Tatsache, dass man am Morgen die Hose nicht vergessen hat.
Und dann läuft man los, und Schritt für Schritt fühlt sich alles ein wenig leichter an.

 

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Sandra Da Vina (30) lebt und arbeitet in Essen-Süd, mit einem Spielplatz vor der Tür und in ihrem Kopf. Sie gewann die NRW-Landesmeisterschaften im Poetry Slam.

Auf ihr erstes Buch "Sag es in Leuchtbuchstaben" (2014) folgten "Verlieb dich" (2015) und "Hundert Meter Luftpolsterfolie" (2016).