Magersüchtige kontrollieren ihr Essverhalten permanent und wenden verschiedene Methoden an, um Gewicht zu verlieren oder ihr starkes Untergewicht aufrechtzuerhalten. Ihr Körpergewicht liegt

  • mindestens 15 Prozent unter dem für Geschlecht, Größe und Alter zu erwartenden Gewicht,
  • beziehungsweise bei Erwachsenen unterhalb von 17,5 kg/m² (Body-Mass-Index, BMI).

Bei Kindern und Jugendlichen spricht man von Magersucht, wenn ihr Gewicht die 10. Altersperzentile unterschreitet. Perzentile sind Prozentwerte, mit denen das Gewicht von Kindern und Jugendlichen der gleichen Altersstufe verglichen werden kann. Grundlage dafür sind statistische Erhebungen. Beispiel: Liegt der BMI-Wert eines zwölfjährigen Mädchens genau auf der 10. Altersperzentile, haben 10 von 100 Mädchen im gleichen Alter einen niedrigeren BMI-Wert und 90 einen höheren.

Freizeit- und Spitzensportler in ästhetisch geprägten Sportarten gelten als besondere Risikogruppen für die Entwicklung einer Magersucht. Dazu gehören Gymnastik, Ballett und Tanz. Gleiches gilt für Ausdauersportarten und Sportarten mit Gewichtseinschränkungen wie Boxen und Ringen.

Wie häufig ist Magersucht?

Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine schwer zu behandelnde psychische Störung, die häufig chronisch verläuft und sogar lebensbedrohlich sein kann. Frauen zeigen ein etwa zehnfach höheres Risiko, an einer Magersucht zu erkranken, als Männer.

Wie äußert sich die Erkrankung?

Essverhalten

Bei Magersucht nimmt das Essen einen zentralen Stellenwert im Leben ein. Um extrem schlank zu sein, kontrollieren Magersüchtige ihr Essverhalten. Ihr Wunschgewicht erreichen sie in erster Linie, indem sie hungern. Magersüchtige setzen sich bewusst Kaloriengrenzen und wählen nur "erlaubte" Nahrungsmittel aus, vermeiden Fette und Kohlehydrate. Die Kalorienzufuhr liegt zum Teil weit unter dem körperlichen Bedarf. 

Viele Magersüchtige entwickeln Essrituale: Sie essen extrem langsam, schneiden die Nahrung in kleinste Stücke und nehmen nur ganz bestimmte Nahrungsmittel zu sich. Das kann zu schweren Mangelzuständen führen und sowohl körperliche als auch psychische Folgen haben.

Einige Betroffene nutzen weitere Methoden um ihr Gewicht zu reduzieren: Sie treiben exzessiv Sport, erbrechen sich absichtlich oder nehmen Abführmittel.

Nicht selten beginnt eine Magersucht mit einem harmlos wirkenden Diätverhalten wie dem Verzicht auf Süßigkeiten. Die Auslöser sind vielfältig: das erste Mal verliebt sein zum Beispiel oder körperliche Veränderungen in der Pubertät. 

Anerkennende Rückmeldungen als Reaktion auf eine Gewichtsabnahme und vermehrte Aufmerksamkeit können als positive Verstärker wirken. Sie treffen auf ein geringes Selbstwertgefühl und eine ausgeprägte Verunsicherung in der Phase des Erwachsenwerdens. 

Betroffene wollen unbedingt vermeiden, wieder an Gewicht zuzunehmen. Sie haben oft das Gefühl, mit ihrem Gewicht auch das eigene Leben wieder unter Kontrolle zu haben. 

Psychische Veränderungen

Das Thema Essen und Gewicht bestimmt Gedanken, Gefühle, Handlungen und ist das zentrale Thema im Leben der Betroffenen.

Magersüchtige weisen eine sogenannte Körperschemastörung auf. Das heißt, sie nehmen den eigenen Körper gestört wahr. Sie überschätzen ihren Körperumfang und empfinden sich als zu dick. Scham spielt dabei ebenfalls eine große Rolle. 

