Die selbst herbeigeführte Gewichtsabnahme kann so drastisch sein, dass lebensbedrohliche körperliche und psychische Veränderungen entstehen.

Eine spezielle Form der Magersucht ist die Anorexia athletica, die bei Sportlern auftritt. Während bei magersüchtigen Nichtsportlern das Erreichen eines übertriebenen Schlankheitsideals im Vordergrund steht, hungern Athleten für bessere sportliche Leistungen. Gefährdet sind Frauen und Männer, die ästhetische Sportarten (zum Beispiel Kunstturnen oder Eiskunstlauf), Sportarten mit Gewichtsbeschränkungen (zum Beispiel Judo oder Karate), Ausdauersportarten (zum Beispiel Langstreckenlauf) oder Sportarten, bei denen ein geringes Gewicht vorteilhaft ist (zum Beispiel Skispringen), betreiben.

Wie häufig ist die Magersucht?

Seit den Siebzigerjahren ist ein Anstieg der Erkrankungszahlen zu verzeichnen. Etwa 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung erkranken an Magersucht. Auch junge Mädchen unter 14 Jahren können an Magersucht leiden. Mädchen und Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Jungen und Männer. Besonders gefährdet sind Menschen, in deren Leben das Gewicht eine besondere Rolle spielt, zum Beispiel Models, Balletttänzerinnen oder Jockeys.

Wie äußert sich die Erkrankung?

Essverhalten

Bei Magersucht nimmt das Essen einen zentralen Stellenwert im Leben ein. Dem Leitmotiv der extremen Schlankheit und Selbstbestimmtheit entsprechend kontrollieren Magersüchtige ihr Essverhalten stark. Das Wunschgewicht erreichen sie in erster Linie über zwanghaftes Hungern. Dabei setzen Magersüchtige bewusst Kaloriengrenzen und wählen erlaubte Nahrungsmittel aus. Die Kalorienzufuhr liegt zum Teil weit unter dem körperlichen Bedarf. Anorexie-Kranke leugnen meist Hungergefühle und Schmerzen.

Zur Beschleunigung der Gewichtsabnahme und zum Ausgleich von ihrer Ansicht nach zu viel aufgenommenen Kalorien setzen Magersüchtige häufig Appetitzügler, Abführmittel oder Entwässerungstabletten ein. Der Gewichtsreduktion dient auch ein übertriebenes Bewegungs- und Sportprogramm.

Magersüchtige essen und trinken nur wenig und meiden Lebensmittel mit vielen Kalorien. Die Nahrungsaufnahme folgt strengen Ritualen. Magersüchtige zerteilen beispielsweise genauestens abgewogene Nahrungsmittel in kleinste Häppchen und kauen jeden Bissen vielfach, bevor sie ihn schlucken. Sie zeigen also ein extrem langsames Essverhalten. Typisch ist, dass Erkrankte für ihre Angehörigen gerne kalorienreiche Speisen zubereiten. Sie freuen sich, wenn andere große Mengen an Kalorien zu sich nehmen, während sie selbst sich strikt an die vorher festgesetzte Menge halten. Einige Magersüchtige verweigern zeitweise die Nahrungsaufnahme vollständig.

Psychische Veränderungen

Das Thema Essen und Gewicht bestimmt Gedanken, Gefühle, Handlungen und den gesamten Tagesablauf. Magersüchtige sind ständig bestrebt, noch dünner zu werden, und sie haben eine übersteigerte Angst zuzunehmen. Ihr Selbstwertgefühl wird immer abhängiger von ihrem Essverhalten, ihrer Figur und ihrem Gewicht. Geringste Steigerungen des Gewichts (im Grammbereich) lösen Panik aus.

Magersüchtige weisen eine Körperschemastörung auf, das heißt sie nehmen den eigenen Körper gestört  und ihr Untergewicht nicht wahr. Sie überschätzen ihren Körperumfang und empfinden sich als zu dick.

Körperliche Veränderungen

Gewichtsverlust und Mangelernährung verursachen körperliche Veränderungen: Dies können Herz-Kreislauf-Störungen, verlangsamter Herzschlag, niedrige Pulsfrequenz, Nierenschäden, Blutbildungsstörungen, immunologische Störungen, Magen-Darm-Störungen, Elektrolytstörungen und Ödeme (Wasseransammlungen in Geweben) sein. Es zeigen sich Veränderungen der Haut, Haare und Nägel. Verändert sind daneben verschiedene Hormonspiegel, einschließlich der Geschlechtshormone, weshalb das Ausbleiben der Regel (Amenorrhö) ein Diagnosekriterium ist.

Wie wirkt sich die Anorexia nervosa auf Beziehungen aus?

Das Verhalten der Magersüchtigen wirkt sich stark auf das Zusammenleben mit Familie, Partner und Freunden aus. Die Angehörigen versuchen oft mit verschiedensten Mitteln, das Essverhalten der Betroffenen zu verändern. Es kommt zu starken Konflikten in Bezug auf das Thema Essen. Die Gefahr dabei ist, dass andere Konflikte so stark in den Hintergrund treten, dass sie ganz verdrängt und nur unzureichend gelöst werden. Die Angehörigen haben häufig Schuldgefühle und machen sich Vorwürfe, oder es wird ihnen von Dritten ein Fehlverhalten vorgeworfen.

Mit einer Zunahme der Erkrankungsschwere verschlechtern sich oft auch die Beziehungen zu den Mitmenschen, und die Magersüchtigen verlieren ihre sozialen Kontakte. Auch das sexuelle Interesse ist meist stark eingeschränkt beziehungsweise nicht vorhanden.

Die meisten Magersüchtigen haben keine Krankheitseinsicht. Sie leugnen ihre Erkrankung und möchten ihr Verhalten nicht ändern. Daher lehnen viele Patienten eine Behandlung zunächst ab, vor allem wenn die Eltern sie beim Arzt vorstellen.

Wie ist der Verlauf?

Nach dem Beginn der Magersucht in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter kann der Verlauf sehr unterschiedlich sein. Körperliche Störungen können auch zum Tod von Patienten führen. Die Sterblichkeitsrate liegt zwischen zehn und 15 Prozent. Zum Tode führen medizinische Komplikationen. So kann die Magersucht das Herz und andere Organe schädigen. Schwerwiegende Organschäden können tödlich enden. Ein Teil der Betroffenen begeht Selbstmord. Die Sterblichkeitsrate für Magersucht ist die höchste aller psychischen Erkrankungen.

Viele Magersüchtige leiden gleichzeitig an Depressionen, Angststörungen oder Zwangserkrankungen.

Die Erfolgsquoten für eine kurzfristige Steigerung des Gewichts liegen bei 40 bis 90 Prozent. Bei vielen magersüchtigen Menschen hält die verzerrte Wahrnehmung des Gewichts und der Figur auch an, wenn sich das Gewicht normalisiert hat.

Die Chancen, die Magersucht zu überwinden, sind besser, wenn die Essstörung früh einsetzt. Beginnt sie allerdings schon vor dem elften Lebensjahr, sind die Heilungsaussichten deutlich schlechter.

Die Prognose einer Magersucht ist auch vom Gewicht der Betroffenen abhängig. Denn wenn das Körpergewicht nach einer stationären Therapie der Magersucht bei mindestens 90 Prozent des Body-Mass-Index (BMI) liegt, ist der Heilungsverlauf besser als bei denjenigen, die bei ihrer Entlassung weniger Gewicht auf die Waage bringen.

Was sind die Ursachen der Anorexia nervosa?

Magersucht hat ihre Ursachen vermutlich in einer Kombination aus mehreren sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren. Psychische Einflüsse scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Auslöser der Anorexia nervosa können familiäre Spannungen sein, Verlusterlebnisse, Hänseleien wegen des Körperbaus oder pubertätsbedingte Störungen. Der eigene Wunsch nach Verselbstständigung und Trennung von der Familie kann das Gleichgewicht des Familiensystems gefährden und wird mithilfe der Erkrankung abgewehrt. Das übertrieben zwanghaft-kontrollierte Körperbewusstsein und ritualisierte Essverhalten sind Ausdruck eines Autonomiebestrebens, das die Betroffenen auf andere Weise im Familienverband nicht erreichen können. Magersüchtige streben nach Vollkommenheit, die auf anderer Ebene nicht erreichbar erscheint.

Eine Rollenunsicherheit bezüglich der sexuellen weiblichen Identität und eine gestörte positive Identifikation mit der Mutter können der Magersucht zugrunde liegen. Die in der Familiensituation als negativ erlebte Mutterrolle wird von den Betroffenen abgelehnt und durch die Krankheit verdrängt. Das Ausbleiben der Menstruation erleben die erkrankten Frauen mitunter als angenehm.

