Herzinfarkt und Schlaganfall nach Schlucken des Schmerzmittels Vioxx, Muskelschwäche und Nierenversagen nach Einnahme des Cholesterinsenkers Lipobay. Arzneimittelskandale gab es in der Vergangenheit immer wieder. Begleitet von den immer gleichen Fragen: Warum mussten so viele Menschen bis zum Rückruf der Medikamente Schaden nehmen? Über 100 Tote gab es im Zusammenhang mit Lipobay. Und: Warum hat man erst so spät reagiert?

Über fünf Jahre hat es gedauert, bis die Verschreibung und Abgabe des Medikamentes Vioxx gestoppt wurde. Das ist sogar noch länger als beim größten Medikamentenskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte Contergan. Da hatte man es nach vier Jahren geschafft, zu reagieren und im Folgenden das Arzneimittelgesetz mit seinen strikten Vorgaben zur Medikamentenzulassung erarbeitet.

Internetportal schließt Meldelücken

Jährlich melden Ärzte in Deutschland rund 50.000 Verdachtsfälle unerwünschter Nebenwirkungen. Sie sind - genau wie Apotheker und Pharmaunternehmen - gesetzlich zur Meldung an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für Impfstoffe verpflichtet.

Patienten konnten bisher aber nicht kontrollieren, ob die Weitermeldung ihrer Beobachtungen durch den Arzt oder Apotheker tatsächlich passiert ist. Auch ist es möglich, dass viele Meldungen verloren gegangen sind. Zum Beispiel weil für viele Patienten die Hürde, aufgrund von Nebenwirkungen einen Arzt aufzusuchen, zu hoch war.

BfArM und PEI haben zur Erhöhung der Arzneimittelsicherheit ein Meldeportal ins Netz gestellt, bei dem Patienten direkt mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten melden können. Eine europaweite Kampagne, die die Arzneimittelbehörden gerade gestartet haben, soll Patienten auf das Meldeportal aufmerksam machen.

Die Techniker forscht für noch mehr Sicherheit

"Mit dem Internetportal zur direkten Meldung von Nebenwirkungen können zwar Lücken geschlossen werden, aber wir wollen noch mehr tun", erklärt Dr. Andreas Meusch, Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) der Techniker.

Das WINEG hat einen Forschungsschwerpunkt darauf gelegt, die Patientensicherheit zu verbessern. Auch die frühzeitige Meldung unerwünschter Nebenwirkungen ist daher ein großes Anliegen des Instituts: "So arbeiten wir derzeit daran, Abrechnungsdaten für Arzneimittel von Apotheken zusammen mit Gesundheitsdaten fortlaufend zu analysieren, um rechtzeitig Hinweise auf unerwünschte Nebenwirkungen zu erhalten", sagt Meusch und ergänzt: "So können wir die Datengrundlage über die Informationen aus den Melderegistern sinnvoll ergänzen."

Das Projekt steckt derzeit noch in den Kinderschuhen, soll in den nächsten Jahren aber unter strenger Einhaltung von Datenschutzrichtlinien für mehr Patientensicherheit sorgen.