"In der zweiten Hälfte der Schwangerschaft produziert der Körper größere Mengen der Hormone Östrogen, Progesteron, Kortisol, Plazentalaktogen und Prolaktin", sagt Petra Rudnick vom TK-Ärztezentrum und ergänzt: "Diese Hormone sorgen unter anderem dafür, dass größere Energiemengen im Körper bereitgestellt werden, um die optimale Entwicklung des Kindes sicherzustellen." Dabei wird jedoch die Wirkung des Insulins herabgesetzt. Ähnlich wie beim Typ-2-Diabetes entsteht eine Insulinresistenz.

Im Normalfall produzieren schwangere Frauen trotzdem ausreichend Insulin, um hohe Blutzuckerwerte zu senken. "Manchmal reicht diese Menge in der zweiten Schwangerschaftshälfte jedoch nicht aus, dann entsteht ein Schwangerschaftsdiabetes", erklärt die Allgemeinmedizinerin.

Ein erhöhtes Risiko haben Frauen unter anderem mit folgenden Einflussfaktoren:

  • Übergewicht
  • Wenn bereits ein Diabetes in der engeren Familie besteht
  • Wenn das eigene Geburtsgewicht höher als 4000 Gramm war
  • Bei wiederholten Fehlgeburten
  • Wenn bei einer vorausgegangenen Geburt ein Kind mit mehr als 4500 Gramm zur Welt kam
  • Wenn die Fruchtwassermenge vermehrt ist (Hydramnion)              

Der Nachweis von Glukose im Harn ist ein Hinweis auf einen Diabetes.

Da sich der Hormonhaushalt nach der Entbindung wieder normalisiert, nimmt die Insulinresistenz ebenfalls wieder ab und der Schwangerschaftsdiabetes verschwindet. Es besteht jedoch ein hohes Risiko (bis zu 50 Prozent), erneut an Diabetes in darauffolgenden Schwangerschaften zu erkranken und ein etwas erhöhtes Risiko, später an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken.

Behandlung

Um das Risiko kindlicher Erkrankungen und Gefahren für die Mutter zu minimieren, muss ein Schwangerschaftsdiabetes unbedingt behandelt werden. Die Betreuung sollte ein Diabetologe übernehmen. Wichtig ist außerdem, dass betroffene Frauen eine Ernährungsberatung erhalten.

Das Ziel der Diabetestherapie während der Schwangerschaft sind normale Blutzuckerwerte: Nüchtern, also nach achtstündiger Nahrungskarenz, sollte der Blutzuckerwert unter 95 mg/dl liegen. Zwei Stunden nach dem Essen sollte der Blutzuckerwert nicht höher als bei 120 mg/dl liegen. Viele betroffene Frauen erreichen diese Werte durch eine bewusste und gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung. Ein gesunder Lebensstil ist also der erste und wichtigste Therapiebaustein.

Reicht dies nicht aus, ist eine Behandlung mit Insulin notwendig. Orale Antidiabetika sind für eine Behandlung während der Schwangerschaft nicht zugelassen.

Schulung: Kompetent durch den Schwangerschaftsdiabetes

In speziellen Schulungen können betroffene Frauen lernen, wie sie ihren Blutzucker selbst messen und Insulin richtig spritzen. Außerdem erhalten sie wichtige Tipps für einen gesunden Lebensstil, um die Blutzuckerwerte selbst zu beeinflussen.

Die richtige Ernährung

Die Blutzuckerwerte lassen sich durch die richtige Ernährung selbst günstig beeinflussen. Die empfohlene Energiemenge sollte zwischen 1800 und 2000 Kilokalorien (kcal) pro Tag betragen. Wichtig ist, welche Nahrungsmittel aufgenommen werden: Verzichten sollten Diabetikerinnen auf "schnell resorbierbare Kohlenhydrate". Das sind Kohlenhydrate die zum Beispiel in Fruchtsäften vorkommen. Sie lassen den Blutzuckerspiegel schnell sehr hoch ansteigen. Empfohlen werden dagegen Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten.

Eine Gewichtsabnahme ist kein Therapieziel in der Schwangerschaft, denn das ungeborene Kind benötigt ausreichend Energie.  

Folgen für das Kind

Die werdende Mutter ist durch den Schwangerschaftsdiabetes von Komplikationen wie Bluthochdruck (Präeklampsie), Harnwegsinfekten oder einer Frühgeburt bedroht. "Doch besonders das Kind steht unter hohem Risiko vor und nach der Geburt Schaden zu nehmen", betont Petra Rudnick vom TK Ärztezentrum und ergänzt: "Nach der Geburt kann das Kind eine schwere Unterzuckerung oder ein Atemnotsyndrom erleiden. Das Risiko für Komplikationen bei dem Kindist besonders hoch, wenn der Schwangerschaftsdiabetes bereits ab der Frühschwangerschaft besteht und nicht behandelt wird", sagt die Allgemeinmedizinerin.

Die überhöhten Blutzuckerspiegel der Mutter wirken sich auch direkt auf die Entwicklung des Kindes aus: Die Glukose gelangt über den Mutterkuchen und die Nabelschnur in den kindlichen Kreislauf und regt die Insulinherstellung beim ungeborenen Kind an. Durch den erhöhten Insulin- und Zuckerspiegel nimmt das Kind an Körpergewicht zu, was aber keinesfalls als Zeichen der guten Entwicklung fehlgedeutet werden darf. Vielmehr ist dieser Zustand mit einer Reifestörung des Kindes verbunden. Innere Organe können zum Beispiel vergrößert, aber unreif sein.

Von einer Entwicklungsverzögerung sind besonders die Lungen des ungeborenen Kindes betroffen: Ein erhöhter Insulinspiegel hemmt die Reifung bestimmter Lungenzellen. Diese Zellen sind wichtig für die endgültige Entfaltung der Lungen und somit für eine funktionsgerechte Atmung nach der Geburt. Es besteht die Gefahr eines Atemnotsyndroms beim Neugeborenen.

Aufgrund der massiven Gewichts- und Größenzunahme des ungeborenen Kindes kann es zu erheblichen Problemen während der Geburt kommen, die durch die beengten Platzverhältnisse im Mutterleib auch für das Kind belastend sind.

Aber auch im Mutterleib ist das Kind deshalb hochgradig in Gefahr durch einen erhöhten Sauerstoffbedarf, eingedicktes Blut, Elektrolytstörungen, Herzschwäche, erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt oder das Absterben des Kindes im Mutterleib.