"Digital Junkies" nennt die Fachwelt Betroffene. Ihr Verhalten beschreiben sie mit  "Computerspielabhängigkeit", "pathologischer Internetgebrauch" oder "Onlinesucht". Und meinen damit ein Verhalten, das wie jede Sucht vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass Patienten von einem Zwang getrieben sind, den sie nur noch schwer kontrollieren können. Eine exakte und einheitliche Definition einer Computerspiel- und Onlinesucht gibt es aber nicht.

"Das ist auch der Grund, warum der exzessive Computerspiel- und Onlinegebrauch immer wieder Anlass für Diskussionen gibt - dabei ist das Thema nicht neu", sagt Sabine König, Psychologin bei der TK. "Mit diesem Phänomen haben wir es spätestens seit Anfang der 90er Jahre zu tun, seitdem das Internet für jeden erschwinglich und besonders zeitintensive Onlinerollenspiele möglich geworden sind", so König.

Ich surfe, also bin ich süchtig?

Heutzutage gehen fast alle Menschen mehrmals am Tag online: E-Mails, aktuelle Nachrichten und Whatsapp checken - gucken, was die Facebook-Freunde machen und schnell noch etwas twittern. Dank Smartphones und Tablets gibt es kaum einen Ort mehr, an dem wir nicht mehr erreichbar, nicht mehr "on" sind - und vielen fällt es schwer, das Display vom Smartphone auch einfach einmal aus den Augen zu lassen.

Das Internet gehört zum Alltag - nur wann wird das tägliche Surfen zur Sucht? Wo beginnt Onlinesucht eigentlich? Ist es bedenklich, wenn Jugendliche jeden Tag online gehen, um am Computer zu spielen? Und nach was sind sie dann eigentlich süchtig, nach dem Internet oder nach Computerspielen?

Suchtproblem ist nicht neu

"Wenn Jugendliche in sozialen Netzwerken oder Computerspielen so gefangen sind, dass sie nicht mehr ihrem Schulalltag nachgehen, besteht die Gefahr, süchtig zu sein. Dann brauchen sie Hilfe", beschreibt die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler das Suchtproblem, das nicht neu ist.

Die Zahlen, die Mortler dazu veranlasst haben, den Schwerpunkt des diesjährigen Drogenberichts auf Onlinesucht zu legen, stammen aus einer fünf Jahre alten Studie: der PINTA-Studie aus dem Jahr 2011. Diese Studie gilt als deutschlandweit repräsentativ.

Drogenbericht 2016 - das sagt die PINTA-Studie

  • Über eine halbe Million Menschen zwischen 14 und 64 Jahren in Deutschland gelten als abhängig von Computerspielen und Internet. Das entspricht einem Prozent der Altersgruppe.
  • Jeder zweite Online-Süchtige ist zwischen 14 und 24 Jahre alt.
  • Jeder fünfte Betroffene ist zwischen 14 und 16 Jahre alt.

Die Ergebnisse aus einer weiteren, 2015 veröffentlichten Studie stammen aus einer Befragung von 11.000 Neuntklässlern in Niedersachsen.  


Drogenbericht 2016 - das sagt die Studie zur Computerspielsucht

  • 1,2 Prozent der Neuntklässler aus der Befragung in Niedersachsen gelten als computerspielsüchtig.
  • Dabei spielen 16 Prozent der Neuntklässler und 4 Prozent der Neuntklässlerinnen täglich 4,5 Stunden und länger.

Eine Mediennutzung von 4,5 Stunden und mehr pro Tag nannte Bundesdrogenbeauftragte Mortler "alarmierend" und wertete dieses Ausmaß als Anzeichen für eine Suchtgefährdung. Bei den Mädchen seien es vor allem soziale Netzwerke, die süchtig machen - bei Jungs Computerspiele, so Mortler. Dabei sollen Onlinerollenspiele, Onlineshooter und Strategiespiele laut des Berichts im Vergleich zu anderen Genres besonders suchtgefährdend sein.

Onlinerollenspiele im Kreuzfeuer

"Rollenspiele können stark fesseln, denn wird eine Rolle übernommen, kann dies aus psychologischer Sicht auch mit einer starken Identifizierung einhergehen", erklärt TK-Expertin König und ergänzt: "Häufig werden mangelnde Erfolgserlebnisse im Alltag durch Erfolgserlebnisse im Rollenspiel kompensiert, da sie schneller als im echten Leben zu erzielen sind und natürlich auch das Belohnungssystem aktivieren."

Dennoch weiß die Expertin: "Wie bei vielen Dingen im Leben macht aber auch hier die Dosis das Gift, und viele Kriterien müssen zutreffen, um von Sucht zu reden."

Woran Sie merken, ob Sie betroffen sind

  1.  Vernachlässigen Sie Ihre Freunde, Ihre Arbeit, die Schule oder Ausbildung, Ihre Wohnung und sich selbst für Ihr PC-Spiel oder andere Online-Aktivitäten?
  2. Denken Sie an das Internet oder Ihr Computerspiel, auch wenn Sie nicht vor dem Computer sitzen?
  3. Haben Sie ein unbändiges Verlangen weiterzuspielen oder zu surfen und können dem Drang nicht widerstehen, weiterzumachen, obwohl Sie eigentlich aufhören sollten?
  4. Nutzen Sie das Internet als Kanal für Ihre Gefühle, zum Beispiel um Stress, Wut oder Traurigkeit zu verdrängen?
  5. Müssen die konsumierten Inhalte immer häufiger, länger oder extremer im Verlauf der Zeit sein, um die gewünschte Wirkung zu erzielen?
  6. Zeigen Sie Entzugserscheinungen, wenn Sie einmal keinen Zugang zu Internet oder PC haben, wie zum Beispiel Schlafstörungen, Gereiztheit und Schweißausbrüche?
  7. Kommt es nach Zeiten, in denen Sie einmal nicht gesurft oder am Computer gespielt haben, wieder zur exzessiven Nutzung?
  8. Gab es auf der Arbeit, in der Schule oder Ausbildung, generell in Bezug auf Ihre Leistungen oder in Ihren sozialen Kontakten wiederholt Konflikte, weil Sie nicht auf Ihre Online-Aktivitäten oder Ihr PC-Spiel verzichten können?   

Doktor Johannes Wimmer: Online­süch­tig? So finden Sie es heraus!

Medienkompetenz beugt vor

TK-Expertin König rät: "Eltern sollten wissen, worum es geht - damit sie ihren Kindern zur Seite stehen können. Dazu gehört auch, klare Regeln für die Mediennutzung zu vereinbaren." Das sollten Eltern zur Vermittlung von Medienkompetenz wissen:

Die Bundesregierung will nun auch Präventions- und Beratungsangebote sowie die Forschung zur Onlinesucht ausweiten. Denn nicht immer kommen Betroffene ohne Hilfe von außen aus. Einen guten Überblick über professionelle Beratungsangebote finden Sie hier: