Was ist eine Gen-Tomate?

Im Februar 2010 gaben zwei indische Forscher bekannt, dass sie eine Tomate gezüchtet haben, die 45 Tage lang frisch bleibt - das ist etwa so lang wie Deine Sommerferien! Wie haben sie das gemacht? Mit Gen-Technik. Was das genau ist und warum viele Menschen Bedenken gegen Gen-Technik haben, erklärt Dir TK-Logo.

 

Hast Du schon mal eine Tomatenpflanze gesehen? An dem Strauch reifen die zunächst grünen Früchte heran und werden immer größer, röter und weicher. Wenn sie reif sind, kannst Du sie ernten und Dir schmecken lassen. Die Züchter, die ihre Tomaten verkaufen wollen, haben allerdings das Problem, dass reife Tomaten schnell matschig werden. Deswegen suchen Züchter seit Jahren nach Lösungen, wie Tomaten länger frisch bleiben. Dazu haben einige auch Gen-Technik verwendet - was ist das?

Eingriff in das Erbgut


Wie Du bestimmt schon weißt, haben alle Lebewesen viele verschiedene Gene. Das sind winzige Bausteine in jeder Zelle unseres Körpers, in denen die Erbinformationen gespeichert sind. Auch Tiere und Pflanzen tragen in jeder Zelle ihre Erbinformationen. Die Gene geben zum Beispiel vor, ob ein Mensch blondes oder brünettes Haar hat, ob ein Tier groß oder klein ist oder ob eine Pflanze runde oder gezackte Blätter trägt. In den letzten 50 Jahren haben Wissenschaftler viele Gene entschlüsselt. Das heißt, sie haben herausgefunden, wie das Erbgut von Lebewesen aufgebaut ist. Mit verschiedenen Methoden und Werkzeugen können Gen-Techniker heute die Erbinformationen von Zellen verändern. Sie können zum Beispiel ein Gen von einer Pflanzenart in das Erbgut einer anderen Pflanze einbauen. Oder sie entnehmen einer Pflanze ein Gen, verändern es und fügen es wieder ein. Wie funktioniert das genau?

Tomatenstrauch mit grünen FrüchtenWenn Tomaten rot sind, kannst du sie ernten und essen. © icomedias

Forscher schießen mit Gen-Kanone

Eine Methode, um ein fremdes oder verändertes Gen in eine Pflanze einzubauen ist zum Beispiel die Partikelbeschusstechnik: Mit Hilfe einer sogenannten Gen-Kanone beschießen die Gen-Techniker die Pflanzenzellen mit winzigen Kügelchen, die mit dem fremden oder veränderten Gen beschichtet sind. Stell Dir vor, Du würdest den Abstand zwischen zwei Strichen auf Deinem Lineal, also einen Millimeter, noch 2000 Mal teilen - so unvorstellbar klein sind solche Kügelchen aus Gold oder Wolfram. Die mit hohem Druck abgeschossenen Kügelchen dringen durch die Zellwand der Pflanzenzellen. Dabei löst sich das Gen und wandert in den Zellkern, wo sich das Erbgut der Pflanze befindet und sich durch die neue Erbinformationen verändert. Wenn die Pflanze sich nun fortpflanzt, gibt sie die veränderten Erbinformationen weiter. Zurück zur Tomate: Was haben die Forscher im Erbgut der Tomate verändert, damit sie länger frisch bleibt?

Übrigens

Schon vor der Gen-Technik haben Züchter verschiedene Arten miteinander gekreuzt: Zum Beispiel haben sie aus zwei Rosenarten versucht, noch stärker duftende Rosen zu züchten. Doch erst die Gen-Technik ermöglicht, Pflanzenarten zu kombinieren, die nicht miteinander verwandt sind.

