Bei Menschen, die an Typ-1-Diabetes leiden, bildet die Bauchspeicheldrüse das den Blutzucker senkende Hormon Insulin entweder gar nicht oder nicht genug davon. Deshalb müssen sie regelmäßig ihren Blutzuckerspiegel messen und ihren Insulinbedarf berechnen. Das ist nicht nur lästig, sondern kann auch schmerzhaft sein. Seit Jahrzehnten träumen Patienten, Ärzte und Wissenschaftler deshalb von der "künstlichen Bauchspeicheldrüse" - einem Gerät, das automatisch den Blutzuckerspiegel misst und über eine Pumpe jeweils die richtige Menge Insulin abgibt. Damit wären die Betroffenen nicht nur vom ständigen Messen und Berechnen befreit, wahrscheinlich läge auch die Fehlerquote niedriger, weil die Patienten nicht mehr selbst ermitteln müssten, wie viel Insulin sie brauchen. Die Gefahr einer Über- oder Unterzuckerung würde sinken.

Entwicklung schreitet voran

Jetzt sieht es tatsächlich so aus, als könnte sich die Hoffnung auf eine "künstliche Bauchspeicheldrüse" erfüllen: Sogenannte Insulinpumpen, die nach der Programmierung durch den Patienten automatisch Insulin in den Körper schicken, sind bereits weit verbreitet - derzeit werden in Deutschland rund 40.000 Menschen damit behandelt. Und in vielen Ländern arbeiten Wissenschaftler an deren Weiterentwicklung, sodass die Geräte auch den Blutzucker messen und ihre Insulindosen daran anpassen.

Prototypen solcher Geräte gibt es bereits. Sie bestehen aus einem Sensor unter der Haut zum kontinuierlichen Messen des Blutzuckerspiegels, einem kleinen Computer und der Insulinpumpe, die über einen Katheter die jeweils benötigte Grundmenge Insulin, die sogenannte Basalrate, abgibt. Zu den Mahlzeiten muss der Patient noch selbst die Zufuhr eines sogenannten Bolus veranlassen. Sensor, Computer und Insulinpumpe sind über Funk miteinander verbunden, weshalb solche Geräte auch als "Closed-Loop-Systeme" bezeichnet werden. Eine der wesentlichen Herausforderungen für ihre Anwendung besteht in der richtigen Berechnung der Insulindosen, denn diese unterscheidet sich nicht nur von Patient zu Patient, sondern auch je nach Situation. Zum Beispiel kann sich der Stoffwechsel bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Schwangeren rasch verändern.

Prototypen im Test erfolgreich

Als erstes deutsches Diabeteszentrum hat das Kinder- und Jugendkrankenhaus "Auf der Bult" in Hannover ein "Closed-Loop-System" entwickelt. Gemeinsam mit Forschern in Israel und Slowenien arbeiten die Wissenschaftler des Krankenhauses im sogenannten "DREAM"-Konsortium zusammen ("The diabetes wireless artificial pancreas consortium"). Ziel ist es, das System so zu optimieren, dass Patienten mit Typ-1-Diabetes es dauerhaft unbeaufsichtigt verwenden können. Bisherige Tests waren nach Angaben des Konsortiums erfolgreich: Mehr als 20 Jugendliche und Erwachsene mit Typ-1-Diabetes hätten es rund um die Uhr für 60 Stunden getragen. Dabei sei es seltener zu Unterzuckerungen gekommen als in einer Kontrollgruppe. Eine Untersuchung der Universität Cambridge und der Medizinischen Universität Graz hat zu ähnlichen Ergebnissen geführt. Zurzeit werden in mehreren Ländern verschiedene "Closed-Loop-Systeme" an Patienten aller Altersgruppen erprobt. Dabei werden die Effektivität und Sicherheit unter alltäglichem Stress wie Sport, Infekten und unterschiedlicher Ernährung überprüft.

Wissenschaftler des "DREAM"-Konsortiums sind zuversichtlich, dass mit einer künstlichen Bauchspeicheldrüse zur Routinebehandlung von Diabetes vor 2020 zu rechnen ist. Andere Forscher warnen vor überzogenen Erwartungen: Schon 2005 habe es geheißen, dass die künstliche Bauchspeicheldrüse in wenigen Jahren auf den Markt kommen werde. Trotz vielversprechender Tests könne es noch dauern, bis alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt seien und ein Modell tatsächlich die Zulassung erhalte.