Körperliche Veränderungen

Gewichtsverlust und Mangelernährung verursachen körperliche Veränderungen: Dies können Herz-Kreislauf-Störungen, verlangsamter Herzschlag, niedrige Pulsfrequenz, Nierenschäden, Blutbildungsstörungen, immunologische Störungen, Magen-Darm-Störungen, Elektrolytstörungen und Ödeme, also Wasseransammlungen in Geweben, sein. Häufig zeigen sich Veränderungen an Haut, Haaren und Nägeln. Auch verschiedene Hormonspiegel einschließlich der Geschlechtshormone können sich verändern. So bleibt bei Frauen oft die Monatsblutung aus oder tritt verspätet auf.

Wie wirkt sich Magersucht auf Beziehungen aus?

Die Krankheit beeinflusst das Zusammenleben der Magersüchtigen mit Familie, Partner und Freunden oft immens. Viele Angehörige fühlen sich hilflos und versuchen oft mit verschiedensten Mitteln, das Essverhalten der Betroffenen zu verändern. Streitereien über das Essen sind an der Tagesordnung.

Oft verschlechtern sich die Beziehungen zu anderen Menschen. Magersüchtige schränken ihre sozialen Kontakte ein, und Bezugspersonen distanzieren sich von ihnen. Auch das sexuelle Interesse ist meist stark eingeschränkt beziehungsweise nicht vorhanden. Nicht selten gehen Partnerschaften zu Ende, was wiederum den Druck auf die Betroffenen erhöht. 

Die meisten Magersüchtigen sehen nicht ein, dass sie krank sind. Sie leugnen ihre Erkrankung und möchten ihr Verhalten nicht ändern. Daher lehnen viele Patienten eine Behandlung zunächst ab, vor allem wenn Eltern oder Angehörige sie beim Arzt vorstellen.

Wie ist der Verlauf?

Nach dem Beginn der Magersucht in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter kann der Verlauf sehr unterschiedlich sein. Im schlimmsten Fall können die körperlichen Störungen zum Tod führen, etwa wenn durch die Magersucht das Herz und andere Organe schwer geschädigt werden.

Ein Teil der Betroffenen begeht Suizid. Die Sterblichkeitsrate bei Magersucht ist die höchste aller psychischen Erkrankungen, sie liegt zwischen zehn und 15 Prozent.

Die Erfolgsquoten für eine kurzfristige Steigerung des Gewichts liegen bei 40 bis 90 Prozent. Allerdings hält bei vielen magersüchtigen Menschen die verzerrte Wahrnehmung des Gewichts und der Figur auch an, wenn sich das Gewicht normalisiert hat.

Die Chancen, die Magersucht zu überwinden, sind besser, wenn die Essstörung früh einsetzt. Beginnt sie allerdings schon vor dem elften Lebensjahr, sind die Heilungsaussichten deutlich schlechter.

Auch das Gewicht der Betroffenen spielt eine wichtige Rolle. Wenn das Körpergewicht nach einer stationären Therapie der Magersucht bei mindestens 90 Prozent des Body-Mass-Index (BMI) liegt, ist der Heilungsverlauf besser als bei denjenigen, die bei ihrer Entlassung weniger Gewicht auf die Waage bringen. 

Magersucht geht oft mit anderen psychischen Erkrankungen, vor allem mit Depressionen, Angststörungen oder Zwangserkrankungen einher. Ferner findet sich eine erhöhte Rate an Persönlichkeitsstörungen, wobei die Angaben stark schwanken.

Was sind die Ursachen der Magersucht?

Magersucht hat ihre Ursachen vermutlich in einer Kombination aus mehreren sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren. Psychische Einflüsse scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Auslöser der Magersucht können familiäre Spannungen, Verlusterlebnisse, Hänseleien wegen des Körperbaus oder pubertätsbedingte Störungen sein. 

Eine Rollenunsicherheit bezüglich der sexuellen weiblichen Identität und eine gestörte positive Identifikation mit der Mutter können der Magersucht zugrunde liegen. Die in der Familiensituation als negativ erlebte Mutterrolle wird von den Betroffenen abgelehnt und durch die Krankheit verdrängt. Das Ausbleiben der Menstruation kann als entlastend oder gar angenehm empfunden werden. 

Auch genetische Faktoren scheinen den Ausbruch der Krankheit zu beeinflussen.

Diagnose und Behandlung 

Der Arzt erfasst in einem Gespräch mit Betroffenen und Angehörigen die Krankheitsgeschichte. Er versucht die Bedingungen, unter denen sich das gestörte Essverhalten entwickelte, zu ergründen. Häufig  verleugnen Betroffene die teils extreme Gewichtsabnahme und Beschwerden. Von Bedeutung ist außerdem, ob neben der Essstörung weitere Erkrankungen vorliegen, zum Beispiel Alkohol-, Tabletten- oder Drogenmissbrauch.

