Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die Todesursache Nummer eins in Deutschland. Nach Angaben der Deutschen Hochdruckliga e. V. DHL® erleiden rund 280.000 Menschen pro Jahr hierzulande einen Herzinfarkt, etwa ebenso viele einen Schlaganfall. Meistens trifft es Menschen, die älter als 50 Jahre sind. Seit einiger Zeit diskutieren Experten daher darüber, alle Menschen ab einem gewissen Alter vorbeugend mit Medikamenten gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu behandeln.

In diesem Zusammenhang ist die sogenannte "Polypille" immer wieder im Gespräch. Das Präparat enthält Wirkstoffe gegen verschiedene Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa gegen Bluthochdruck und einen erhöhten Cholesterinspiegel. Eine groß angelegte Studie hat nun allerdings gezeigt, dass diese Idee zumindest hinsichtlich des Bluthochdrucks nicht sinnvoll ist. Von Blutdrucksenkern profitieren tatsächlich nur diejenigen, die bereits an einer Hypertonie leiden.

Die "Polypille" - eine Pille für alle?

Für die sogenannte "HOPE 3"-Studie wurden in 21 Ländern fast 13.000 Frauen und Männer untersucht. Die weiblichen Teilnehmer waren älter als 65 Jahre, die männlichen älter als 55 Jahre. Zum Teil litten sie unter Bluthochdruck, zum Teil nicht. Alle wiesen aber mindestens einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf - sie waren Raucher, übergewichtig oder hatten ungünstige Blutzucker- oder Cholesterinwerte. Andere litten an einer Nierenfunktionsstörung oder hatten Verwandte, die früh durch ein Herz-Kreislauf-Leiden gestorben waren. Die Probanden wurden in mehrere Gruppen eingeteilt: Die der ersten erhielten eine in der Bluthochdrucktherapie häufige Wirkstoffkombination; die der zweiten eine Polypille, in der zusätzlich noch ein Medikament zur Senkung des Cholesterinspiegels enthalten war; die der dritten Gruppe bekamen nur einen Cholesterinsenker. Außerdem gab es zur Kontrolle Probanden, die lediglich Placebos einnahmen.

Nach einer durchschnittlichen Behandlungszeit von rund fünfeinhalb Jahren zeigte sich, dass eine Therapie mit den blutdrucksenkenden Medikamenten, sowohl allein als auch als Teil der Polypille, die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Herz-Kreislauf-Erkrankung insgesamt nicht deutlich verringerte. Nur Hypertonie-Patienten profitierten von den Blutdrucksenkern: Lediglich bei 4,8 Prozent von ihnen kam es zu einer Herz-Kreislauf-Erkrankung - in der entsprechenden Placebo-Gruppe lag der Anteil bei 6,5 Prozent.

Cholesterinsenker fördern die Gesundheit älterer Menschen

Eine Blutdrucksenkung ist demnach nur bei erhöhten Werten sinnvoll. Bei normalen Werten könne die Einnahme von entsprechenden Medikamenten sogar schaden, betonen auch Experten der Deutschen Hochdruckliga e. V. DHL®. Wie stark ein Bluthochdruck gesenkt werden solle, hänge von eventuellen Vorerkrankungen ab. Hierzu haben in den vergangenen Jahren zwei weitere Studien wichtige Hinweise geliefert: Die sogenannte "SPRINT"-Studie hat gezeigt, dass bei Patienten mit hohem Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden, aber ohne Diabetes mellitus der systolische Blutdruck auf unter 130 mmHg gesenkt werden sollte. Nach den Ergebnissen der sogenannten "ACCORD"-Studie sollte bei Diabetikern hingegen ein etwas höherer Wert angestrebt werden.

Nach den Ergebnissen der „HOPE-3-Studie“ wirkte sich jedoch der verabreichte Cholesterinsenker positiv auf die Gesundheit älterer Menschen aus: Von den Probanden der Studie, die das Medikament nahmen, erlitten deutlich weniger eine Herz-Kreislauf-Erkrankung als diejenigen, die ein Placebo bekamen. Der Vorteil zeigte sich sowohl bei der alleinigen Einnahme des Präparats wie auch als Teil der Polypille, erklären die Autoren der Studie im "New England Journal of Medicine".