6 Minuten Lesezeit

Der Begriff Verhaltenstherapie steht nicht für einen einheitlichen therapeutischen Ansatz, sondern für eine Gruppe von verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren. Die zugrunde liegende Theorie ist, dass psychische Störungen auf einem erlernten Verhalten beruhen und somit auch wieder verlernt werden können. 

Unter Verhalten werden hier nicht nur nach außen hin sichtbare Handlungen, sondern auch innere Prozesse wie Denken und Gefühle verstanden. Ein Beispiel für ein solches erlerntes problematisches Verhalten ist die übertriebene Angst vor Hunden.

In der Therapie soll der Betroffene Verhaltensweisen, die sich negativ auf sein Wohlbefinden auswirken, durch bestimmte Techniken wieder verlernen. Ziel ist es, durch ein anderes Verhalten den Lebensalltag besser bewältigen und gute Kontakte zu den Mitmenschen aufnehmen und aufrechterhalten zu können.

Für einen Menschen mit übertriebener Angst vor Hunden heißt das beispielsweise, dass der Betroffene unter genauer Anleitung oder Begleitung durch den Therapeuten den Kontakt zu Hunden suchen soll, um so seine Lernerfahrung "Hunde sind gefährlich und müssen unter allen Umständen gemieden werden" durch neue Erfahrungen mit Hunden korrigieren zu können. Schritt für Schritt lernt der Betroffene dadurch, sich wieder angstfrei zu bewegen.

Verhaltenstherapeutische Behandlungsmethoden versuchen außerdem, die Bedingungen, die im Zusammenhang mit der psychischen Störung stehen, zu beeinflussen. Dazu zählen Umweltbedingungen, zum Beispiel das Verhalten anderer Menschen, sowie Bedingungen im Menschen selbst, zum Beispiel seine Gedanken.

Wie läuft eine Verhaltenstherapie ab?

Bevor eine Verhaltenstherapie begonnen wird, sollte ein Arzt ausschließen, dass dem Problem körperliche Ursachen zugrunde liegen. Am Anfang der verhaltenstherapeutischen Behandlung beschreibt der Patient möglichst genau seine Verhaltensprobleme. Der Psychotherapeut fragt unter anderem, wann diese zuerst aufgetreten sind, wie sie sich äußern und in welchen Situationen sich die Probleme verschlimmern.

In einem Rollenspiel kann der Therapeut das problematische Verhalten unter Umständen direkt beobachten. Der Patient kann Tagesprotokolle führen, um zu erkennen, in welchen Situationen das Problem auftritt.

Meist werden Fragebögen, Tests und Tagesprotokolle wiederholt eingesetzt, um den Erfolg der Therapie zu prüfen und den weiteren Therapieablauf zu planen.

Gemeinsam mit dem Therapeuten erstellt der Patient ein Modell darüber, wie es zu den Problemen gekommen ist. In einem Therapievertrag sind die Ziele der Therapie und die Behandlungsmaßnahmen festgelegt.

Eine wichtige Rolle spielen auch therapeutische Hausaufgaben. Der Patient macht schon möglichst bald bestimmte Übungen, die er in der Therapie gelernt hat, in seinem Alltag. Dies soll sicherstellen, dass die Therapieerfolge auch langfristig im alltäglichen Leben von Bestand sind.

Wie lange eine Verhaltenstherapie dauert, hängt von der Schwere und der Art der Probleme ab. In der Regel ist sie aber wesentlich kürzer als psychoanalytische oder andere tiefenpsychologische Verfahren. Wenn die Therapie beendet ist, wird oft noch ein Nachtreffen vereinbart. Nach einer gewissen Zeit wird dann noch mal überprüft, wie beständig die Erfolge sind.

Welche verhaltenstherapeutischen Verfahren gibt es?

Es existiert eine Vielzahl verhaltenstherapeutischer Verfahren mit sehr unterschiedlichen Methoden.

Klassische Verfahren wie die systematische Desensibilisierung und die Reizkonfrontation sind verhaltenstherapeutische Verfahren, die insbesondere bei der Behandlung von Angststörungen aber auch von anderen psychischen Störungen wie Zwängen, Anorexia nervosa (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht) eingesetzt werden.

Klassische Verfahren der Verhaltenstherapie

Systematische Desensibilisierung

Bei der systematischen Desensibilisierung lernt der Betroffene, sich auf einen bestimmten Reiz hin, zum Beispiel ein Wort, zu entspannen. Anschließend stellt er sich gemeinsam mit dem Therapeuten Situationen vor, in denen er normalerweise starke Angst erlebt. Die Entspannungsübung wird so der Angst entgegengesetzt.

Die Situation wird so oft in der Vorstellung geübt, bis der Patient in der Lage ist, sie auch real ohne Angst zu erleben. Auf diese Art und Weise soll die Angst verlernt und Entspannung erlernt werden. Dieses Verfahren ist meist langwieriger und weniger wirkungsvoll als die Methode der Reizkonfrontation. Es kann aber zum Beispiel als eine Vorbereitung auf die Reizkonfrontation eingesetzt werden.

Reizkonfrontation

Bei der Reizkonfrontation begibt sich der Patient nach einer umfassenden Vorbereitung gemeinsam mit seinem Therapeuten in eine Situation, vor der er starke Angst hat. Das Ziel ist, durch diese Konfrontation die Angst zu überwinden. Wichtig ist dabei, dass der Patient die Situation nicht mehr vermeidet, sondern sich aktiv mit ihr auseinandersetzt und so lernt, mit ihr umzugehen.

Münzverstärker-Programme

Sogenannte Münzverstärker-Programme gehören ebenfalls zu den klassischen Verfahren und werden insbesondere in der Therapie von verhaltensauffälligen Kindern eingesetzt. Bei diesen Programmen wird dem Kind erklärt, welches Verhalten wünschenswert ist. Wenn es eine solche Verhaltensweise zeigt, erhält es Plastikmünzen, Punkte oder Aufkleber.

Später können die Münzen in attraktive Dinge oder Aktivitäten umgetauscht werden. So soll beispielsweise ein Schüler sich weniger störend verhalten und sich mehr am Unterricht beteiligen. Gemeinsam mit ihm wird vereinbart, dass er jedes Mal, wenn er sich sinnvoll am Unterricht beteiligt, einen Aufkleber erhält. Wenn er zehn Aufkleber hat, kann er diese zum Beispiel gegen ein Spielzeugauto eintauschen.

Kognitive Verfahren der Verhaltenstherapie

Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie sind zum Beispiel das Training sozialer Kompetenz, das Problemlösungstraining, das Selbstinstruktionstraining und die kognitive Therapie nach Beck.

Training sozialer Kompetenz

Unter sozialer Kompetenz versteht man die Fähigkeit, angemessen mit seinen Mitmenschen umzugehen, beispielsweise selbstsicher aufzutreten oder in angemessener Art und Weise etwas zu erbitten. Viele Menschen mit psychischen Problemen, zum Beispiel Angststörungen, Anorexie oder Alkoholismus, besitzen diese Fähigkeiten nicht mehr.

Beim Training sozialer Kompetenzen üben die Betroffenen diese Fähigkeiten in Rollenspielen. Das Training wird meist in Gruppen durchgeführt. Dies hat den Vorteil, dass sich die Patienten gegenseitig Rückmeldung über ihr Verhalten geben und den Umgang miteinander üben können. Schließlich werden die Fähigkeiten im Alltag geübt.

Problemlösetraining

Auch das Problemlösetraining ist ein Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Betroffenen lernen ein Schema, mit dessen Hilfe sie an Probleme herangehen können. Sie definieren ihr Problem, ihr Ziel und verschiedene Lösungen. In Gruppensitzungen lernen sie auch, sich bei der Problemlösung gegenseitig zu unterstützen. Auch hier werden die erarbeiteten neuen Fähigkeiten zunächst im Rollenspiel geübt, um sie schließlich im Alltag umzusetzen.

Selbstinstruktionstraining 

Das Verhalten von Menschen in Alltagssituationen wird oft von einem sogenannten inneren Dialog begleitet. Ein innerer Dialog ist eine Reihe automatischer oder willentlicher Gedanken. Beim Selbstinstruktionstraining entwickelt der Betroffene innere Dialoge, die ihn unterstützen, sich in Situationen wie gewünscht zu verhalten.

So lernt ein Kind, das üblicherweise sehr unstrukturiert an Aufgaben herangeht, einen inneren Dialog, mit dessen Hilfe es Aufgaben gezielt lösen kann: "Was ist meine Aufgabe?", "Was ist der erste Schritt?", "Was muss ich jetzt tun?", "Ist alles richtig? Ich kontrolliere noch einmal alles nach". Es lernt, nicht die Ruhe zu verlieren, wenn es einen Fehler entdeckt, sondern sich zu sagen: "Da ist ein Fehler, das ist nicht schlimm. Ich mache das noch mal". Ein wichtiger Aspekt des Selbstinstruktionstrainings ist auch zu lernen, sich selbst für erreichte Erfolge zu loben.

Kognitive Therapie nach Beck

Bei der kognitiven Therapie nach Beck lernt der Betroffene, Gedanken, die er automatisch hat, zu erkennen. Mithilfe von Tagesprotokollen wird beobachtet, welche Gedanken ihm in bestimmten Situationen in den Kopf kommen. Mit dem Therapeuten erarbeitet der Patient, welchen Einfluss diese Gedanken auf sein Verhalten und seine Gefühle haben. So zeigt sich zum Beispiel häufig bei depressiven Menschen, dass sie die Gründe für schlechte Ereignisse in erster Linie bei sich suchen. Ein negatives Selbstbild ist die Folge. Therapeut und Patient prüfen solche Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt. Der Betroffene lernt dabei, dass seine Schlussfolgerungen nicht unbedingt zutreffend waren. Schließlich erarbeiten Therapeut und Patient gemeinsam, welche anderen Erklärungen es für negative Erlebnisse gibt.

Entspannungsverfahren

In vielen verhaltenstherapeutischen Behandlungen werden Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelrelaxation oder Autogenes Training erlernt. Diese Verfahren werden mit bestimmten anderen therapeutischen Methoden kombiniert und dienen dazu, die allgemeine Anspannung herabzusetzen, die ein häufiges Symptom oder eine Begleiterscheinung psychischer Störungen ist.

Wie wirkungsvoll ist die Verhaltenstherapie?

Verhaltenstherapeutische Methoden werden auf der Grundlage von wissenschaftlichen Studien entwickelt. Gleichzeitig wird immer darauf Wert gelegt, dass verhaltenstherapeutische Behandlungsmethoden in ihrer Wirksamkeit sorgfältig wissenschaftlich überprüft werden.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen sind bei einer Vielzahl von Störungen wirksam und anderen Therapieformen gleichwertig oder sogar überlegen. Deshalb übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten für die Verhaltenstherapie.

Welche Risiken gibt es?

Wie jede Behandlung kann die Verhaltenstherapie nur erfolgreich sein, wenn der Psychotherapeut gut ausgebildet ist und verantwortungsvoll vorgeht. Weiterhin ist wichtig, dass Therapeut und Patient eine vertrauensvolle und offene Beziehung aufbauen. Der Therapeut sollte zudem selbstkritisch sein und sein Vorgehen immer wieder überprüfen. Der Erfolg einer Verhaltenstherapie hängt darüber hinaus stark davon ab, wie aktiv der Patient in der Therapie mitarbeitet, da letztlich nur er selbst die erarbeiteten Veränderungen umsetzen kann.

Oft wird der Verhaltenstherapie vorgeworfen, nur an der Oberfläche oder den Symptomen zu arbeiten und tiefer gehende Probleme zu vernachlässigen. So bestehe die Gefahr, dass zwar zunächst die Symptome verschwinden, später aber Probleme in anderen Bereichen auftreten. Dies ist aber nachweislich nicht häufiger der Fall als bei Menschen, die nicht oder mit einer anderen Therapieform behandelt wurden.

Während sich die reine Verhaltenstherapie ursprünglich tatsächlich fast ausschließlich mit der Behandlung einzelner Probleme, zum Beispiel Angst, beschäftigt hat, werden heutzutage Ursachen und Begleitumstände psychischer Probleme stärker berücksichtigt: So wird beispielsweise bei der Behandlung von Angststörungen nicht allein durch Reizkonfrontation die Angst reduziert, so