Um die optimale Behandlungsstrategie zu wählen, erfragt der Arzt, welche bisherigen Therapien versucht wurden, wie der Betroffene diese bewertet und warum er sie eventuell abgebrochen hat. Von Bedeutung ist außerdem, welche Erwartungen der Patient an die Therapie hat.

Bei Magersüchtigen ist es zwingend erforderlich abzuklären, ob eine sofortige Gewichtszunahme notwendig ist. Diese Notwendigkeit besteht insbesondere dann, wenn durch die Mangelernährung starke körperliche Folgeschäden drohen oder bereits vorhanden sind.

Für die Behandlung von Magersucht gibt es in Deutschland grundsätzlich drei mögliche Behandlungsformen: stationäre, teilstationäre/tagesklinische und ambulante Behandlung. Da der Heilungsprozess in der Regel einen Zeitraum von vielen Monaten - wenn nicht Jahren - umfasst, ist ein "Gesamtbehandlungsplan" erforderlich. Dabei durchläuft der Patient in der Regel nacheinander unterschiedliche Behandlungsformen.

Behandlungsziele

Durch die Therapie sollen die Patienten ein normales Körpergewicht erlangen, ihr Essverhalten nachhaltig ändern und psychische Schwierigkeiten bewältigen. Auch auf die körperlichen und psychischen Folgeerkrankungen zielt die Behandlung ab. 

Bei Kindern und Jugendlichen geht es vorrangig darum zu verhindern, dass die Erkrankung chronisch wird. Auch soll die Behandlung die jungen Patienten dabei unterstützen, sich altersgerecht zu entwickeln. Bei kurzer Krankheitsdauer hat die Normalisierung von Ernährung und Gewicht Priorität. 

Angehörige sind besonders gefordert

Da gerade Kinder und jüngere Jugendliche häufig nicht einsehen, dass sie krank sind, sind die Sorgeberechtigten beziehungsweise nahen Angehörigen in der ersten Behandlungsphase besonders gefordert. Sie müssen wichtige Aufgaben und Entscheidungen hinsichtlich der notwendigen Behandlungsschritte mit übernehmen und oft auch durchsetzen - aber ohne dabei alles zu bestimmen und zu kontrollieren. Denn für die Heranwachsenden ist es auch wichtig, Autonomie zu entwickeln. Dies bedeutet, die Konflikt- und Abgrenzungsfähigkeit der Patientinnen zu stärken und auch die Notwendigkeit von Konflikten mit nahen Bezugspersonen zu thematisieren.

Das Normalgewicht zu erlangen ist ein wichtiges Behandlungsziel. Es reicht aber nicht aus, um die Essstörung dauerhaft zu behandeln. Da verschiedene Faktoren an der Entstehung von Magersucht beteiligt sind, kommen verschiedene therapeutische Maßnahmen zum Einsatz. Die Auswahl der Therapieformen hängt von den Interessen der Patienten, der sozialen und ökonomischen Lebenssituation, den therapeutischen Vorerfahrungen, der Erkrankungsdauer und den regionalen Versorgungsmöglichkeiten ab. Infrage kommen zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie, die sich mit den Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen eines Menschen befasst, körperorientierte Therapien, eine Psychoanalyse und familientherapeutische Ansätze.

Haus- und Fachärzten kommt eine wichtige Rolle bei der Ersterkennung und der begleitenden körperlichen Betreuung der Magersucht zu. Sie können Betroffene dazu motivieren, eine fachpsychotherapeutische Behandlung aufzunehmen und weiterhin die medizinische Betreuung übernehmen. Aufgrund der erheblichen körperlichen Folgeerkrankungen ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Psychotherapeuten förderlich.

Ist die Erkrankung heilbar?

Die Prognose von jungen Patientinnen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich verbessert. Ist die körperliche und soziale Entwicklung bis zur Entwicklung der Essstörung unauffällig verlaufen und konnte ein belastendes Lebensereignis wie der Verlust eines Familienmitgliedes aufgedeckt werden, stehen die Chancen einer Heilung gut. Nach dem Beginn der Magersucht in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter kann der Verlauf sehr unterschiedlich sein.