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Dieses Jahr war ich schon in vielen fremden Wohnungen. Ich bin vor Menschen aufgetreten, die sich auf ihren warmgepupsten Sofas fläzten, die im Bett angebrannte Tiefkühlpizza aßen oder nebenbei bügelten. Ich habe aus kleinen und großen Bildschirmen geguckt und zu einem Publikum gesprochen, das gar nicht da war. Zumindest nicht vor Ort. Und das ist ziemlich ungewohnt.Plötzlich findet alles online statt. Da werden Kameras in Säle gerollt, da werden Mikrofone desinfiziert und Links geteilt. "In einer Minute geht es los!" und mit dem Ende des Countdowns tritt man vor die verlassene Halle und das Online-Publikum schickt Applaus-Smileys.

Ich bin vor Menschen aufgetreten, die nebenbei bügelten und angebrannte Tiefkühlpizza aßen.Sandra Da Vina

Ich vermisse das alles sehr. Die vorfreudigen Gesichter, das aufgeregte Brabbeln von der anderen Seite des Vorhangs. Die klirrenden Flaschen, wenn jemand mit dem Fuß sein Getränk trifft. Sogar den grimmigen Detlef aus der ersten Reihe. Das Lachen, das Raunen, das wissende Nicken, die glänzenden Augen. Ja, ich habe Bühnenkummer. Das ist wie Liebeskummer, nur etwas anders. Und es tut verdammt weh.

Großer Klotz im leeren Raum

Ganz ehrlich, Livestreams sind kein wirklicher Ersatz. Livestreams sind eine Chance in einer Welt, die plötzlich stillsteht. Aber eine Bühne ist keine Bühne, wenn es kein Publikum gibt. Ohne Publikum ist eine Bühne bloß ein großer Klotz in einem leeren Raum. Und wenn man darauf steht, fühlt man sich sehr einsam.

Ich habe aus kleinen und großen Bildschirmen geguckt und zu einem Publikum gesprochen, das gar nicht da war.

Livestreams sind vergleichbar mit einer Fernbeziehung. Es geht nur so lange gut, wie beide Seiten fest daran glauben, dass man sich bald wiedersieht. Deshalb müssen wir in Übung bleiben. Also, auch bei Online-Veranstaltungen gilt: an der richtigen Stelle klatschen und "Hui!" rufen. Zwischendurch nicht mit dem Sitznachbarn quatschen. Und höflich "Entschuldigung, kann ich kurz einmal durch?" sagen, falls man mal auf die Toilette muss. Dann kann auch nichts schiefgehen, wenn wir uns bald wiedersehen. Live, ohne Bildschirm dazwischen.

 

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Sandra Da Vina (31) lebt und arbeitet in Essen-Süd, mit einem Spielplatz vor der Tür und in ihrem Kopf. Sie gewann die NRW-Landesmeisterschaften im Poetry Slam.

Auf ihr erstes Buch "Sag es in Leuchtbuchstaben" (2014) folgten "Verlieb dich" (2015) und "Hundert Meter Luftpolsterfolie" (2016).