Typ-1- und Typ-2-Diabetes verursachen ähnliche Beschwerden. Dabei haben beide Erkrankungen ganz unterschiedliche Ursachen. Bei Typ-2-Diabetes reagieren die Körperzellen nicht mehr (ausreichend) auf das blutzuckersenkende Hormon Insulin. Insulin ist eigentlich dafür verantwortlich, die Zellen für die Aufnahme des Zuckers aus dem Blut zu "öffnen". Bei Typ-2-Diabetes funktioniert das nicht mehr ausreichend, sodass der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit stark ansteigen kann.

Ganz anders bei Typ-1-Diabetes: Hier produziert das Immunsystem fälschlicherweise Antikörper gegen körpereigene Zellen der Bauchspeicheldrüse. Die attackierten insulinproduzierenden Beta-Zellen werden durch die Antikörper nach und nach zerstört. Die Insulin-Produktion versiegt.  

40 Prozent der Typ-1-Diabetiker erkranken mit Ü30

Bisher gingen Ärzte davon aus, dass sich beide Typen auch in puncto Erkrankungsalter grundsätzlich unterscheiden: Einerseits Typ-1-Diabetes, der fast immer bei Kindern und jungen Erwachsenen unter 20 Jahren festgestellt wird. Andererseits Typ-2-Diabetes, der fast ausschließlich im mittleren und höheren Lebensalter auftritt. Eine aktuelle Studie verändert diese Sichtweise: Demnach erkranken vier von zehn Typ-1-Diabetikern erst zwischen dem 31. und 60. Lebensjahr.

Für die Studie verwendeten die Wissenschaftler genetische Daten von knapp 380.000 Europäern im Alter bis zu 60 Jahren. Aufgrund ihres genetischen Risikos für Typ-1-Diabetes unterteilten sie die Teilnehmer in zwei gleich große Gruppen - eine Gruppe mit hohem und eine mit niedrigem Risiko.

Genetisches Profil liefert wichtige Hinweise

13.250 der 380.000 Teilnehmer erkrankten an Diabetes. Bei 42 Prozent der Erkrankten mit einem genetischen Risiko für Typ-1-Diabetes hatte sich dieser erst im Alter über 30 Jahren entwickelt. 

Das genetische Risiko entsprach auch dem typischen Erscheinungsbild bei Typ-1-Diabetes: Die Patienten waren mit einem Body Mass Index (BMI, Maßzahl zur Einschätzung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergröße) von 27 im Schnitt viel schlanker als Typ-2-Diabetiker (BMI = 32). Ihr Blutzucker ließ sich nur schwer kontrollieren und sie mussten sich wesentlich früher Insulin spritzen. 89 Prozent der Typ-1-Diabetiker benötigten im ersten Jahr Insulin im Vergleich zu 6 Prozent der Typ-2-Diabetiker.

Charakteristische Krankheitszeichen

Typ-1-Diabetiker waren auch viel gefährdeter, gefährliche Stoffwechselentgleisungen zu erleben. Sogenannte Ketoazidosen traten bei Typ-1-Diabetikern viel häufiger auf. Elf Prozent mussten deswegen im Krankenhaus behandelt werden - im Vergleich zu 0,3 Prozent bei Typ-2-Diabetes. Eine Ketoazidose entsteht aufgrund eines absoluten Insulinmangels. Es bilden sich Stoffe, die das Blut übersäuern. Unbehandelt kann eine Ketoazidose zum diabetischen Koma führen, das der intensivmedizinischen Behandlung bedarf.

Als Konsequenz aus den Ergebnissen empfehlen die Wissenschaftler, Typ-1-Diabetes künftig in jedem Alter "auf dem Schirm zu haben". Das gelte besonders bei schlanken Patienten, deren Blutzucker kaum zu kontrollieren sei. Das verwendete genetische Risikoprofil könne - ergänzend zur Messung bestimmter Biomarker - dazu beitragen, beide Diabetestypen voneinander zu unterscheiden.