Die Anti-Matsch-Tomate

Normalerweise reifen Tomaten auch nach der Ernte noch weiter: Wenn Du also eine Tomate pflückst, wird sie danach noch röter und weicher. Um diesen natürlichen Prozess zu stoppen, unterdrückten die indischen Forscher die Bildung von zwei Enzymen. Ein Enzym ist ein Stoff oder genauer ein Eiweiß, das eine chemische Redaktion beschleunigt oder verursacht. Zuerst haben die Forscher herausgefunden, welche Enzyme dafür sorgen, dass die Tomatenfrüchte im Reifeprozess weicher werden. Dann haben sie die Erbinformationen von der Tomatenpflanze so verändert, dass die Pflanze diese Enzyme nicht mehr bildet. Das Ergebnis: Die Früchte der gentechnisch veränderten Tomatenpflanze blieben länger fest als bei anderen Tomatenpflanzen: nämlich 30 Tage bei Ausschaltung eines Enzyms und 45 Tage bei Ausschaltung beider Enzyme. Die Forscher haben festgestellt, dass die gleichen Enzyme auch bei Bananen, Mangos oder Papayas vorkommen. Nun wollen sie diese Obstsorten auf dieselbe Weise länger knackig machen.

Die erste Antimatsch-Tomate

Die erste gentechnisch veränderte Tomate, die länger haltbar war, züchteten US-amerikanische Wissenschaftler. Sie trug den Namen "Flavr Savr" und kam im Jahr 1994 in die Supermärkte der USA. Weil nur wenige Menschen die Tomate kauften, stellte die Firma ihre Herstellung drei Jahre später wieder ein. In Deutschland sind bisher keine gentechnisch veränderten Tomaten erhältlich.

Warum gibt es Bedenken gegen Gen-Technik?

Wie bei der längeren Haltbarkeit der Tomate haben Gen-Techniker das Ziel, bestimmte Eigenschaften zu verbessern. Sie versuchen zum Beispiel, Nutzpflanzen wie Mais widerstandsfähiger gegen Krankheiten oder Schädlinge zu machen, damit weniger Ernten ausfallen. Oder sie forschen daran, wie Pflanzen mit weniger Nährstoffen auskommen können, so dass sie auch auf sehr trockener oder salziger Erde wachsen.

Viele Menschen finden den Einsatz der Gen-Technik bei der Herstellung von Lebensmitteln nicht gut. Sie befürchten unter anderem, dass die gentechnisch veränderten Pflanzen sich in der Natur ausbreiten und sich die veränderten Erbinformationen auf andere Pflanzen übertragen. Das Problem: Niemand weiß, welche Auswirkungen dies auf die Natur auf lange Zeit haben wird. Dasselbe Risiko besteht, wenn wir gentechnisch veränderte Lebensmittel essen. Denn es gibt noch keine Untersuchungen darüber, ob und wie sich gentechnisch veränderte Nahrung langfristig auf unseren Körper auswirkt. Außerdem kann Gen-Technik wie im Fall der Anti-Matsch-Tomate die Menschen täuschen: Denn bei einer Tomate, die zwar noch frisch aussieht, aber schon lange lagert, sind die meisten Vitamine bereits abgebaut. Gesünder ist eine frische Tomate!
TomatenIn frischen Tomaten stecken Vitamine. © icomedias

Wie erkenne ich Gen-Lebensmittel?

Lebensmittel, die mit Hilfe von Gen-Technik hergestellt wurden, müssen in Deutschland gekennzeichnet sein. Dann steht zum Beispiel in der Zutatenliste oder auf einem Etikett der Vermerk "genetisch verändert". Bei unverpackten Lebensmitteln muss ein Hinweisschild darauf aufmerksam machen. Eine Ausnahme sind tierische Lebensmittel wie Fleisch, Milch oder Eier, die nur indirekt mit Hilfe von Gen-Technik hergestellt wurden: Ihnen sieht man nicht an, ob die Tiere gentechnisch verändertes Futter gefressen haben. Wer auf Nummer sicher gehen will, muss Bio-Lebensmittel kaufen. Bei deren Herstellung ist Gen-Technik verboten.

Text: Kirsten Menzel