Wenn Kinder sprechen lernen, ist ein kurzzeitiges Stottern häufig ganz normal. Typischerweise tritt es zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr auf und klingt nach einiger Zeit von allein wieder ab. So ist das Stottern bei 70 bis 80 Prozent aller betroffenen Kinder vor dem sechsten Lebensjahr vollständig verschwunden.  

Bei etwa einem Viertel der stotternden Kinder entwickelt sich ein dauerhaftes Stottern. Welches Kind betroffen ist, lässt sich am Anfang nicht vorhersagen. Wichtig ist daher eine frühe Diagnose, sodass das Kind eine geeignete Behandlung erhält, wenn sich das Stottern nicht von selbst gibt. Hat Ihr Kind Schwierigkeiten beim Sprechen, nehmen Sie frühzeitig Kontakt zum Kinderarzt auf.

Stottertherapie am PC 

Zusammen mit dem Institut der Kasseler Stottertherapie hat die Techniker ein Online-Konzept entwickelt, das auf dem Prinzip des Fluency Shaping - einer Veränderung der Sprechweise - basiert. Wenn Sie über 13 Jahre alt sind, können Sie die Therapie über eine Online-Plattform bequem von Ihrem Computer aus nutzen. 

Was Stottern ist und wie es entsteht

Beim Sprechen müssen Atmung, Stimmgebung und Artikulation perfekt zusammenspielen. Das Gehirn steuert und koordiniert diese Vorgänge in Sekundenbruchteilen. Wenn das Zusammenspiel nicht richtig funktioniert, kann es passieren, dass Menschen stottern. 
Stotternden Menschen fällt es schwer, bestimmte Wörter und Sätze flüssig auszusprechen. Der Sprachablauf unterbricht - und auch Sprechbewegungen, Atmung und Stimme können sich dabei verändern. Typische Merkmale sind: 

  • Wiederholung von Lauten, Silben und einsilbigen Wörtern, zum Beispiel w-w-w-warum
  • Dehnung von Lauten, zum Beispiel Bahn-n-nhof
  • Blockierung vor oder in einem Wort, oft begleitet von einem angestrengten Geräusch

Untersuchungen zeigen, dass sich das Gehirn eines stotternden Menschen hinsichtlich Struktur und Funktion teilweise von dem eines normal sprechenden Menschen unterscheidet. Zu 70 bis 80 Prozent ist dies erblich bedingt. Viele stotternde Menschen haben daher Verwandte, die ebenfalls stottern. Vererbt wird dabei nicht das Stottern direkt, sondern vielmehr eine hohe Bereitschaft, die zum Stottern führen kann, aber nicht muss. Einflüsse aus der Umwelt tragen vermutlich zu 20 bis 30 Prozent mit zum Stottern bei. Welche Einflüsse das genau sind, ist noch nicht vollständig geklärt.

Der Erziehungsstil ist nicht schuld

Oft fragen sich Eltern, ob Ihre Erziehung vielleicht dafür verantwortlich ist, dass ihr Kind stottert. Dies gilt heute als eindeutig widerlegt und bedeutet im Klartext: Ihr Erziehungsstil ist nicht dafür verantwortlich und auch nicht mitverantwortlich, dass Ihr Kind stottert. Wissenschaftler schließen ebenfalls aus, dass Kinder stottern, weil sie sprachlich unter- oder überfordert sind. Zudem haben stotternde Kinder keine ursächliche psychische Störung und sind auch nicht nervöser oder ängstlicher als nicht stotternde Kinder.

Wenn sich Stottern verfestigt

Schon kleine Kinder, die stottern, reagieren sensibel auf Reaktionen aus der Umwelt. Wenn sie das Gefühl haben, dass sie komisch sprechen und das Gegenüber sie auslacht, werden sie schnell unsicher und verlieren die Lust am Sprechen. Ratschläge wie „Denk erst einmal nach, bevor du etwas sagst“ verstärken den Frust meist. So kann ein Teufelskreis entstehen: Das Kind ist zunehmend entmutigt, spricht weniger, und das Stottern verfestigt sich. 

Je mehr negative Erfahrungen ein stotterndes Kind macht, desto wahrscheinlicher ist es, dass es psychisch und seelisch unter seinem Stottern leidet. Oft vermeiden unbehandelte Stotternde Gesprächssituationen und versuchen, ihr Stottern zu verstecken, indem sie anstrengende Anfangsbuchstaben meiden oder Begriffe gegen andere Wörter austauschen. Mit der Zeit können sich psychische Störungen entwickeln, zum Beispiel soziale Phobien oder Panikattacken. 

