Zu den typischen Beschwerden wie Stand- und Gangunsicherheit kommt es meist innerhalb weniger Wochen oder Monate.

Wie entsteht der alkoholbedingte Kleinhirnschwund?

Neben der direkten Zerstörung der Nervenzellen durch den Alkohol spielt ursächlich wahrscheinlich auch eine vitaminarme Mangelernährung eine Rolle, die oft begleitend zum langjährigen Alkoholmissbrauch besteht. Besonders das Fehlen von Vitamin B1 (Thiamin) wird als zusätzlicher Faktor für die Ausbildung einer Kleinhirnschädigung verantwortlich gemacht. Dieser Zusammenhang ist allerdings wissenschaftlich bisher nicht zweifelsfrei belegt.

Wie ist das Gehirn aufgebaut?

Das Gehirn wird in drei Bereiche mit verschiedenen Funktionen eingeteilt: das Großhirn, das Kleinhirn und den Hirnstamm.

Im Hirnstamm liegen die Bereiche für die Regulierung der lebensnotwendigen, unbewusst ablaufenden Körperfunktionen, die sogenannten Vitalfunktionen. Hierzu gehören die Atmung, der Herzschlag und die Körpertemperatur.

Das Großhirn ist der größte Teil unseres Gehirns. Von hier gehen alle sogenannten mentalen Funktionen aus (das heißt: Funktionen, die den Geist betreffen), einschließlich der Bewegung, der Sprache und der Sinneswahrnehmungen, zum Beispiel des Sehvermögens.

Das Kleinhirn (Cerebellum) ist der zweitgrößte Anteil des Gehirns. Es liegt in der hinteren Schädelgrube. Seine Hauptaufgaben sind die Koordination der bewussten Muskelfunktionen, die Steuerung des Gleichgewichts beim Gehen und die Koordination der Sprache.

Wie äußert sich der alkoholbedingte Kleinhirnschwund?

Durch den Schwund der Nervenzellen im Kleinhirn können diese ihre Aufgaben nicht mehr ausführen. Daher beobachtet man:

  • Unsicherheiten beim Stehen und Gehen: Zunächst breitbeiniger, schleudernder, später torkelnder Gang
  • Schwierigkeiten, gezielte Bewegungen auszuführen
  • Probleme, gegensätzliche Bewegungen auszuführen (Bewegungen in verschiedene Richtungen)
  • Zittern zum Beispiel der Hände beim Versuch, ein Glas zu nehmen (Intentionstremor), oder verzitterte Schrift
  • Schlaffheit der Muskulatur durch eine gestörte Muskelspannung
  • Sprech- und Sprachstörungen, Beeinträchtigungen des Sprachablaufes treten erst im späteren Verlauf ein.

Langjähriger Alkoholmissbrauch schädigt auch viele weitere Organe des Körpers. Denn reiner Alkohol ist ein starkes Zellgift. Die Nahrungsverwertung und die Verdauung sind durch chronische Entzündungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) und die fortschreitende Schrumpfung der Leber (Leberzirrhose) gestört. Daraus kann eine Mangelernährung resultieren, die wiederum die für das Nervensystem giftige Wirkung des Alkohols verstärkt und so für eine Beschleunigung des Abbaus von Hirnsubstanz sorgt.

Wie wird der Kleinhirnschwund festgestellt?

Ein ausführliches Gespräch über die aktuellen Beschwerden, mögliche Vorerkrankungen und die Lebensweise (zum Beispiel langjähriger Alkoholmissbrauch) des Betroffenen sowie eine gründliche neurologische Untersuchung wecken beim Arzt bereits den Verdacht auf einen alkoholbedingten Kleinhirnschwund.

Mithilfe von Tests des Koordinationsvermögens und des Gleichgewichts sowie anderen neuro-psychologischen Untersuchungen kann der Arzt das Ausmaß der Hirnschädigung abschätzen. In einer Blutuntersuchung wird unter anderem der Vitamin B1-Spiegel bestimmt. Es werden weitergehende Untersuchungen zur Abklärung anderer alkoholbedingter Organschäden durchgeführt.

Mittels der Computertomografie wird die Diagnose gesichert, dort erkennt man den Schwund von Kleinhirngewebe.

Bei der Betrachtung des geschädigten Kleinhirngewebes unter dem Mikroskop lässt sich der Verlust charakteristischer Kleinhirnzellen (Purkinje-Zellen) erkennen, die durch den Alkohol zerstört wurden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

An erster Stelle steht der sofortige Verzicht auf Alkohol und die Behandlung der Alkoholkrankheit. Unterstützend wird ein Therapieversuch mit Vitamin B1 unternommen. Im Verlauf ist eine ausgewogene Ernährung und begleitende Physiotherapie sehr wichtig.

Wie ist die Prognose?

Der Verlauf der Erkrankung hängt vom weiteren Trinkverhalten ab. Nur der völlige Verzicht auf Alkohol kann den fortschreitenden Verlust an Hirnmasse aufhalten. Hirnzellen, die einmal abgestorben sind, können sich nicht oder nur in ganz geringem Maße wieder erholen. Bei völligem Verzicht auf Alkohol bessern sich die Beschwerden allerdings bei vielen Betroffenen oder verschwinden sogar vollständig innerhalb nur eines Jahres. Trinkt der Betroffene weiter, kommt es zu einer weiteren oft schubförmigen Verschlechterung.