In der Familie existiert häufig die Regel, über negative Gefühle (zum Beispiel Spannungen, Wut, Angst, Machtlosigkeit, Überforderung) nicht zu sprechen. Diese Gefühle werden durch dauernde Beschäftigung mit der Esskontrolle nicht wahrgenommen. Auch die positiven Gefühle wie Freude oder Geborgenheit werden immer weniger.

Hinzu können Wahrnehmungsstörungen, Teilleistungsschwächen, Konzentrationsstörungen und Schlafstörungen sowie auch Störungen der Gehirnentwicklung kommen, die jedoch nach Normalisierung der Ernährung wieder rückgängig sind. Magersüchtige Mädchen zeichnen sich häufig durch einen hohen Ehrgeiz aus. Sie sind häufig außerordentlich hartnäckig, gewissenhaft, unbeirrt, setzen ihren Willen durch, sind fleißig, nach außen hin bescheiden und meist auch sehr intelligent. Bei Intelligenz geminderten Jugendlichen ist die Erkrankung auffällig selten.

Auch genetische Faktoren scheinen den Ausbruch der Krankheit zu beeinflussen.

Als Voraussetzung dafür, dass ein Mensch magersüchtig werden kann, gilt eine besondere Empfänglichkeit für die Essstörung, die neben genetischen Faktoren auch auf andere biologische Einflüsse oder besondere Lernerfahrungen zurückzuführen ist.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Der Arzt erfasst in einem Gespräch mit Betroffenem und Angehörigen die Krankheitsgeschichte. Er versucht die Bedingungen, unter denen sich das gestörte Essverhalten entwickelte, zu ergründen. Häufig verleugnen Betroffene die teils extreme Gewichtsabnahme und Beschwerden. Von Bedeutung ist außerdem, ob neben der Essstörung andere Probleme und Erkrankungen vorliegen, zum Beispiel Alkohol-, Tabletten- oder Drogenmissbrauch.

Nach der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD 10) müssen folgende Kriterien zur Diagnose der Anorexia nervosa erfüllt sein:

  • Das tatsächliche Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem für Geschlecht, Größe und Alter zu erwartendem Körpergewicht oder der Body-Mass-Index (BMI) beträgt 17,5 kg/m² oder weniger (nur bei Erwachsenen).
  • Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch Vermeiden von hochkalorischen Speisen, selbst herbeigeführtes Erbrechen, selbst herbeigeführtes Abführen, übertriebene körperliche Aktivität und/oder Gebrauch von Appetitzüglern und/oder entwässernden Medikamenten (Diuretika).
  • Patienten weisen eine Körperschemastörung in Form einer spezifischen psychischen Störung auf. Die Angst, zu dick zu werden, ist eine tief verwurzelte, überwertige Idee. Betroffene legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest.
  • Es liegen hormonelle Störungen vor, die sich bei Frauen als Ausbleiben der Regelblutung (Amenorrhö) manifestieren, bei Männern als Libido- und Potenzverlust. Auch andere Hormonstörungen können vorliegen.
  • Liegt der Beginn der Erkrankung vor der Pubertät, ist die Abfolge pubertärer Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt.

Wie sieht die Behandlung aus?

Um die optimale Behandlungsstrategie zu wählen, muss der Arzt wissen, welche bisherigen Therapien versucht wurden, wie der Betroffene diese bewertet und warum er sie eventuell abgebrochen hat. Von Bedeutung ist außerdem, welche Erwartungen der Patient an die Therapie hat.

Bei Magersüchtigen ist es zwingend erforderlich abzuklären, ob eine sofortige Gewichtszunahme erforderlich ist. Diese Notwendigkeit besteht insbesondere dann, wenn durch die Mangelernährung starke körperliche Folgeschäden drohen oder bereits vorhanden sind.

Bei der Behandlung von Anorexia nervosa müssen zwei Phasen unterschieden werden: Einerseits die kurzfristige Behandlung mit dem Ziel, das Körpergewicht zu steigern. Andererseits die langfristige Therapie mit dem Ziel, die psychischen Bedingungen zu verändern, die zur Entstehung der Magersucht geführt haben.

Kurzfristige Behandlung

Bei den meisten Patienten mit ausgeprägtem Untergewicht ist zunächst ein Aufenthalt in einer Klinik notwendig. Kriterien dafür sind ein Körpergewicht, das 70 Prozent unter dem Normalgewicht liegt, Kreislaufstörungen und Elektrolytstörungen. Weitere Gründe für eine stationäre Behandlung können starke depressive Verstimmung, Suizidgefahr, Isolation oder schwierige soziale Verhältnisse sein.

Um eine Gewichtszunahme zu erreichen, wird mit dem Betroffenen ein Mindestgewicht festgelegt, das dieser in möglichst kurzer Zeit erreichen muss. Zur kurzfristigen Steigerung des Gewichts haben sich verhaltenstherapeutische Programme bewährt. Sie haben zum Ziel, das Essverhalten so zu verändern, dass das Gewicht wieder in die Nähe des Normalgewichts kommt. Bei diesen Programmen werden die Patienten systematisch für die Zunahme von Gewicht belohnt. Sie schließen mit ihren Therapeuten einen sogenannten Therapievertrag ab. In diesem sind die konkreten Maßnahmen zur Erhöhung des Gewichts sowie die Belohnungen festgelegt. So bald wie möglich sollen die Betroffenen selbst die Verantwortung für ihr Essverhalten und die Gewichtszunahme übernehmen.

Häufig weigern sich die Erkrankten selbst in einem lebensbedrohlichen Zustand, zu essen. Fehlt den Magersüchtigen die Einsicht, dass eine Nahrungsaufnahme notwendig ist, müssen die Nährstoffe gegebenenfalls über eine Magensonde zugeführt werden.

Langfristige Behandlung

Das Erreichen des Normalgewichts reicht nicht aus, um die Essstörung dauerhaft zu behandeln. Da verschiedene Faktoren an der Entstehung der Anorexie beteiligt sind, kommen verschiedene therapeutische Maßnahmen zum Einsatz. Die Auswahl der Therapieformen hängt von den Interessen der Patienten, der sozialen und ökonomischen Lebenssituation, den therapeutischen Vorerfahrungen, der Erkrankungsdauer und den regionalen Versorgungsmöglichkeiten ab. In Frage kommen zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie, die sich mit den Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen eines Menschen befasst, körperorientierte Therapien, eine Psychoanalyse und familientherapeutische Ansätze.

Ist die Erkrankung heilbar?

Etwa bei der Hälfte der Patienten verschwinden die Symptome der Magersucht nach einer Therapie. Bei jedem zehnten Magersüchtigen bleibt die Erkrankung langfristig bestehen.

Die Wahrscheinlichkeit für eine Besserung der Problematik ist höher, wenn die Essstörung schon in jungem Alter begonnen hat und rechtzeitig behandelt wurde. Ungünstig ist es, wenn die Krankheit lange bestand, wenn die Erkrankten sich erbrechen oder Abführmittel benutzen und wenn sie gleichzeitig an weiteren psychischen Erkrankungen leiden.

Auch bei einer starken Besserung der Symptome und langfristig normalem Gewicht sind viele Betroffene für lange Zeit in ihrem Umgang und in ihren Einstellungen zum Essen auffällig.

Die Prognose bei Essstörungen ist insgesamt ungünstiger, wenn zusätzlich Zwangssymptome bestehen.

Woran erkennt man selbst eine Magersucht?

Wenn Sie viele der folgenden Fragen mit Ja beantworten, dann könnte dies ein Hinweis auf eine Essstörung sein:

  • Beginnt der Tag mit einem Blick auf die Waage?
  • Vermeiden Sie es, in den Spiegel zu schauen?
  • Sind Sie unzufrieden mit Ihrem Aussehen und Ihrer Figur?
  • Haben Sie Angst vor Übergewicht oder davor zuzunehmen?
  • Zählen Sie Kalorien?
  • Haben Sie ein zunehmendes Interesse an der Nahrungszusammensetzung?
  • Schmieden Sie immer wieder Diätpläne?
  • Wissen Sie genau, wie viel Sie essen dürfen?
  • Essen Sie selten das, was Sie möchten?
  • Lassen Sie Mahlzeiten regelmäßig ausfallen?
  • Ziehen Sie sich immer mehr aus sozialen Kontakten zurück?
  • Bleibt Ihre Regel aus oder ist die Regel unregelmäßig?
  • Sind Sie körperlich sehr aktiv?
  • Sind Sie in der Schule, der Ausbildung, im Beruf und im privaten Bereich sehr leistungsorientiert?
  • Hoffen Sie, dass alles besser wird, wenn Sie dünner sind?