Wenn Ihr Kind stottert - so reagieren Sie richtig

  • Akzeptieren Sie die Art, wie Ihr Kind spricht, und gestalten Sie Sprechsituationen möglichst entspannt.
  • Hören Sie Ihrem Kind zu und geben Sie ihm Zeit, zu Ende zu sprechen. Ihr Kind kann Wörter und Sätze selbst beenden, Sie brauchen es dabei nicht zu unterstützen.
  • Schauen Sie Ihr Kind an, wenn es Ihnen etwas erzählt.
  • Bleiben Sie im Gespräch ruhig und achten Sie auch auf entspannte Gestik und Mimik.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind, dass es Sie interessiert, was es Ihnen sagt - und nicht, wie es das tut. 
  • Fragen Sie ruhig nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben. 
  • Verzichten Sie auf gut gemeinte Hilfestellungen wie etwa "Hol erst einmal Luft".

So wird Stottern festgestellt 

Als Eltern bemerken Sie schnell, wenn Ihr Kind beim Sprechen immer wieder stolpert. Ob es wirklich stottert, kann der Kinderarzt herausfinden. Er überprüft zunächst, ob Ihr Kind richtig hört und sieht, und ob es sich seinem Alter gemäß entwickelt. So schließt er aus, dass eine andere Erkrankung die Ursache für die Sprechstörung ist. In der Regel überweist er Sie dann zu einem Logopäden, also einem Spezialisten für Sprachheilkunde. Er kann feststellen, wie stark das Stottern bei Ihrem Kind ausgeprägt ist und welche Maßnahmen sinnvoll sind. 

Verschiedene Therapien können helfen 

Wie bereits erwähnt, stottern die meisten Kinder nur vorübergehend. Darum ist eine Stottertherapie nicht immer sofort notwendig. Zeigt Ihr Kind auffällige Begleitsymptome - verzieht es zum Beispiel auffällig die Gesichtsmuskulatur beim Sprechen oder verliert es die Lust zu sprechen -, kann eine frühzeitige Behandlung vernünftig sein. 

Grundsätzlich lässt sich Stottern gut behandeln. Einige Ansätze zielen darauf ab, das Sprechen direkt zu trainieren. Sogenannte indirekte Verfahren versuchen, die Sprechsituation für Kinder optimal zu gestalten und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Der Therapeut wird auch Sie als Eltern umfassend beraten und aktiv in die Behandlung mit einbeziehen. 

Die Therapie findet meist als Einzelsitzung einmal oder mehrmals pro Woche statt. Auch Gruppentherapien mit anderen Kindern sind möglich. Erste Erfolge zeichnen sich meist innerhalb der ersten drei Monate ab. Vor allem bei Kindern im Vorschulalter besteht eine gute Chance, dass das Stottern so stark zurückgeht, dass andere Personen es kaum noch bemerken. Ob das Stottern vollständig verschwindet, lässt sich nicht vorhersagen. 

Tipps zur Therapeutensuche

Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e. V. (BVSS) hat zusammen mit dem deutschen Bundesverband für Logopädie e. V. (dbl) den Ratgeber "Tipps zur Therapeutensuche" erstellt. Auf der Website können Sie ihn kostenfrei bestellen oder downloaden

Mögliche Therapieformen

Fluency Shaping zielt darauf ab, die Sprechweise zu ändern. Bewährte Techniken sind zum Beispiel, Wortanfänge weich zu sprechen, Vokale zu dehnen und die Atmung zu kontrollieren. Ähnlich wie beim Singen soll das Stottern dabei ausbleiben. Fluency Shaping erfordert viel Übung. Der Therapeut wird mit Ihnen besprechen, wie Sie Ihr Kind ermutigen und Übungsanreize schaffen.  

Die Stottermodifikation verfolgt einen indirekten Ansatz, und zwar: typische Stottersituationen zu erkennen und mit bestimmten Techniken abzuwenden. Zusätzlich geht es darum, Sprechängste abzubauen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Stottermodifikation und Fluency Shaping werden häufig auch kombiniert. 

Das flüssige Sprechen zu verstärken ist ein Ansatz, der Eltern als Co-Therapeuten einbezieht. Sie lernen, die Sprechfreude ihres Kindes zu fördern, es gezielt zu loben und behutsam auf das Stottern aufmerksam zu machen. Die Methode ist vor allem für Vorschulkinder geeignet. 

Hilfe auch für Erwachsene

Für eine Stottertherapie ist es nie zu spät. Auch im Jugend- und Erwachsenenalter kann Ihnen eine Behandlung helfen, flüssiger und unbeschwerter zu sprechen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie bereits Therapieversuche hinter sich haben. Ein dauerhafter Erfolg erfordert viel Übung, Kraft und Beharrlichkeit und ist meistens das Ergebnis mehrerer Behandlungsversuche.