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Moritz* sitzt im Büro und checkt seine Mails. Es ist ruhig heute. Kaum was zu tun. Seine Gedanken schweifen ab. Und schon ist sie da: die Langeweile - und mit ihr die Lust auf Pornos. Moritz ist süchtig. Sobald die Ablenkung fehlt, will er den schnellen Kick. Im Büro guckt er keine Filme auf einschlägigen Internetseiten. Ein Blick auf Instagram muss fürs Erste reichen. Frauen im Bikini lächeln ihn an. Sein Drang ist trotzdem nicht befriedigt, wird sogar stärker. Moritz sehnt sich nach dem Feierabend. Dann endlich kann er zu Hause Pornos schauen.

*Name von der Redaktion geändert.

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Jede vierte Google-Suchanfrage dreht sich um Pornografie.
Wie Moritz ergeht es rund 500.000 Menschen in Deutschland. Sie sind süchtig nach Pornografie. 80 Prozent davon sind Männer. Erst im vergangenen Jahr hat die Weltgesundheitsorganisation zwanghafte sexuelle Störungen wie Pornosucht als psychische Erkrankung anerkannt. Und Statistiken zufolge dreht sich mindestens jede vierte Suchanfrage bei Google um Pornografie. Das größte Pornografie- Portal der Welt, Pornhub, verzeichnete im vergangenen Jahr einen Anstieg der Besuche um etwa 30 Prozent. 2019 ist die Seite laut eigenen Angaben 42 Milliarden Mal besucht worden. Nur ein Beispiel von mehreren 100 Millionen vergleichbaren Seiten im Netz.

2019 wurde Pornosucht als psychische Erkrankung anerkannt.

Frei verfügbare Pornos im Netz

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PORNOS haben Einfluss darauf, wie wir Sexualität erleben.
Der Zugang zu Pornografie war nie leichter. Jeder, der ein Handy, ein Tablet oder einen Laptop besitzt, kann von fast überall auf zahlreiche, frei verfügbare Filme im Internet zugreifen. Pornokonsum ist nicht per se schlecht, betont die Münchner Neurologin und Sexualtherapeutin Heike Melzer. "Paare in Langzeitbeziehungen können sich Anregungen für ihr Sexualleben holen. Auch wer Single ist, kann ruhig ab und zu Pornos schauen. Wichtig ist, dass Nutzer die Kontrolle behalten."

Moritz stellte vor ungefähr einem Jahr fest, dass er die Kontrolle verloren hatte. Die Momente, in denen er Pornos schauen wollte, häuften sich - im Büro, aber auch in seiner Freizeit. "Meine damalige Freundin hat mich sexuell nicht mehr erregt", erinnert sich der 28-Jährige. Lustbefriedigung erfuhr er nur noch, wenn er Filme konsumierte. Perfekte Körper, Frauen und Männer, die immer problemlos zum Höhepunkt kommen, für jede Stimmung das richtige Setting - eine Fantasie-Sexwelt, mit der die Realität nicht mithalten konnte. "Bei meiner Freundin hat das verständlicherweise zu Selbstzweifeln geführt. Wir haben offen darüber geredet. Um wieder ein normales Sexleben haben zu können, wollte ich auf Pornos verzichten." Er schaffte es nicht. Der Drang war zu groß. "Da habe ich begriffen, dass etwas nicht stimmt." Er suchte sich Hilfe und befindet sich mittlerweile in therapeutischer Behandlung. Seine Beziehung ist trotzdem in die Brüche gegangen.

Die Sitznachbarin im Uni-Kurs hat es schwer, wenn ich im Kopfkino lieber die perfekte Porno-Sequenz abspiele, statt mit ihr zu flirten. Dr. Heike Melzer 

Immer härtere Szenen

Der Übergang von einem normalen Pornokonsum zur Sucht ist fließend, weiß auch die Expertin. "Die Grenze ist überschritten, wenn das Leben maßgeblich beeinträchtigt wird. Wenn ich in der Uni einschlafe, weil ich nachts Pornos geschaut habe. Wenn ich mich den ganzen Tag mit dem Thema beschäftige. Wie ein Esssüchtiger, der sich von einem Snack zum nächsten hangelt", erklärt Melzer. Alarmierend sei auch, wenn das Material, das konsumiert wird, immer härtere Szenen enthalten muss oder bizarrere Sexualpraktiken frischen Wind in die Pornoroutine bringen sollen. Denn wer täglich Pornos schaut, stumpft ab. Das Gehirn verlangt nach stärkeren Reizen. "Pornografie aktiviert die Dopaminausschüttung im Körper und wirkt auf unser Belohnungssystem", erklärt Melzer. Pornos machen also glücklich. Aber irgendwann reicht für den gleichen Effekt nicht mehr die Dosis vom Anfang.

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Die Grenze ist überschritten, wenn das Leben maßgeblich beeinträchtigt wird. Dr. Heike Melzer Neurologin und Sexualtherapeutin
Moritz klickte einfach weiter, wenn ihn eine Frau nicht mehr anmachte. Nächster Porno, nächstes Glück. Er machte Frauen zu einem austauschbaren Objekt, das seiner sexuellen Befriedigung diente. Manchmal auch in der realen Welt. "Ich starrte Frauen in der U-Bahn an. Stellte mir sie nackt vor", erzählt er. Heute reflektiert er sein Verhalten und kann gut einschätzen, welche Situationen er besser vermeiden sollte. Auf Pornos verzichtet er mittlerweile komplett. "Ich mache einen Reboot und setze meinen Dopaminhaushalt auf ein normales Level. Damit ich irgendwann auch wieder ein normales Sexleben haben kann. Mit einer Partnerin", betont Moritz. Gespräche mit seiner Therapeutin helfen ihm auf seinem Weg.

Wir müssen aufpassen, dass die Liebes-Seite der Sexualität nicht immer mehr verloren geht.

Sex nur als Weg zum Orgasmus

Wie lange der Weg aus der Sucht dauern wird, kann niemand sagen. "Süchte sind chronische Erkrankungen, die kontinuierlich Aufmerksamkeit erfordern. Ein trockener Alkoholiker muss auch sein Leben lang im Hinterkopf behalten, dass er für Suchtmittel empfänglich ist", erklärt Melzer. Bei Pornosüchtigen ist es noch schwerer. Der nächste Auslöser lauert überall: in einer gestreamten Serie, im Social-Media-Post, im Park um die Ecke. "Sie sehen eine hübsche Frau oder einen attraktiven Mann und verspüren wieder den Zwang, sich einen Porno anzuschauen", sagt Melzer.

Ob Süchtiger oder normaler Konsument: Pornos haben einen Einfluss darauf, wie wir Sexualität erleben. "Wir müssen aufpassen, dass die Liebes-Seite der Sexualität nicht immer mehr verloren geht. Die Sitznachbarin im Uni-Kurs hat es schwer, wenn ich im Kopfkino lieber die perfekte Porno-Sequenz abspiele, statt mit ihr zu flirten", betont Melzer. Sex wird immer häufiger nicht mehr miteinander erlebt, sondern alleine und einzig als Weg zum Orgasmus. "Intimität, gegenseitige Berührungen, das Gefühl, dem anderen etwas Gutes zu tun, das sind alles extrem wichtige Bestandteile von Sexualität." Und das können Pornos nicht bieten.

#MyPornMe

Pornografie ist Teil unserer Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, sich damit zu beschäftigen. Unter #MyPornMe widmet sich die TK einem Themenspezial. Unter anderem geht es um die Frage: